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[ Rezension ] Angela Lehner: Vater unser

Angela Lehner Vater unser

Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir von Netgalley im Auftrag des Verlags zur Verfügung gestellt.

© Cover ‚Angela Lehner: Vater unser‘: Hanser Berlin
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

Die Polizei hat sie hergebracht, in die psychiatrische Abteilung des alten Wiener Spitals. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet sie zumindest. Denn manchmal ist die Frage nach Wahrheit oder Lüge selbst für den Leser nicht zu unterscheiden. In ihrem fulminanten Debüt lässt Angela Lehner eine Geistesgestörte auftreten, wie es sie noch nicht gegeben hat: hochkomisch, besserwisserisch und zutiefst manipulativ.

(Klappentext)

So grandios erstickt das Lachen.

Die Protagonistin:

Sie sitzt in der psychiatrischen Abteilung, weil sie eine ganze Kindergartenklasse erschossen hat. Behauptet sie. Weiß nur keiner was von. Sie ist traumatisiert, weil sie vom Vater vergewaltigt wurde. Oder auch nicht. Ihre Mutter ist tot, wie tragisch. Nur steht sie dann da und will ihre Tochter besuchen.

Glauben, das merkt man schnell, sollte man Eva gar nichts; gewiss ist nur, das es mit ihr keine Gewissheit geben kann. Sie lügt, sie täuscht, sie blendet, sie manipuliert, mit dreister Mühelosigkeit und einem Hauch der Verzweiflung. Sie ist witzig, geradezu zum Schreien komisch, aber dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken – immer wieder.

Warum sie so ist, wie sie ist, stellt sich als schwierige Frage heraus, deren Bedeutung sich immer weiter verästelt: Ist sie wahnsinnig oder tut sie nur so? Ist sie schwer traumatisiert oder einfach ein narzisstisches Miststück?

Um von ihren eigenen Wunden abzulenken, kratzt sie den Schorf von den Wunden anderer Menschen, reibt Salz hinein und wartet auf das Blendwerk des Zorns. So entzieht sie sich der Analyse, kann es hinter all ihrem Bravado jedoch nicht gänzlich verbergen: das Leiden, das ihr stumm und stetig aus allen Poren blutet.

Aber eigentlich geht es ihr ohnehin um etwas ganz anderes: Sie hat einen abstrusen, wahnwitzigen, folgerichtigen Plan, in den sie ihren magersüchtigen Bruder gegen dessen Willen mit hineinzieht. Um diesen zu retten und sich selbst damit zu verdammen, soll der Vater sterben, der sie beide verraten hat. Endlich, endlich.

Andere Charaktere:

Neben Eva spielen vor allem ihre Mutter, ihr Bruder Bernhard und Chefpsychiater Dr. Korb wichtige Rollen. Die familiären Beziehungen sind geprägt von vielen Jahren gegenseitiger Verletzungen und empfundenen Verrats. Während Eva darauf mit ungezügelter Aggression reagiert und ihre Mutter mit einem selbstherrlichen Märtyrersyndrom, versucht Bernhard, sich heimlich, still und leise zu Tode zu hungern.

Derweil erreichen Krug und Eva schon bald einen kuriosen Rapport, indem sie sich in freundschaftlicher Verbundenheit Beleidigungen um die Ohren hauen, die es in sich haben. Man spürt: das ist genau das, was beide brauchen – Patientin und Psychiater bieten sich ein dringend benötigtes Ventil für ihre Frustrationen, im unausgesprochenen gegenseitigen Einverständnis, die Schmähungen nicht für bare Münze zu nehmen. Und doch ist es für beide auch bitterer Ernst.

»Ach, Frau Gruber«, sagt Korb und seufzt, »so klug sind Sie. Was hätte aus Ihnen bloß alles werden können, wenn sie nicht so verrückt wären.«
Ich nicke. »Ja«, sag ich, »wenn ich einfach nur ein bisschen blöder wär, hätt ich zum Beispiel Psychiater werden können.«
Wir lächeln uns an.

