#Rezension Mithu M. Sanyal: Identitti

Mithu M. Sanyal: Identitti

© Cover ‘Identitti’: Hanser Literaturverlage
© Bild eBook-Reader: Pixabay

Anmerkung: PoC ist die Abkürzung für „person of color“ oder „people of color“ und beschreibt Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe Rassismus und Marginalisierung ausgesetzt sind. Es handelt sich dabei um eine Wiederaneignung und positive Umdeutung der ungeliebten Bezeichnung „colored“ / „farbig“, die einen rassistischen Hintergrund hat.

»Warum ist Kali so cool? Let me count the ways.«

Ok, Protagonistin Nivedita ist also eine Bloggerin, die unter dem Namen Identitti über Rassismus und … Titten schreibt. Sie unterhält sich in ihren Posts mit der Göttin Kali, weil sie sich mit der schon seit ihrer Kindheit verbunden fühlt, seit Kali ihr da in einem Traum erschien. Der Roman fängt direkt damit an, dass Kali Nivedita zu einem Masturbation-Wettbewerb einlädt, um zu gucken, wer weiter spritzen kann.

Puh, dachte ich. Wenn das jetzt das ganze Buch so weiter geht, wird das nicht too much?

Nee. Wird es nicht.

Denn es fügt sich alles zusammen – und ist dabei verdammt unterhaltsam, ohne auf Tiefgründigkeit zu verzichten. Nivedita hat eine deutsche Mutter und einen indischen Vater und fühlte sich schon ihr ganzes Leben lang nirgendwo zugehörig. Als Kind wurde sie von anderen, komplett indischen Kindern als Kokosnuss beschimpft – außen braun, innen weiß. Sie fühlte sich unsichtbar, übergangen, wertlos. Kali ist im Grunde ihr freches, selbstbewusstes Alter Ego, das kompromisslos aussprechen kann, was sie bewegt. In Gedanken ist Kali immer bei ihr, in ständigem Zwiegespräch.

»Kali ist der Schall und der Zorn und die Heftigkeit, die ich brauche, um den Abgrund zu überwinden, der mich vom Erzählen trennt.«

»Die englische Heimatfront lernte Kali in Romanen wie In 80 Tagen um die Welt kennen, wo sie als ungezähmte Göttin dargestellt wird, deren Jünger alle Tabus mit nackten Füßen treten, sprich: wilde Orgien feiern und wilde Menschenopfer bringen. Was man halt so macht, wenn man erst einmal damit angefangen hat, sich selbst zu befriedigen. (Link zu meinem Post Schöner kommen mit Kali.)«

Doch dann belegt Nivedita an der Universität „Postkoloniale Studien“ und begegnet der indischen Dozentin Saraswati, die als Erstes mal alle weißen Student:innen aus ihren Vorlesungen rauswirft. Es eröffnet sich Niv eine ganz neue Welt, ein ganz neues Leben, ein ganz neues Ich, das endlich gehört wird.

Eines Tages wird Saraswati entlarvt: Sie ist gar keine Inderin, keine PoC, sondern eine weiße Deutsche, die sich Haut und Haare färbt. Echte PoC sind verständlicherweise entrüstet, die Öffentlichkeit wetzt die Messer, die AfD und die BILD-Zeitung überbieten sich mit absurden Schlagzeilen.

»In einer Welt, in der Saraswati weiß ich, verstehe ich mich selbst nicht mehr.«

Niv verliert den Boden unter den Füßen, weiß nicht, was sie denken und fühlen soll. Wenn Saraswati nicht echt ist, ist dann auch nicht echt, was Nivedita von ihr gelernt und wie sie sich entwickelt hat? Sie schlägt und tritt die von Saraswati geschriebenen Bücher, bringt es aber nicht über sich, sie zu zerreißen. Ganz ohne Frage, sie fühlt sich unglaublich verletzt und verraten; aber je länger sie sich mit Saraswati unterhält, desto deutlicher wird, dass sie ihre Mentorin immer noch liebt, sich aber auch von ihr befreien muss, um sich selbst zu finden.

»Unsinn. Ich habe dir eine Sprache gegeben, um deine Opfererfahrungen zu transformieren!«, sagte Saraswati wegwerfend. »Um sie in eine Waffe zu verwandeln, und nicht, um dich für immer im Opferdasein zu suhlen!«

Die Pfütze, die Niveditas Herz war, schrie zurück: Und was mache ich mit dem, was noch nicht transformiert ist? Was mache ich mit dem, was roh ist? Was vor Schmerzen schreien will? Soll ich alldem etwa sagen: Halt den Mund, bis du erleuchtet genug bist?

