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[ Rezension ] Saša Stanišić: Herkunft

Saša Stanišić Herkunft

© Cover ‚Herkunf‘: Luchterhand-Verlag
© Bild Smartphone: Pixabay / Hintergrundbild: A.M. Gottstein

Preisträger des Deutschen Buchpreises 2019

„Jedes Zuhause ist ein zufälliges: Dort wirst du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will.“

„Saša Stanišić ist ein so guter Erzähler, dass er sogar dem Erzählen misstraut. Unter jedem Satz dieses Romans wartet die unverfügbare Herkunft, die gleichzeitig der Antrieb des Erzählens ist. Verfügbar wird sie nur als Fragment, als Fiktion und als Spiel mit den Möglichkeiten der Geschichte. Der Autor adelt die Leser mit seiner großen Phantasie und entlässt sie aus den Konventionen der Chronologie, des Realismus und der formalen Eindeutigkeit. „Das Zögern hat noch nie eine gute Geschichte erzählt“, lässt er seine Ich-Figur sagen. Mit viel Witz setzt er den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten entgegen. „Herkunft“ zeichnet das Bild einer Gegenwart, die sich immer wieder neu erzählt. Ein „Selbstporträt mit Ahnen“ wird so zum Roman eines Europas der Lebenswege.“

Aus der Begründung der Jury

Meine Meinung

„Herkunft“ klingt nach Heimat, klingt vertraut und einfach, und ist dennoch ein unglaublich komplexes Konzept. „Herkunft“ ist ein Begriff, der dicht verwoben ist mit persönlichen Erfahrungen, Erwartungen, Wünschen und Ängsten, mit dem ureigensten Selbstbild, mit familiärer Historie und dem eigenen geographischen Ursprung, mit Heimat oder deren Verlust. „Herkunft“ ist ein zutiefst subjektives Bedeutungsgeflecht – und dennoch ein Begriff mit politischen Dimensionen, der auch missbraucht wird.

Saša Stanišićs Erinnerungen spiegeln diese Vielfalt perfekt wider.

Ihm gelingt immer aufs Neue die Gratwanderung zwischen der einen und der anderen Facette der Wahrheit. Trauer, Sehnsucht, Wut und Schmerz haben ihren Platz neben Freude und augenzwinkerndem Witz. Mal unheimlich lustig, mal unsäglich tragisch, manchmal beides auf einmal. Er erzählt mit leichtfüßiger Fantasie und viel Humor, ohne die Tragik seiner eigenen Geschichte, untrennbar verbunden mit der Geschichte seines Geburtsorts Višegrad, im geringsten zu schmälern.

Dort kam es im Jahr 1992 zu „ethischen Säuberungen“, in deren Verlauf die beiden Moscheen der Stadt zerstört und etwa 3.000 Menschen der bosnischen Zivilbevölkerung ermordet wurden. Seine bosnisch-muslimische Mutter musste mit dem 14-jährigen Saša über viele Grenzen zu seinem in Deutschland lebendem Onkel fliehen, der serbische Vater kam später nach.

„Wir waren Kriminalität, Jugendarbeitslosigkeit, Ausländeranteil.“

Zu Krieg und Vertreibung gesellten sich in Deutschland neue Herausforderungen: Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit, die Tankstelle als einziger Jugendtreffpunkt, Schule ohne echte Integration. Auch das erzählt Stanišić nicht ohne Humor, aber ungeschönt.

Dass ihm der Deutsche Buchpreis nur wenige Tage zuteil wird, nachdem Peter Handke den Literaturnobelpreis erhielt, wirkt wie eine schrille Dissonanz.

Die Trennung von Autor und Werk ist einerseits unverzichtbar für die Autonomie der Literatur – andererseits besteht die berechtigte Frage, bis zu welchem Grad das umsetzbar ist. Ob man wirklich Peter Handke, der jahrelang genau die Kriegsverbrechen beschönigt und kleingeredet hat, die in Višegrad begangen wurden, mit diesem Preis adeln muss.

