Meine persönlichen Buchpreis-Favoriten

Buchpreisfavoriten

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Da morgen die Longlist 2022 des Deutschen Buchpreises verkündet wird, habe ich mental noch mal die nominierten Bücher der letzten Jahre Revue passieren lassen. Bei den hier aufgelisteten Titeln handelt es sich um meine absoluten Top-Favoriten der Jahre 2018 bis 2021. Einige andere Titel haben mich durchaus auch überzeugen können, aber an diese hier denke ich als allererstes!

#Rezension Maxim Biller: Sechs Koffer

Maxim Biller: Sechs Koffer

“Sechs Koffer” ist ein autobiographischer Roman, in dem es um das größte Geheimnis der russisch-jüdischen Familie des Autors geht: wer hat den Großvater verraten, der 1960 in der Sowjetunion hingerichtet wurde? Es kann nur ein Familienmitglied gewesen sein, und  so betrachtet man sich mit gegenseitigem Misstrauen. Die Geschichte ist fast zu gut, um nicht erfunden zu sein. Sie ist unterhaltsam, spannend, regelrecht süffig, und hat doch Substanz – im Grunde ist “Sechs Koffer” das perfekte Einstiegsbuch für Leser, die vor Buchpreis-Büchern zurückschrecken, weil sie dröhnende Langeweile fürchten.

Also nein, die Geschichte ist nicht erfunden, sie hat autobiographische Grundlagen. Es ist mutig, die eigene Familie so an den Pranger zu stellen, aber Maxim Biller verwebt die harten Fakten seiner Familiengeschichte mit fiktiven Elementen und heraus kommt ein Roman, der der die reinste Wundertüte ist: Familienroman, Kriminalroman, Abenteuerroman, Spionagegeschichte, zeitgeschichtliches Dokument.

[Link] Vollständige Rezension “Sechs Koffer”

Matthias Senkel: Dunkle Zahlen

Matthias Senkel: Dunkle Zahlen

Es geht um Planwirtschaft und den Kalten EDV-Krieg, um Vetternwirtschaft und Alkoholismus, und als wäre das nicht genug, auch noch um Spionage, Juri Gagarin, russische Literatur und einen sprechenden Fisch. Ach ja, auch ein Hauch Dystopie darf  nicht fehlen. Vieles ist historisch belegt, und was erfunden ist, fügt sich nahtlos in den zeitgeschichtlichen Rahmen ein.

Konventionelle Erzählstruktur: Fehlanzeige. Linear ist was anderes. Das Inhaltsverzeichnis ist ein Programmablaufplan, der dich in wilden Sprüngen hinundherblättern lässt.

[ FORMULA TOO COMPLEX ] [ ABORT ] […]

…meine üblichen Rezensionskriterien funktionieren nicht für dieses Buch. Die Geschichte ist irrsinnig (komplex). Die Charaktere sind zu zahlreich, um auch nur für die Hälfte Mitgefühl zu entwickeln, doch Emotionalität ist hier ohnehin eher Bug als Feature. Von einem Spannungsbogen kann man kaum sprechen, so weit ist die Handlung heruntergebrochen auf einzelne Bausteine, und nicht alle Themen werden bis zum Schluss verfolgt. Im Rahmen der Geschichte macht das Sinn, soll dieser Roman doch das unvollendete Werk einer verloren gegangenen Literaturmaschine sein, und Matthias Senkel nur dessen Übersetzer.

Ich bin keine Expertin für experimentelle Literatur, aber sollte mich in Zukunft jemand bitten, ihm ein experimentelles Buch zu empfehlen (die Wahrscheinlichkeit geht gegen 0), wird meine Wahl auf “Dunkle Zahlen” fallen. Denn auch wenn es bisher so klang, als habe mir das Buch nicht gefallen, bin ich tatsächlich sehr froh, es gelesen zu haben. Es ist intelligent, ambitioniert, einfallsreich, exzellent recherchiert, immer wieder überraschend, manchmal verspielt.

[Link] Vollständige Rezension “Dunkle Zahlen”

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich

Hier ist noch alles möglich, und doch geht es in diesem Buch vor allem um Grenzen. Überall nimmt die namenlose Ich-Erzählerin sie wahr, in Form von Zäunen, Mauern, Gruben, Warnschildern, und gleichzeitig beobachtet sie die Bedrohung dieser Grenzen. Die Pflanzen, die einfach hindurchwuchern, der Rost, der sich ebenfalls nicht um Zäune schert, und natürlich der Wolf, der einfällt in die geordnete menschliche Welt – oder auch nicht.