Saraswati selber versteht die ganze Aufregung nicht; für sie ist Rasse nur ein Konstrukt, das Herrschaftsstrukturen ermächtigt, und sie sieht es eher als Akt der Ermächtigung, sich daraus zu befreien. Ohne jede Ironie betrachtet sie sich geradezu als Heilsfigur. Sie scheint wirklich zu glauben, dass sie nicht weiß ist, dass ihre Identität eine Art von Trans-Identität ist, und ist ehrlich erstaunt, dass sie sich damit auch bei der LGBTQ+-Community in die Nesseln setzt. #transracial

»Es geht bei feministischer und antirassistischer Theorie doch genau darum, die Definitionsmacht über sich selber zu bekommen. Wie könnt ihr mir dann die Definitionsmacht über mich absprechen?«

Je weiter die Geschichte fortschritt, desto mehr haderte ich mit mir, wie ich Saraswati einschätzen sollte. Fand ich es richtig von ihr, sich braun angemalt und als Inderin ausgegeben zu haben? Himmel, nein – eher verdammt selbstherrlich. Hallo, kulturelle Aneignung hoch zwei?! Aber der Roman lässt mich hinterfragen, warum ich es so falsch finde. Er entblättert sich in einer Myriade von tiefgehenden Fragen nach Rasse, Herkunft, Identität und wie das alles zusammenhängt, und das finde ich meisterhaft konstruiert. Und so ungern ich es eingestehe – Saraswati sagt im Laufe des Buches einige hochinteressante Dinge, was race und Machtstrukturen und ‘Kolonialisierungen der Seele’ betrifft.

Ich bin selber so weiß, wie man nur sein kann. Nivedita ist indes so gut geschrieben, dass ich über sie wenigstens den Hauch eines Gefühls dafür bekomme, wie das so ist, als „mixed-race“ PoC aufzuwachsen und zu leben.

Als wäre ihre Welt durch Saraswatis Entlarvung nicht schon erschüttert genug, begeht Tobias R. wenige Wochen später seinen rechtsextrem motivierten Anschlag in Hanau, der leider keine Erfindung der Autorin ist. Neun Tote, sechs Verletzte – alle Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen wie Nivedita. Fortan dröhnt dieser Anschlag im Hintergrund wie ein stetiger Kontrapunkt des Schmerzes, selbst wenn gerade nicht explizit die Rede davon ist.

»Jetzt aber los, so ein Exorzismus erledigt sich nicht von alleine.«

Gegen Ende nimmt das Buch eine Wendung, die ich nicht habe kommen sehen. Ich grübele noch immer, wie ich das nun finde. Auf jeden Fall originell, auf jeden Fall frech und bunt … Irgendwie Bollywood-goes-political, oder umgekehrt. Aber mir gefällt, wie die Heldin der Geschichte mit der ganzen Sache und mit sich selbst ins Reine kommt. Mir gefällt auch, wie ambivalent Saraswati bleibt – transracial oder einfach nur privilegiert, weder noch oder beides … Wenn es um Identität geht, gibt es halt keine einfachen Lösungen und kein Schnittmuster.

Fazit

Lieblingsbuch

Das große Idol der jungen Halbinderin Nivedita, Dozentin Saraswati, die ihr zum ersten Mal im Leben zu einem Gefühl der Identität und des Gehört-Werdens verholfen hat, stellt sich überraschend als weiße Frau heraus, die sich nur braun anmalt. Das kommt nicht so gut, wenn frau sich in allen Medien als Galionsfigur einer neuen Zeit verkauft hat, in der PoC sich selbstbewusst behaupten können, ohne sich rassistischen Strukturen zu beugen. Nur die AfD ist entzückt.

Nivedita ist wütend. Nivedita ist verletzt. Nivedita ist verliebt. Und daher geht sie zu Saraswati und stellt sie zur Rede. Und die Göttin Kali hat dabei auch ein Wörtchen mitzureden.

So einfallsreich, so kunterbunt, so frech, so authentisch, so tiefgründig und alles auf einmal, so muss frau erstmal schreiben können. Mithu M. Sanyal kann das. Die Charaktere sind grandios – auch und gerade die kontroverse Saraswati, die es der Heldin und den Leser:innen wahrlich nicht leicht macht. Der Schreibstil schert sich nicht die Bohne um Konventionen, und das Ganze kommt mit sehr viel Humor und einer Dosis Herzschmerz daher.

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TitelIdentitti
Originaltitel
Autor(in)Mithu M. Sanyal
Übersetzer(in)
Verlag*Hanser Literaturverlage
ISBN / ASIN978-3-446-26921-7 (Hardcover)
978-3-446-26999-6 (eBook)
Seitenzahl*432
Erschienen im*Februar 2021
Genre*Gegenwartsliteratur
bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
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