„Man darf nicht vergessen: In Handkes Fall geht es für viele nicht zuerst um abstrakte Größen wie Meinungsfreiheit oder Kunstautonomie. Sondern erst einmal um Kinder, Frauen, Männer, die erschossen in Hauseingängen liegen, und einen Schriftsteller, der diese Verbrechen erst jahrelang bemäntelt, bevor er später in mehreren Zeitungen Abbitte leistet. „
Aus dem Artikel „Was, wenn Handke Massaker an Schweden relativiert hätte?“ der Süddeutschen Zeitung

Ein anderer Artikel zum Thema:
[ Literaturnobelpreis: Peter Handke und die Jugoslawienkriege – Fragen stellen, um Fakten zu beugen (Frankfurter Rundschau) ]

Dass Saša Stanišić seine Erschütterung in seiner Dankesrede nicht verschweigen konnte und wollte, ist so verständlich wie der unüberhörbare Kloß in seiner Kehle.

[ Seine Dankesrede als Video auf Youtube ]
[ Die Dankesrede schriftlich im Wortlaut ]

Aber zurück zu „Herkunft“ – zurück zu einem Buch, das zurecht gefeiert wird.

Die Sprache ist wunderbar: mal kindlich naiv, mal geradezu weise, mal voller Zärtlichkeit, wenn er zum Beispiel von der Großmutter erzählt, die Stück für Stück an die Demenz verloren geht und mit der das Buch beginnt und endet. Immer treffen seine Worte genau den Nerv der beschriebenen Szene; nie wird es pathetisch, denn wo er Gefühl ausdrückt, wirkt es auch echt.

Die Geschichte hat zunächst scheinbar kein übergreifendes Konzept, setzt sich zusammen aus unzähligen Fragmenten und Momentaufnahmen, aus Lebenswichtigem und scheinbar Banalem – Autobiographie und Heldenreise, Gesellschaftskritik und Migration und ’neulich beim Rollenspiel‘. Daraus entsteht erstaunlicherweise das homogene Gesamtbild einer Familie, für die Herkunft und Heimat keine Einheit mehr sind.

Das ist so authentisch, dass man an so etwas wie ein Konzept oder einen Handlungsbogen gar nicht mehr denkt.

Dass nicht alles wahr ist, dass hier auch Fiktives eingebunden wurde, das es sogar ein Kapitel gibt, in dem der Leser spielerisch zwischen verschiedenen fantastischen Handlungssträngen entscheiden soll, tut dem keinen Abbruch.

Besonders prägnant sind Stanišićs Gedanken über die Kraft der Sprache: über die Türen, die sie öffnet, über die Möglichkeiten, die sie bietet. Besonders für den, der in der Fremde leben muss.

Das Hörbuch, vom Autor selber gesprochen, ist übrigens eine wunderbare Ergänzung zur Lektüre, wenn auch meines Erachtens kein Ersatz, da das Hörbuch leicht gekürzt ist! Aber man kann das Buch wunderbar erst lesen, dann hören – oder umgekehrt.

Fazit

„Herkunft“ ist weder hunderprozentig Autobiographie noch hunderprozentig Roman. Der Held heißt Saša Stanišic, die Handlung beruht zweifelsohne auf der Familiengeschichte des Autors, doch auf dem Cover steht nun mal „Roman“ – wo die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verlaufen, bleibt daher offen.

Auf jeden Fall habe ich selten so oft gelacht wie beim Lesen dieses Buches, obwohl es hier (auch) um Krieg und Vertreibung, Verlust der Heimat, Unverständnis und Fremdenhass geht. Darf man das? Ja, denn der Humor lässt die ernsten Elemente der Erzählung nur umso deutlicher hervortreten – Kontrastprogramm.

Dass einem Autor aus Višegrad dieser Preis nur wenige Tage überreicht wird, nachdem ein anderer Autor, der die Massaker in Višegrad lange beschönigte, den Literaturnobelpreis erhielt, wirkt da fast wie ein absurder Epilog.

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TitelHerkunft
Originaltitel
Autor(in)Saša Stanišić
Übersetzer(in)
Verlag*Luchterhand
ISBN / ASIN978-3-630-87473-9 (Hardcover)
978-3-641-16324-2 (eBook)
978-3-8445-3302-6 (Hörbuch CD)
978-3-8445-3389-7 (Hörbuch Download)
Seitenzahl / Länge368 Seiten
5h 39 min (gekürzt)
Erschienen am*18. März 2019
GenreAutobiographisch / Gegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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