Ein Angestellter glaubt, den Wolf auf dem Fabrikgelände gesehen zu haben, und der Chef reagiert maßlos: er stellt eine zusätzliche Nachtwächterin ein (die Erzählerin), lässt eine Fallgrube ausheben und Tellereisen legen. Dabei hat er Probleme, die für seine Lebenswirklichkeit viel dringlicher sind, denn seine Fabrik steht kurz vor dem Aus. Angesichts der drohenden Katastrophe wird der Wolf (unbewusst) zum vermeintlich lösbaren Ersatzproblem.

Konkrete Grenzen verschwimmen mit der diffusen Angst vor dem Verlust des Vertrauten. Beim Lesen lässt sich viel entdecken, was über die reine Handlungsebene hinausgeht.

[Link] Vollständige Rezension “Hier ist noch alles möglich”

Susanne Röckel: Der Vogelgott

Susanne Röckel: Der Vogelgott

“Der Vogelgott” ist ein Roman, der Assoziationen weckt – vor allem mit Kafka, aber auch Edgar Allen Poe und H.P. Lovecraft klingen an. Meine Notizen strotzen nur so vor Begriffen wie “befremdlich”, “bösartig” und “bedrohlich”, aber auch “unwiderstehliche Sogwirkung” habe ich mir direkt dreimal notiert. Susanne Röckel hat mit “Der Vogelgott” einen schwarzromantisch-abgründigen Schauerroman geschrieben. Realistisch ist das nicht, muss und will es auch nicht sein.

Ein Vater und seine drei erwachsenen Kinder geraten auf verschiedensten Wegen in den Dunstkreis eines archaischen Kultes, der einen Vogelgott verehrt. Was ihnen widerfährt, liest sich wie ein Albtraum. Die Zivilisation, so scheint es, ist wenig mehr als Blendwerk; darunter verbirgt sich eine mythologische Naturgewalt, der der Mensch wenig entgegenzusetzen hat. Immer wieder wird ihnen Hilfe verweigert oder sie werden von anderen Menschen ignoriert – im buchstäblichen Sinne hilflos werden sie mitgerissen von ihren Erlebnissen.

Die Schauplätze bleiben angedeutet und vage, der Leser kann die Lücken also beliebig mit Orten seiner eigenen Lebenswirklichkeit füllen. Die Charaktere sind zwiespältige Gestalten, Personifizierungen des menschlichen Strebens nach Sinn – wie die Charaktere in Kafkas Werken sind sie dabei scheinbar zum Scheitern verurteilt.

[Link] Vollständige Rezension “Der Vogelgott”

Jackie Thomae: Brüder

Jackie Thomae: Brüder

Mick bringt sich schon als Jugendlicher ständig in Schwierigkeiten: Er trinkt, kokst, dealt und versucht, mit Klein- bis Großkriminalität das schnelle Geld zu machen. Er ist kein schlechter Kerl, eigentlich nicht, nur auf Abwege geraten – immer wieder. Was machst du denn, du bist doch nicht dumm? Warum dieser ganze Schwachsinn, du bist doch kreativ? Das wollte ich ihn beim Lesen immer wieder fragen.

Gabriel ist diszipliniert, karriereorientiert und dabei gleichzeitig ein Advokat sozialer Gerechtigkeit. Sein Leben verläuft strikt nach Schema, er überlässt nichts dem Zufall. Sein Sohn Albert trägt Dreadlocks, während Gabriel sich anhören muss, er sei ein “Oreo” – außen schwarz, innen weiß, ein Möchtegern-Weißer. Als Gabriel die Nerven verliert und eine Studentin so attackiert und demütigt, dass die Sache vor Gericht geht, gerät sein Leben aus den Fugen.

Die beiden Brüder erfahren erst von der Existenz des jeweils anderen, als ihr bisher durch Abwesenheit glänzender Vater sie kontaktiert. Gemeinsam haben sie tatsächlich nur ihre Haltlosigkeit: Beide wissen so gut wie nichts über ihre Herkunft und die Kultur ihres Vaters, sie nennen keine tragfähige afrodeutsche Identität Ihr eigen.