»Jetzt muss ich Sie langsam einmal anzeigen, Korb«, sag ich. (…) »Sie sind sowas von unprofessionell. Welcher Psychiater nennt denn den eigenen Patienten verrückt?« (…)
»Es tut mir leid, Frau Gruber«, sagt er, »man hat mir eh schon öfter kündigen wollen, aber bei Ihnen waren sich alle einig: Für die Gruber reicht’s grad noch.«
Um mein Grinsen zu vertuschen, dreh ich mich wieder zum Fenster.

(Zitat)

Die Autorin schreibt Charaktere, die gleichzeitig überlebensgroß und direkt aus dem Leben gegriffen scheinen – das ist ganz nahe dran am Klischee, vermeidet dies jedoch mit einer überraschenden emotionalen Tiefe, die nie rührselig wirkt.

Originalität, Humor und Spannungsbogen:

So etwas Rotzfreches, Witziges, Bitterböses und Tragisches liest man selten, nicht in dieser Kombination und geballten Konzentration. Das Buch macht enorm viel Spaß – wenn auch mit bitterem Beigeschmack! –, ist so grandios wie kurios, und doch verliert man die ernsthaften Aspekte nie aus dem Blick. Was Normalität ist und was Wahn, bleibt immer wieder offen, und auch, ob man Eva bemitleiden, lieben oder verachten sollte. Aber das tut der Spannung keinen Abbruch, und ich zumindest habe das Buch in kürzester Zeit verschlungen.

Außerdem gibt es unerwartete Wendungen, die es an Überraschung und sogar Schockfaktor wirklich in sich haben und im Rückblick dennoch unvermeidlich sind: die Puzzleteilchen, deren Fehlens man sich gar nicht bewusst war, bis sie mit einem leisen Klicken ins Gesamtbild einrasten.

Schreibstil:

Der Schreibstil, um es salopp zu sagen, ist einfach der Hammer. Und hier ist dieser Ausdruck so passend wie selten, denn die Autorin benutzt eine ausdrucksstarke, freche, intensive und kompromisslose Sprache, um dem Leser die Handlung quasi vor die Stirn zu knallen. Hab Spaß, aber schäm dich auch dafür. Lache, aber winde dich auch vor Unbehagen.

„Man holt sich beim Lesen blaue Flecken“, sagt Spiegel Online, und das trifft es perfekt.

Fazit

Eva wurde gerade in der Psychiatrie abgeliefert. Von der Polizei, in Handschellen. Weswegen? Sie behauptet, sie habe eine ganze Kindergartenklasse erschossen. Deswegen. Aber das ist nur eine von unzähligen Lügen, hinter denen sie sich versteckt – wobei man nie so genau weiß, was nicht vielleicht doch die Wahrheit ist.

Fest steht: ihr Bruder sitzt ebenfalls in dieser Anstalt. Fest steht auch: sie ist besessen von der Idee, gemeinsam mit ihm auszubrechen und zusammen den Vater zu ermorden. Oder doch nicht? Während sie an ihrem Plan schmiedet, freundet Eva sich mit Chefpsychiater Korb an, indem sie krasse Unverschämtheiten mit ihm austauscht.

Das Buch ist unglaublich witzig und unglaublich tragisch, oft beides gleichzeitig, so dass man sich am Lachen verschluckt. Für mich ist dieser Debütroman ein ganz heißer Kandidat für den Deutschen Buchpreis.

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Das ist jetzt schwer, denn „Vater unser“ ist vor allem deswegen so beeindruckend, weil es in vielem einzigartig ist.

Entschieden habe ich mich für „Hier ist noch alles möglich“, weil ich mir vorstellen könnte, dass die Protagonistinnen beider Bücher sich viel zu sagen hätten – und die Hälfte davon wäre wahrscheinlich eine Lüge. „Das Leben ist eins der Härtesten“ kam auf die Liste, weil einem auch bei diesem Buch das Lachen im Halse steckenbleiben kann. „Nach Feierabend“ schließlich hat ebenfalls ein Gespür für den alltäglichen Wahnsinn.

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich
Giulia Becker: Das Leben ist eins der Härtesten
Kathrin Spoerr, Britta Stuff: Nach Feierabend

Buchliebling
 
TitelVater Unser
Originaltitel
Autor(in)Angela Lehner
Übersetzer(in)
Verlag*Hanser Berlin
ISBN / EANeBook: 9783446263055
Buch: 9783446262591
Seitenzahl*284
Erschienen im*Februar 2019
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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Signatur Mikka

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