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[ Rezension ] Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir von Netgalley im Auftrag des Verlags zur Verfügung gestellt.

© Cover ‚Das flüssige Land‘: Klett-Cotta
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

Ruth Schwarz ist Physikerin – und zwar theoretische, wie sie immer wieder betont. Ihre Forschung bewegt sich jenseits der üblichen Vorstellungen, das Thema ihrer Doktorarbeit liest sich gar wie Science Fiction: sie beschäftigt sich mit dem Blockuniversum, einer alternativen Theorie über das Wesen der Zeit.

Ruth sitzt schon einige Jahre an ihrer Habilitation, als die Nachricht vom Unfalltod ihrer Eltern sie erreicht. Bei der Planung der Beerdigung stößt sie auf ein unerwartetes Hindernis: ihre Eltern wollten in Groß-Einland, ihrem Geburtsort, begraben werden – aber niemand weiß, wo der sich überhaupt befindet. Er wird in keinem Atlas, keinem Geschichtsbuch, keinem Artikel im Internet erwähnt, bei keinem Amt ist er gemeldet.

Wild entschlossen, diesen letzten Wunsch zu erfüllen, trägt Ruth akribisch alle Erinnerungen daran zusammen, was ihre Eltern jemals über den Ort oder ihre Kindheit gesagt haben. Schließlich fährt sie einfach los, mit Wahrscheinlichkeiten und Indizien anstatt Navi und Straßenkarte. Ihr Roadtrip wird zunehmend surreal, und dann ist es auf einmal da: Groß-Einland. Ein Ort wie aus dem Bilderbuch, mit einer Gräfin als Leitfigur einer Quasi-Aristokratie. Ruth ist gestrandet, aber verzaubert von der scheinbaren Idylle, fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben heimisch – erst nach und nach enthüllt Groß-Einland ihr seine Geheimnisse.

Der ganze Ort ist untergraben von einem gigantischen Hohlraum und sackt jeden Tag ein paar Zentimeter mehr in den Abgrund. Doch es gibt auch menschliche Abgründe, die in der Zeit des Nationalsozialismus verwurzelt sind…

Was für ein Roman, was für ein Einfallsreichtum!

Raphaela Edelbauer erzählt ohne Zweifel eine vielschichtige, komplexe Geschichte. Die wird manchmal so surreal, geradezu grotesk, dass einem der Kopf schwirren kann, hat in meinen Augen die Nominierung für den Deutschen Buchpreis aber redlich verdient. Alleine schon durch unverbrauchte und tiefreichende Originalität – obwohl der Roman, wie ich anderen Rezensionen entnehme, durchaus polarisiert.

Schon nach den ersten Seiten war ich indes rettungslos gefangen. Verzaubert und bereit, erstmal alles hinzunehmen, so fantastisch es auch sein möge, ließ ich die Sprache auf mich wirken. Raphaela Edelbauer bedient sich ungeheuer redegewaltiger Sätze, findet grandiose Bilder und Metaphern und Wortneuschöpfungen, die die absonderliche Welt von Groß-Einland perfekt zum Leben erwecken.

Alles fließt und sickert und tropft und wabert – das flüssige Land eben.

Aber es ist nicht nur die Sprache, die Sogwirkung entfaltet.

Abstrakte Konzepte der Physik treffen hier auf Mystik und Philosophie, während Groß-Einland buchstäblich in einem Morast aus Schuld, Umweltzerstörung und Machtmissbrauch versinkt.

Aus diesem seltsamen Konglomerat entsteht das Psychogramm einer Kleinstadt, deren Bewohner bereit sind, bis zum bitteren Ende alles zu leugnen – in jedweder Hinsicht. Sie ignorieren das Loch, das ihre Stadt zu verschlingen droht, wie sie wohl auch das Konzentrationslager ignoriert haben, das sich ehedem unter Tage befand. Derweil arbeiten heimische Wissenschaftler heimlich daran, Produkte wie Coca-Cola zu kopieren, um den Einwohnern eine Verbindung zur Außenwelt vorzugaukeln, die nicht besteht.

Das ist Wahnsinn mit System.

Es funktioniert, weil der Status Quo in dieser Stadt heilig und unantastbar ist, mit Gräfin Knapp-Korb von Weidenheim als seiner Hohepriesterin. (Die Namen in diesem Roman sind wunderbar sprechend.)

Das alles würde absurd und lachhaft wirken, wenn es nicht dermaßen alptraumhaft wäre. So liest es sich jedoch über weite Strecken wie ein Fiebertraum, den auch Kafka niedergeschrieben haben könnte. Und das macht Spaß, irgendwie, während es den Leser zugleich mit in den Abgrund reißt.

Ruth findet ihr Glück, Ruth wird um dieses Glück wieder betrogen, Ruth muss hinabsteigen, buchstäblich und im übertragenen Sinne, in die Abgründe dieser Stadt. Und sich dann entscheiden, ob sie diese Stadt retten will, um welchen Preis. Eine sonderbare und dennoch in sich schlüssige Heldenreise.

Die Charaktere sind gnadenlos überzeichnet. Sie widersprechen sich, handeln unlogisch, werden auf Stereotypen reduziert, aber wie alles andere fügen sie sich nahtlos in diese verquere Welt. Die Gräfin zum Beispiel könnte der Herzkönigin die Hand reichen. Das passt, und deswegen wirken die Figuren meines Erachtens auch glaubhaft.

Zu guter Letzt:

Vieles bleibt offen, vieles muss man als Leser einfach hinnehmen, weil die Figuren es tun.

Raphaela Edelbauer zieht das durch bis zum kompromisslosen Ende, und es funktioniert, – wenn man sich darauf einlässt. Für mich ist „Das flüssige Land“ ein echtes Highlight, wenn nicht sogar DAS Jahreshighlight 2019.

Ist die Autorin wirklich erst 29?

Es muss wohl was dran sein an der Theorie des Blockuniversums, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft alle gleichzeitig existieren, denn das Buch hat eine alterslose Qualität. Es ist unterhaltsam, spannend und erschreckend, auf jeden Fall jedoch zum Nachdenken anregend.

Fazit

Ruths Eltern sind gestorben und haben zu Lebzeiten verfügt, in ihrer Heimatstadt Groß-Einland begraben werden zu wollen. Nur hat anscheinend nie jemand von diesem Ort gehört und er ist nirgendwo verzeichnet. Ruth macht sich dennoch auf die Suche und spürt letztendlich eine kleine Stadt auf, die über einem enormem Hohlraum gebaut wurde und seit Jahren immer weiter in den Abgrund sinkt. Und in diesem Loch wurden anscheinend schon seit langer Zeit alle Schandtaten und Geheimnisse der Stadt versenkt…

Dieses Buch konnte mich mit seiner schieren Sprachgewalt und Originalität begeistern. Kafka trifft „Alice im Wunderland“ in einer Geschichte, die eine Vielzahl von Themen verbindet: die persönliche Schuld, das kollektive Wegsehen, die fehlgeleitete Sucht nach Harmonie – gewürzt mit schrägen Gestalten wie der falschen Gräfin Knapp-Korb von Weidenheim und kleinen Seitenhieben auf Heimatromane, wie eine 400-köpfige Blaskapelle.

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TitelDas flüssige Land
Originaltitel
Autor(in)Raphaela Edelbauer
Übersetzer(in)
Verlag*Klett-Cotta
ISBN / ASIN9783608964363 (Hardcover)

Seitenzahl*350
Erschienen im*September 2019
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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Signatur Mikka

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