Die Autorin ist eine Meisterin der Grauzonen. Sie spricht von verpassten und ergriffenen Chancen, von Akzeptanz und Verrat, von Glücks- und Unglücksfällen … Von verschiedenen Leben, deren Echos über Generationen widerhallen, ob man davor die Ohren verschließt oder nicht. Daraus ergibt sich ein beeindruckender Tiefgang, dem die Leichtigkeit dennoch nicht abhanden kommt. 

[Link] Vollständige Rezension “Brüder”

Saša Stanišić: Herkunft

Saša Stanišić: Herkunft

“Herkunft” klingt nach Heimat, klingt vertraut und einfach, und ist dennoch ein unglaublich komplexes Konzept. “Herkunft” ist ein Begriff, der dicht verwoben ist mit persönlichen Erfahrungen, Erwartungen, Wünschen und Ängsten, mit dem ureigensten Selbstbild, mit familiärer Historie und dem eigenen geographischen Ursprung, mit Heimat oder deren Verlust. “Herkunft” ist ein zutiefst subjektives Bedeutungsgeflecht – und dennoch ein Begriff mit politischen Dimensionen, der auch missbraucht wird.

Saša Stanišićs Erinnerungen spiegeln diese Vielfalt perfekt wider. Ihm gelingt immer aufs Neue die Gratwanderung zwischen der einen und der anderen Facette der Wahrheit. Trauer, Sehnsucht, Wut und Schmerz haben ihren Platz neben Freude und augenzwinkerndem Witz. Mal unheimlich lustig, mal unsäglich tragisch, manchmal beides auf einmal. Er erzählt mit leichtfüßiger Fantasie und viel Humor, ohne die Tragik seiner eigenen Geschichte, untrennbar verbunden mit der Geschichte seines Geburtsorts Višegrad, im geringsten zu schmälern.

Die Sprache ist wunderbar: mal kindlich naiv, mal geradezu weise, mal voller Zärtlichkeit, wenn er zum Beispiel von der Großmutter erzählt, die Stück für Stück an die Demenz verloren geht und mit der das Buch beginnt und endet. Immer treffen seine Worte genau den Nerv der beschriebenen Szene; nie wird es pathetisch, denn wo er Gefühl ausdrückt, wirkt es auch echt. Besonders prägnant sind Stanišićs Gedanken über die Kraft der Sprache: über die Türen, die sie öffnet, über die Möglichkeiten, die sie bietet. Besonders für den, der in der Fremde leben muss.

[Link] Vollständige Rezension “Herkunft”

Angela Lehner: Vater unser

Angela Lehner: Vater unser

Eva wurde gerade in der Psychiatrie abgeliefert. Von der Polizei, in Handschellen. Weswegen? Sie behauptet, sie habe eine ganze Kindergartenklasse erschossen. Deswegen. Aber das ist nur eine von unzähligen Lügen, hinter denen sie sich versteckt – wobei man nie so genau weiß, was nicht vielleicht doch die Wahrheit ist. Fest steht: ihr Bruder sitzt ebenfalls in dieser Anstalt. Fest steht auch: sie ist besessen von der Idee, gemeinsam mit ihm auszubrechen und zusammen den Vater zu ermorden. Oder doch nicht? Während sie an ihrem Plan schmiedet, freundet Eva sich mit Chefpsychiater Korb an, indem sie krasse Unverschämtheiten mit ihm austauscht.

So etwas Rotzfreches, Witziges, Bitterböses und Tragisches liest man selten, nicht in dieser Kombination und geballten Konzentration. Das Buch macht enorm viel Spaß – wenn auch mit bitterem Beigeschmack! –, ist so grandios wie kurios, und doch verliert man die ernsthaften Aspekte nie aus dem Blick. Was Normalität ist und was Wahn, bleibt immer wieder offen, und auch, ob man Eva bemitleiden, lieben oder verachten sollte. Aber das tut der Spannung keinen Abbruch, und ich zumindest habe das Buch in kürzester Zeit verschlungen.

Die Autorin benutzt eine ausdrucksstarke, freche, intensive und kompromisslose Sprache, um dem Leser die Handlung quasi vor die Stirn zu knallen. Hab Spaß, aber schäm dich auch dafür. Lache, aber winde dich auch vor Unbehagen. »Man holt sich beim Lesen blaue Flecken«, sagt Spiegel Online, und das trifft es perfekt.

