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[ Rezension ] Jackie Thomae: Brüder

Jackie Thomae Brüder

Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir von Netgalley im Auftrag des Verlags zur Verfügung gestellt.

© Cover ‚Brüder‘: Hanser Berlin
© Bild Smartphone / Twitter-Symbol: Pixabay

Was macht uns zu dem, der wir sind?

„Brüder“ erzählt die Geschichten von Mick und Gabriel, die von ihrem Vater nur die dunkle Hautfarbe geerbt haben. Ihre Leben nehmen geradezu gegensätzliche Verläufe, bis sie sich lose überschneiden.

Im ersten Teil des Buches folgen wir dem Leben von Mick, 1985 bis 2000.

Mick bringt sich schon als Jugendlicher ständig in Schwierigkeiten: er trinkt und kokst und dealt und versucht, mit Klein- bis Großkriminalität das schnelle Geld zu machen.

Dazu kommen bedeutungslose Frauengeschichten, fragwürdige Freunde und eine generelle Haltlosigkeit. Er ist kein schlechter Kerl, eigentlich nicht, nur auf Abwege geraten – immer wieder. Was machst du denn, du bist doch nicht dumm? Warum dieser ganze Schwachsinn, du bist doch kreativ? Das wollte ich ihn beim Lesen immer wieder fragen. Man ahnt, er könnte das, was er sucht, finden, wenn er nur endlich einen Gang runterschalten und seine eigenen Ressourcen ausloten würde. Denn die hat er; da ist ganz viel Potential, das er nur nicht ausschöpft.

Dann kommt in einem Intermezzo Idris zu Wort, der Vater.

Man erfährt etwas über seinen Hintergrund: Wie es ihn aus dem Senegal in die DDR verschlug und wieder zurück. Was ihn motivierte. Wie es kam, dass er im selben Jahr zwei Söhne von zwei verschiedenen Frauen bekam. Letztendlich bleibt jedoch nur eines mit absoluter Sicherheit stehen: er ließ beide Mütter und beide Söhne im Stich. Ein Samenspender also, kein Vater – doch jetzt langsam in einem Alter, in dem er seine ganze Familie um sich versammeln will.

Der zweite Teil des Buches schließt zeitlich an den ersten an und handelt von Gabriel.

Gabriel ist diszipliniert, karriereorientiert und dabei gleichzeitig ein Advokat sozialer Gerechtigkeit. Sein Leben verläuft strikt nach Schema, er überlässt nichts dem Zufall.

Albert, sein Sohn im Teenager-Alter, rebelliert gegen diese Starre, und seine Frau Fleur predigt ihm schon seit langem, er leide an Burnout, was er vehement abstreitet. Es ist Albert, der Dreadlocks trägt, während Gabriel sich von einer Freundin anhören muss, er sei ein „Oreo“ – außen schwarz, innen weiß, ein Möchtegern-Weißer.

Als er schließlich unter dem Karrieredruck zerbricht und eine schwarze Studentin aus banalstem Grund demütigt, muss er sich vor Gericht verantworten und wird als Rassist gebrandmarkt.

Im Epilog, der 2017 spielt, laufen die Geschichten zusammen.

Mick und Gabriel kennen sich nicht, sie wissen noch nicht einmal voneinander, bis Idris sie kontaktiert. Man kann sich ohnehin kaum vorstellen, dass sie sich mögen würden – ich habe mich immer wieder dabei ertappt, wie ich nach Gemeinsamkeiten suchte und mich stattdessen an frappanten Unterschieden stieß. Gemeinsam haben sie tatsächlich nur ihre Haltlosigkeit: beide wissen so gut wie nichts über ihre Herkunft und die Kultur ihres Vaters, sie nennen keine tragfähige afrodeutsche Identität Ihr eigen.

Die Auflösung wird nicht so vollständig und nahtlos vollzogen, wie man es sich als Leser vielleicht gewünscht hätte. Dennoch: da schließen sich Kreise, da eröffnen sich neue Möglichkeiten, und mehr kann man sich nicht erwarten. Ein erzwungenes Allround-Happy-End würde dem Buch nicht gerecht werden, es ist schon gut so, wie es ist.

So unterschiedlich die Brüder sind, so unterschiedlich lesen sich auch die beiden Teile des Buches.

Das führt zu einem drastischen stilistischen Bruch, der aber als passendes Stilmittel unterstreicht, wie gegensätzlich die Brüder in jeder Hinsicht sind.

Das Leben von Mick wird in der dritten Person erzählt. Das wirkt mal wie eine augenzwinkernde Gaunerschmonzette, mal wie ein Spannungsroman. Gabriel hingegen spricht nüchtern und vernunftsbetont in der ersten Person, und auch seine Frau Fleur kommt direkt in der Ich-Perspektive zu Wort.

Es kommen viele Themen zur Sprache – Rassismus, gesellschaftlicher Druck, Familie, die Zustände in der DDR –, doch keines davon wird so plakativ überreizt, dass dahinter die subtile Charakterisierung der beiden Brüder verloren gehen würde.

Die Autorin ist ohnehin eine Meisterin der Grauzonen.

Hier ist nichts und niemand eindeutig gut oder schlecht. Sie spricht von verpassten und ergriffenen Chancen, von Akzeptanz und Verrat, von Glücks- und Unglücksfällen… Von verschiedenen Leben, deren Echos über Generationen widerhallen, ob man davor die Ohren verschließt oder nicht.

Daraus ergibt sich ein beeindruckender Tiefgang, dem die Leichtigkeit dennoch nicht abhanden kommt. Die Charaktere wirken so echt, dass ich immer noch das Gefühl habe, ihre Leben müssten nun, wo ich das Buch beendet habe, auch ohne mich weiterlaufen. Sie sind in jeder Hinsicht vielschichtig und stimmig, so dass man auch dann gewillt ist, ihren Geschichten zu folgen, wenn sie schlechte Entscheidungen treffen.

Fazit

Mick und Gabriel sind schwarz. Mehr hat ihr Vater Idris ihnen bisher nicht geschenkt.

Sie wissen nichts voneinander, ihre Leben verlaufen so unterschiedlich, wie es nur möglich ist: Mick ist der mit der kleinkriminellen Jugend, Gabriel ist der studierte Architekt. Dennoch ist es Gabriel, der die Nerven verliert und eine Studentin so attackiert und demütigt, dass die Sache vor Gericht geht. Als Idris seine Söhne kennenlernen will, überschneiden sich die drei Leben.

Jackie Thomae erzählt das mit Leichtigkeit, unterhaltsam und doch keineswegs banal. Ein Buch, dem man Zeit geben sollte, das dabei aber nie langweilig wird.

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TitelBrüder
Originaltitel
Autor(in)Jackie Thomae
Übersetzer(in)
Verlag*Hanser Berlin
ISBN / ASIN9783446264151 (Hardcover)
9783446265097 (eBook)
Seitenzahl*432
Erschienen im*August 2019
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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Signatur Mikka

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