#Rezension Deniz Ohde: Streulicht

Deniz Ohde: Streulicht

Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir von Netgalley im Auftrag des Verlags zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Streulicht’: Suhrkamp
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

Deniz Ohde beschreibt eine Arbeiterkindheit mit Migrationshintergrund mütterlicherseits. Flüchtig von außen betrachtet, ist es die Geschichte einer rundum geglückten Integration, gar eines beachtlichen Bildungsaufstiegs: die namenlose Protagonistin macht im Zweiten Bildungsweg ihr Abitur, lässt die verqualmte Arbeiterwohnung hinter sich, streift sich den Schmutz von den Schuhen und beginnt ein neues Leben… Blickt man jedoch durch ihre Augen, dann bröckelt die schöne Fassade.

“Wenn einem etwas angetan wird, dann ist er nicht selbst schuld daran; wenn einer in einem System versagt, das von vorneherein auf sein Versagen angelegt ist, liegt die Schuld nicht bei ihm. Für wen ist das Netz gebaut. Für wen ist es ein Fangnetz, und für wen ist der Abgrund darunter bestimmt.”

(Zitat)

Die Geschichte beginnt damit, dass die Erzählerin anlässlich der Hochzeit ihrer Kindheitsfreunde zurückkehrt an den Ort ihres Elternhauses. Sobald sie den Fuß auf vertrauten Boden setzt und die vertraute Luft atmet, sickern die Erinnerungen aus alten Wunden wie Eiter:

Erinnerungen an den jähzornigen Alkoholikervater, der vierzig Jahre lang vierzig Stunden die Woche in der Fabrik malochte, bis ihm alles ‘außerhalb’ feindlich erschien, bis Besucher nur noch Fremde waren, die es zu vertreiben galt. An den blinden Großvater, der immer noch mit einem Bein im Weltkrieg stand. An die türkische Mutter, die irgendwann ging, weil sie es in dieser Ehe nicht mehr aushielt, und die Tochter einfach zurückließ – aber trotzdem noch dreimal die Woche zum Putzen und Aufräumen vorbeikam. Und Erinnerungen daran, wie das mit dem Bildungsaufstieg wirklich war: der Weg des intelligenten, wissbegierigen Mädchens durch das deutsche Bildungssystem war gepflastert mit gebrochenen Bildungsversprechen.

Was ich vor mir sehe, wenn ich an diesen Roman denke:

Das fremdartige Panorama massiver Industrieanlagen, die im Dunkeln blinken wie Raumschiffkulissen. Eine Stadtlandschaft, deren Linien im diffusen Streulicht dieser Anlagen aufgelöst werden.

“Die Luft verändert sich, wenn man über die Schwelle des Ortes tritt. Eine feine Säure liegt darin, etwas dicker ist sie, als könnte man den Mund öffnen und sie kauen wie Watte.”

(Zitat)

Das ist für mich das perfekte Bild für die Andersmachung, die über der Protagonistin hängt wie ein Miasma, dem sie nicht entkommen kann. Doch die Menschen um sie herum können oder wollen diese Andersmachung genauso wenig wahrnehmen wie das Streulicht oder die Beschaffenheit der Luft, weil es immer so ist, ganz normal.

“Niemandem hier fällt das mehr auf, und auch mir wird es nach ein paar Stunden wieder vorkommen, wie die einzig mögliche Konsistenz, die Luft haben kann.”

(Zitat)

Jeder Versuch, dies anderen begreiflich zu machen, wird im Keim erstickt.

Das bildest du dir ein. Du übertreibst doch immer. Du bist zu empfindlich. Du steigerst dich da rein. Du bist doch das Problem.

Ihre Freunde wollen für immer in ihrem Heimatort bleiben, wo ihnen stets alles mühelos gelang, und sie können nicht begreifen, dass die Realität für die Erzählerin eine andere war und ist. Sie sehen die tausend Mikroaggressionen nicht, die ihr tagtäglich geschehen, weil sie blind sind für das eigene Privileg.

Die Protagonistin spricht ihre Muttersprache nicht einmal, sie verheimlicht ihren türkischen Vornamen und verwendet nur den deutschen. Dennoch sieht man ihr das türkische Erbe an und sie wird deswegen verhöhnt und beschimpft, was ihre Mutter nicht glauben mag: Das kann nicht sein, du bist doch Deutsche! Als sie von anderen Schülern niedergeschlagen und bewusstlos liegengelassen wird, sagt die Lehrerin, es sei ein Unfall gewesen und sie solle ‘mal lauter werden, mal ein bisschen robuster werden’ – und die Sache hat keine Konsequenzen.

Was ich fühle, wenn ich an diesen Roman denke:

Vor allem empörte Hilflosigkeit, weil die Familie hier kein sicherer Ort ist und das Bildungssystem still und leise im Detail versagt. Die beklemmende Atmosphäre ist so dicht, dass sie geradezu zähflüssig aus den Seiten trieft, dass einem als Leser*in die Luft weg bleibt.