[Link] Vollständige Rezension “Vater Unser”

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Vier Menschen treffen sich im stillen Haus am See: Max und Reik sind seit zwanzig Jahren ein Paar, das soll im kleinen Rahmen gefeiert werden. Eingeladen sind Tonio, ihr bester Freund, und dessen Tochter Pega, die von allen drei Männern großgezogen wurde. Doch natürlich verläuft das Wochenende nicht wie geplant. Vermeintliche Harmonie entpuppt sich als Trugschluss, alte Verwundungen und Sehnsüchte verursachen Risse, die immer weiter auseinanderklaffen im scheinbar soliden Freundschaftsgefüge. Doch da ist so viel Liebe, dass man als Leser:in die Hoffnung hat, die Versehrtheiten am Schluss golden glitzern zu sehen.

Narben, Risse, Sprünge, Splitter, Brüche, sie ziehen sich subtil durchs ganze Buch. Hier splittert zum Beispiel das Eis, dort ist die Borke eines Baumes rissig… Die Umgebung spiegelt wieder, was in den Charakteren vorgeht. Besonders eine Teeschale wird zum Sinnbild; sie zerbricht und wird so repariert, dass es außer dem Verursacher niemand auch nur bemerkt – und zerbricht später ein zweites Mal.Die Geschichte summt mit einer leisen Melancholie, die gleichermaßen schmerzt und tröstet: Kummer, der seine Schönheit entfaltet. Auch das ist Kintsugi. Dies ist meines Erachtens ein Buch zum Langsamlesen, zum Bewusstwerden und Nachspüren.

[Link] Vollständige Rezension “Kintsugi”

Karen Köhler: Miroloi

Karen Köhler: Miroloi

Hier auf der Insel gibt es nur das schöne Dorf. Hier sind die Rollen klar verteilt: die Männer haben alle Rechte, die Frauen keine. Die Erzählerin ist sogar noch machtloser als ihre Geschlechtsgenossinnen, denn als Findelkind hat sie keinen Namen, darf daher keinen Besitz ihr eigen nennen und wird irgendwann sterben, ohne dass jemand das Miroloi, ihr Totenlied, für sie singt. Daher singt sie es im Kopf schon mal für sich selber.

Doch das ist nicht das ganze Ausmaß ihrer Rebellion.

Wird eine Frau dabei ertappt, sich das Lesen beizubringen, steht darauf der Schandpfahl. Doch die Erzählerin wünscht sich schon seit ihrer frühsten Kindheit sehnlichst, diese rätselhaften Zeichen zu verstehen, weil sie ahnt, dass sich dahinter ganz neue Wahrheiten verbergen. Als ihr Findelvater damit beginnt, sie heimlich zu unterrichten, erweitert ihre Welt sich so rasant, dass einem schwindlig werden kann. Es zeigt ihr, dass es mehr gibt als nur ihre begrenzte Existenz. Es zeigt ihr, wie die Obrigen die Machtstrukturen verbiegen, erzwingen, ausnutzen, mit der Religion als ultimatives Instrument der Herrschaft.

Hier geht es nicht nur um Frauenrechte, sondern genauso um die Ängste der Männer, die zur Unterdrückung der Frauen führen – um Tradition und Gemeinschaft, um Fortschrittsverweigerung und Fremdenhass und Ausgrenzung. Der Autorin gelingt es, der ohnehin schon tiefgründigen, ausdrucksstarken Geschichte über Klang und Struktur der Sprache eine zusätzliche Dimension zu verleihen.

[Link] Vollständige Rezension “Miroloi”

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Ruths Eltern sind gestorben und haben zu Lebzeiten verfügt, in ihrer Heimatstadt Groß-Einland begraben werden zu wollen. Nur hat anscheinend nie jemand von diesem Ort gehört und er ist nirgendwo verzeichnet. Ruth macht sich dennoch auf die Suche und spürt letztendlich eine kleine Stadt auf, die über einem enormem Hohlraum gebaut wurde und seit Jahren immer weiter in den Abgrund sinkt. Und in diesem Loch wurden anscheinend schon seit langer Zeit alle Schandtaten und Geheimnisse der Stadt versenkt…

Raphaela Edelbauer erzählt ohne Zweifel eine vielschichtige, komplexe Geschichte. Die wird manchmal so surreal, geradezu grotesk, dass einem der Kopf schwirren kann, bietet aber auch eine unverbrauchte und tiefreichende Originalität. Schon nach den ersten Seiten war ich rettungslos gefangen. Verzaubert und bereit, erstmal alles hinzunehmen, so fantastisch es auch sein möge, ließ ich die Sprache auf mich wirken. Raphaela Edelbauer bedient sich ungeheuer redegewaltiger Sätze, findet grandiose Bilder und Metaphern und Wortneuschöpfungen, die die absonderliche Welt von Groß-Einland perfekt zum Leben erwecken. Alles fließt und sickert und tropft und wabert – das flüssige Land eben.

Kafka trifft “Alice im Wunderland” in einer Geschichte, die eine Vielzahl von Themen verbindet: die persönliche Schuld, das kollektive Wegsehen, die fehlgeleitete Sucht nach Harmonie – gewürzt mit schrägen Gestalten wie der falschen Gräfin Knapp-Korb von Weidenheim und kleinen Seitenhieben auf Heimatromane, wie eine 400-köpfige Blaskapelle.

[Link] Vollständige Rezension “Das flüssige Land”

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Ich fasse mich kurz: Ein Roman, der beim Lesen Wunden aufkratzt, Dunkelstellen bloßlegt, den Leser:innen nicht erlaubt, die Augen zu verschließen – weder vor Ausbeutung, Sexismus und sexueller Gewalt, noch vor den Machtstrukturen, die diese ermöglichen oder zumindest nicht verhindern. Die Protagonistin muss erkennen, dass ihr erlebtes Unrecht und erlebter Schmerz aberkannt werden, und das nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen, die gelernt haben, in einem von Männern geprägtem System erfolgreich zu sein. Die Autorin lässt all das in einer Sprache voller Symbolik anklingen – mal leise und unterschwellig, mal atemberaubend ausdrucksstark.

“Blaue Frau” ist großartig, es ist einmalig und überzeugend und kraftvoll. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich den Titel tatsächlich erst am Abend vor der Preisverleihung beendet und mir gedacht: Oh. Last, but certainly not least.

Mithu M. Sanyal: Identitti

Mithu M. Sanyal: Identitti

Das große Idol der jungen Halbinderin Nivedita ist Dozentin Saraswati, die ihr zum ersten Mal im Leben zu einem Gefühl der Identität und des Gehört-Werdens verholfen hat. Zack, da stellt die sich überraschend als weiße Frau heraus, die sich nur braun anmalt. Das kommt nicht so gut, wenn frau sich in allen Medien als Galionsfigur einer neuen Zeit verkauft hat, in der PoC sich selbstbewusst behaupten können, ohne sich rassistischen Strukturen zu beugen. Nur die AfD ist entzückt.

Nivedita ist wütend. Nivedita ist verletzt. Nivedita ist verliebt. Und daher geht sie zu Saraswati und stellt sie zur Rede. Und die Göttin Kali hat dabei auch ein Wörtchen mitzureden.

So einfallsreich, so kunterbunt, so frech, so authentisch, so tiefgründig und alles auf einmal, so muss frau erstmal schreiben können. Mithu M. Sanyal kann das. Die Charaktere sind grandios – auch und gerade die kontroverse Saraswati, die es der Heldin und den Leser:innen wahrlich nicht leicht macht. Der Schreibstil schert sich nicht die Bohne um Konventionen, und das Ganze kommt mit sehr viel Humor und einer Dosis Herzschmerz daher.

[Link] Vollständige Rezension “Identitti”

Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren

Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren

Rund ums Jahr 1918: In einem kleinen russischen Dorf haben die Menschen vom Roten Oktober und dem wütenden Bürgerkrieg bisher gar nichts gehört; in diese abgeschiedene Gegend kommen nur selten Nachrichten, geschweige denn Reisende. Hier gibt es keine jungen Männer mehr, die eingezogen werden könnten – die meisten sind in einem der letzten Kriege gefallen oder nur versehrt zurückgekehrt. Spielt da für die Dörfler noch eine Rolle, was irgendwo in einem ganz anderen Winkel des untergehenden Zarenreiches geschieht?

Weit weg sind der Bürgerkrieg, die politischen Umwälzungen, die Machtkämpfe… Im Kleinen lassen sich im Dorf indes ähnliche Strukturen beobachten, so dass die Geschehnisse wirken wie eine Parabel, die Bewohner wie Charaktere in einem satirischen Puppenspiel. Da sind der bedingungslose Glaube an Autoritäten oder die Auflehnung dagegen, da sind Tradition oder Fortschritt, Personenkult oder freigeistiges Denken, Neid und Gier, Angst und Wahn. Leise und laute Stimmen verweben sich in vielfältigem Chorgesang zum charmant-skurillen Portrait eines Dorfes, das in all seinen Eigenheiten eine gewisse Allgemeingültigkeit erhält.