Die Erinnerungen der namenlosen Erzählerin sind geprägt von Schmerz und der stetig strauchelnden Suche nach… Ja, nach was eigentlich? Nach mehr. Nach Bildung, nach Akzeptanz. Nach Erklärungen dafür, warum die Dinge so waren, wie sie waren. Warum sie immer wieder weggestoßen oder zumindest auf Abstand gehalten wurde. Warum überall zweierlei Maß herrschte. Im Alter von zehn Jahren stand sie auf der Fensterbank, blickte hinunter auf die Straße und dachte: “Es könnte vorbei sein”, erschrak dann aber vor dem Gedanken.

Da sie erst den Realschulabschluss nachholen musste, ist sie schon älter, als sie am Oberstufengymnasium anfängt. Als ein Referendar ihr Alter erfährt, nimmt er das als Anlass, ihr fortan für die gleichen Leistungen deutlich weniger Punkte zu geben, denn sie habe ja einen Vorteil gegenüber den anderen. Sie fragt sich in sprachloser Niedergeschlagenheit, wo ihr Vorteil denn bitte schön herkommen soll.

“Ich sah nur die Raster in seinen Augen, durch die ich gefallen war und immer noch fiel. Ich sah, dass er darin zu Hause war. (…) »Ich werde das Schulsystem von innen heraus verändern«, diesen Satz hatte er mit Sicherheit gesagt und keine Lücke in seinem Denken entdeckt, weil es engmaschig war, weil es in sich schlüssig war, aber nicht außer sich, wo ich stand.”

(Zitat)

Es geht allerdings nicht nur um Bildung:

Auch häusliche Gewalt kommt immer wieder zur Sprache, denn das heimische Wohnzimmer kann allzu leicht zum Minenfeld werden, ein zu lauter Schritt der Auslöser für die nächste Explosion. Doch natürlich lässt sich das nicht vollkommen vom Thema Bildung trennen:

»Sei still, sei still«, sagte meine Mutter, und still war ich, anstelle der Regionen, die für das Speichern von Vokabeln zuständig waren, befand sich in meinem Gehirn ein Areal von Stille, eine Qualität von Stille, wie sie auftrat kurz nach dem Geräusch von zerberstendem Glas.”

(Zitat)

Diese Umgebung ist denkbar ungeeignet für ein Kind, das lernen will – was ihm aber ohnehin ausgeredet wird, weil es für höhere Bildung ‘richtiges Talent’ brauche, das ihm damit implizit abgesprochen wird. Der Bildungshunger wird gedeckelt, nicht unterstützt. Auch die Freunde fallen ihr immer wieder in den Rücken, mit überheblichen, passiv-aggressiven Bemerkungen, die sie als ‘anders’ brandmarken und ihre Leistungen kleinreden.

Ein phänomenales Debüt:

Die Autorin zeichnet das Bild dieses beschwerlichen Bildungsaufstiegs mit ausdrucksstarken, ausgezeichnet ausformulierten Sätzen, die aufhorchen lassen. Die glasklare Schönheit der Sprache bildet einen scharfen Kontrast zu all dem Unrecht, das der Protagonistin widerfährt, dem bildungsfernen Milieu, aus dem sie stammt, und findet doch die perfekten Bilder dafür.

Das Buch rüttelt auf, zeigt einem in vielen Gedankensplittern ein Kaleidoskop des Alltagsrassismus und des Gatekeepings im Bildungssystem: du kommst hier nicht rein. Als die Protagonistin dann doch den Fuß in die Tür bekommt, wird ihr gönnerhaft versichert, sie sei ja nicht wie “die Anderen”. Die anderen Türkinnen? Die anderen Arbeiterkinder? Die Geschichte hallt nach, was sicher auch daran liegt, dass Deniz Ohde aus eigenen Erfahrungen schöpft.

Fazit

Lieblingsbuch

Deniz Ohde erzählt eine intersektionale Bildungsbiographie: die namenlose Erzählerin ist intelligent und wissbegierig, wird als Halbtürkin und Arbeiterkind aus ärmlichen Verhältnissen aber immer wieder ausgegrenzt. Ihr wird deutlich zu verstehen gegeben, dass höhere Bildung nicht für ‘eine wie sie’ gedacht ist, doch sie kämpft sich mühsam über den zweiten Bildungsweg zum Realschulabschluss, dann zum Abitur und zum Studium – und fühlt sich immer noch ratlos und entwurzelt.

Das Buch hat mich oft wütend gemacht, denn das Verhalten vieler Lehrer*innen, Mitschüler*innen und sogar vermeintlicher Freund*innen ist mehr als schäbig, obwohl sie sich selber sicher als tolerant und wohlwollend sehen. Offenen Rassismus gibt es nur selten, unterschwelligen Rassismus dafür ständig – tausend abfällige oder herablassende Bemerkungen, tausend Ungerechtigkeiten, tausend feine Nadelstiche.

“Streulicht” ist ein großartiges Debüt, das den Leser in leisen, aber eindringlichen Worten aus der Komfortzone holt.

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TitelStreulicht
Originaltitel
Autor(in)Deniz Ohde
Übersetzer(in)
Verlag*Suhrkamp
ISBN / ASIN978-3-518-42963-1 (Hardcover)
Seitenzahl*284
Erschienen im*August 2020
Genre*Gegenwartsliteratur
bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
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