Das Buch habe ich quasi in einem Rutsch weggelesen, ich fand es unwiderstehlich. Der Schreibstil ist außergewöhnlich, entwickelt über lange Passagen einen geradezu hypnotischen Sog. Die Autorin setzt gekonnt Stilmittel ein, die leicht zum Überdruss führen könnten (z.B. häufige Wiederholungen), bei ihr aber perfekt ein lebhaftes Bild und eine dichte Atmosphäre erzeugen. Ein leichtfüßiger Humor und schrullige Charaktere tun ihr Übriges für eine sehr unterhaltsame Lektüre, die dennoch nicht trivial ist.

[Link] Vollständige Rezension “Der Himmel vor hundert Jahren”

Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand

Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand

Zwei Männer verschlägt es im Jahr 1764 auf die Insel Gharapuri vor Mumbai: den Bremer Mathematiker Carsten Niebuhr und den persischen Astronom und Astrolabienbauer Musa al-Lahuri. Beide wollten eigentlich ganz woanders sein – aber jetzt sind sie nun mal hier gestrandet und machen das Beste draus.

Erstmal muss Meister Musa den am Sumpffieber erkrankten Niebuhr wenigstens halbwegs wieder auf die Beine bringen. Dann verständigt man sich so gut es geht auf Arabisch, und das führt zu einem zum Schreien komischen Sprachgewirr, das Masus fantasievolle Geschichten noch unterhaltsamer macht. Doch nach und nach werden die Gespräche immer tiefgründiger, bis das Sumpffieber wieder aufflackert und Masu gegen das Sterben anerzählt…

»Wir glotzen alle in den selben Himmel und sehen verschiedene Bilder.«
»Glotzen ist kein schönes Wort«, rügte Musa.
»Ich meine ‘glotzen’! Ich meine ‘hilflos, blöd und hoffnungslos schauen’! Ich meine ‘Affen des Mundes zu Markte tragen’! Wir glotzen nach oben und erfinden große Gestalten und hängen sie in den Himmel! Ich eine Frau und du eine Hand und was weiß ich, was andere sehen. Und dann gibt es Streit. Es ist zum Erbarmen!«
»Affen des Mundes?«

“Die Dame mit der bemalten Hand” ist ein ganz wunderbares Büchlein, das ich mit Sicherheit mehrmals lesen werde. Hier geht es um die Begegnung von Kulturen mit all den damit verbundenen Missverständnissen und Fallgruben, aber es liest sich auch einfach verdammt unterhaltsam. Klar wird außerdem: DEN Orient gibt es genauso wenig wie DEN Okzident.

[Link] Vollständige Rezension “Die Dame mit der bemalten Hand”

Stephan Roiss: Triceratops

Stephan Roiss: Triceratops

Das Buch ist ein Aufschrei, die Geschichte eines jungen Menschen, der an den psychischen Störungen seiner Familie zerbricht. Es ist ein unheilvoller Domino-Effekt: Der Großvater hat sich erhängt, die Mutter ist depressiv, die Schwester scheitert später katastrophal an ihrer eigenen Mutterrolle, der Vater kann das alles nicht mehr ertragen und greift zum Alkohol.

Und alles lastet schwer auf dem Rücken des Protagonisten, der sich schuldig fühlen muss für jeden Versuch, sich einen Raum für die eigenen Emotionen zu erobern. In seinen Gedanken streitet er ab, die Mutter zu lieben, als könne er sich damit auch der Co-Abhängigkeit entledigen:

“Wir sagten Mutter, dass wir sie lieben. Es war nicht wahr. Wir wollten nichts sagen, sie nicht berühren, nicht alleine mit ihr sein.“

Glück ist keine Option. »Alles ist gut« zieht sich wie ein Mantra durchs Buch, dabei ist hier rein gar nichts gut, für niemanden. Man ist versucht, Schuld zuzuweisen, um dem Ganzen wenigstens irgendeine Art von Sinn zu geben – und damit zu suggerieren, dass es eine Lösung des Problems geben kann.

Der Autor erzählt das in kompakter Form, die doch nie an erzählerischer Wucht verliert. Der Schreibstil ist oft nüchtern, bringt die Dinge verdichtet und wie nebenbei auf den Punkt. In meinen Augen eine gute Wahl, denn ein hochemotionaler Stil hätte die inhaltliche Dramatik womöglich bis ins Pathos überreizt und für den Lesenden unzumutbar gemacht.

[Link] Vollständige Rezension “Triceratops”

Deniz Ohde: Streulicht

Deniz Ohde: Streulicht

Deniz Ohde beschreibt eine Arbeiterkindheit mit Migrationshintergrund mütterlicherseits. Flüchtig von außen betrachtet, ist es die Geschichte einer rundum geglückten Integration, gar eines beachtlichen Bildungsaufstiegs: Die namenlose Protagonistin macht im Zweiten Bildungsweg ihr Abitur, lässt die verqualmte Arbeiterwohnung hinter sich, streift sich den Schmutz von den Schuhen und beginnt ein neues Leben… Blickt man jedoch durch ihre Augen, dann bröckelt die schöne Fassade.

“Ich sah nur die Raster in seinen Augen, durch die ich gefallen war und immer noch fiel. Ich sah, dass er darin zu Hause war. (…) »Ich werde das Schulsystem von innen heraus verändern«, diesen Satz hatte er mit Sicherheit gesagt und keine Lücke in seinem Denken entdeckt, weil es engmaschig war, weil es in sich schlüssig war, aber nicht außer sich, wo ich stand.”

Die Autorin zeichnet das Bild dieses beschwerlichen Bildungsaufstiegs mit ausdrucksstarken, ausgezeichnet ausformulierten Sätzen, die aufhorchen lassen. Die glasklare Schönheit der Sprache bildet einen scharfen Kontrast zu all dem Unrecht, das der Protagonistin widerfährt, dem bildungsfernen Milieu, aus dem sie stammt, und findet doch die perfekten Bilder dafür.

Das Buch rüttelt auf, zeigt einem in vielen Gedankensplittern ein Kaleidoskop des Alltagsrassismus und des Gatekeepings im Bildungssystem: du kommst hier nicht rein. Als die Protagonistin dann doch den Fuß in die Tür bekommt, wird ihr gönnerhaft versichert, sie sei ja nicht wie “die Anderen”. Die anderen Türkinnen? Die anderen Arbeiterkinder? Die Geschichte hallt nach, was sicher auch daran liegt, dass Deniz Ohde aus eigenen Erfahrungen schöpft.

[Link] Vollständige Rezension “Streulicht”

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson

Kann ein Kind ohne Schmerzempfinden, das die Aspekte der Verwundbarkeit auswendig lernt wie Vokabeln, sich zu einem mitfühlenden Wesen entwickeln – und das in einer Familie, die Jahrzehnte der Schuld und des Traumas stumm weiterreicht?

Tatsächlich sind es Emils Mutter Alma und deren Großeltern, die für einen Großteil des Buches auf der Bühne der Geschehnisse stehen, doch der Junge ist durch seine Analgesie Inbegriff und gleichzeitig Kontrapunkt der Thematik. Schmerz ist ein Empfinden, das jeder kennt, das keiner Erklärung bedarf. Emil jedoch, der Schmerzlose, der Unschuldige, wird zum Symbol: fleischgewordene Sühne, das Negativbild seines Urgroßvaters, dessen Kriegstraumata und Kriegsverbrechen niemals beim Namen genannt werden.

Der Schreibstil ist großartig. Ruhige, fast schon karge Sätze entfalten sich in bestechend präzisen Beobachtungen, die ein Stück Leben nach dem anderen aus dem Würgegriff der vermeintlichen Normalität befreien. Dann folgen wiederum traumhafte Passagen mit fast schon lyrischem Timbre. Die Autorin schildert die Geschehnisse einfühlsam und subtil, in wunderschönen Formulierungen und klaren, eindrücklichen Bildern – ohne zu beschönigen oder kleinzureden. Sie hat ein besonderes Gespür für den Schmerz, den alltäglichen wie den außergewöhnlichen: Sie sieht das, was nicht zusammenpasst, was zuwiderläuft, was hätte sein sollen aber nicht ist. Man atmet erstaunt auf, nur um dann bekräftigend zu nicken: ja, so ist das.

[Link] Vollständige Rezension “Herzklappen von Johnson & Johnson”

Dies sind also meine persönlichen Buchpreis-Favoriten!

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