Rezensionsmarathon April 2022

Rezensionsmarathon April 2022

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Zu lange habe ich das Schreiben von Rezensionen in letzter Zeit schleifen lassen – irgendwann stellte ich fest: hoppla, da warten ja noch 10 Bücher auf ihre Rezension…

Di:er ein oder andere Blogger:in kennt das wahrscheinlich: Wenn du zu lange wartest, wenn zu viele unerledigte Rezensionen vorwurfsvoll an der Tür kratzen, nimmt dir das ein bisschen den Spaß am Lesen. Außerdem sind die Eindrücke dann nicht mehr so frisch, du vergisst möglicherweise Details, die du doch eigentlich einbringen wolltest. Daher habe ich die Arme hochgekrempelt und beschlossen, jetzt sind erstmal die Rezensionen dran, basta.

Schon geschriebene Rezensionen

Lola Randl: Der große Garten

Lola Randl: Der Große Garten

Eine Frau sucht neuen Sinn in ihrem Garten auf dem Land – auch wenn sie keine Ahnung vom Gartenbau hat und einfach kreuz und quer pflanzt, was sie gerade schön findet. Ihre gartenaffine Mutter, händeringend, tut sich schwer damit, ihre erwachsene Tochter Fehler machen zu lassen. Und überhaupt, eigentlich sollte auf dem Land doch alles ruhig und einfach sein, aber die Erzählerin muss feststellen, dass sie sich das Leben schon selber kompliziert macht. Da ist ihr Mann, da sind ihre Kinder, da sind ihr Liebhaber, ihr Analytiker und ihre Therapeutin. Und die ewigen Quecken, Maulwürfe und Wühlmäuse.

Lola Randl lässt ein kurzes Kapitel auf das nächste folgen, und die sind randvoll mit Gartenwissen und kurzen prägnanten Einblicken in das Leben der Menschen, die ihr Glück im Garten suchen.

Zugegeben: Manchmal tat ich mich schwer mit Kapiteln, die mit Gartenwissen allzu sehr an die nicht vorhandene Gärtnerin in mir appellierten. Manchmal fand ich die Erzählerin ermüdend in ihrem ewigen Tanz rund um Mann und Liebhaber und Analytiker. Und dennoch, immer zog das nächste kurze Kapitel mich dann wieder mitten rein in den Garten, und dann konnte ich mich dem Charme der Erzählung nicht mehr entziehen…

[Link] Die ganze Rezension zu Lola Randl: Der Große Garten

Donal Ryan: Die Stille des Meeres

Donal Ryan: Die Stille des Meeres

Ein Episodenroman: Drei Männer treffen im kleinen irischen Ort Ardnamoher aufeinander. Farouk ist aus Syrien geflohen und völlig traumatisiert; Lampy wurde von seiner großen Liebe verlassen und ist zornig, traurig und frustriert; John war sein ganzes Leben lang ein schrecklicher Mensch und sucht jetzt auf den letzten Drücker die Vergebung. Sie kennen sich nicht, sie haben scheinbar nichts miteinander zu tun, ihre Leben verliefen in völlig anderen Bahnen. Und doch hat ihr Weg sie hierhin geführt, und Donal Ryan gewährt den Leser:innen vielschichtige Einblicke in die Lebenswirklichkeit seiner Protagonisten.

Der Schreibstil ist mal fast schon poetisch, dann wieder abgehackt und atemlos, ab und an geradezu roh… Der Autor bedient die ganze Klaviatur und erzielt damit eine sehr eindringliche Wirkung; seine Worte spiegeln die Persönlichkeiten seiner Protagonisten in jedem Abschnitt stimmig wider. Die sind meines Erachtens alle sehr komplex und überzeugend gezeichnet, in ihren positiven, aber gerade auch in ihren zwiespältigen oder sogar negativ besetzten Eigenschaften.

Das erzeugt echten Tiefgang, und auch echte Spannung ohne Effekthascherei – für mich ist “Die Stille des Meeres” dementsprechend auch eine echte Leseempfehlung.

[Link] Die ganze Rezension zu Donal Ryan: Die Stille des Meeres

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Kim Jiyoung lebt mit ihrem Mann und ihrem Baby in einer kleinen Wohnung am Rande von Seoul. Ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ist klar umrissen in den Erwartungen der koreanischen Gesellschaft, und sie fügt sich: Vor kurzem hat sie erst ihre Karriere aufgegeben, um sich nur noch um die Familie zu kümmern. Aber das, stellt sich heraus, war wohl eine Unterwerfung zu viel. Der Tropfen auf dem heißen Stein, nach einem Leben, das stets von den Männern in Kim Jiyoungs Leben bestimmt und überwacht wurde. Sie entwickelt eine Psychose, die sich stetig verschlimmert. Es ist der Psychiater, der sie wieder ins Lot bringen soll, der danach emotionslos ihre Lebensgeschichte nacherzählt.

Dieser Roman ist zweifelsohne sehr wichtig. Er zeigt, was für einen weiten Weg wir noch vor uns haben, damit Frauen wirklich gleichberechtigt sind – insbesondere Frauen, die Kinder haben und danach nicht ausschließlich auf Kindererziehung und Haushalt reduziert werden wollen. Auch wenn die Geschichte in Korea spielt und die Problematik dort wohl noch einen ganz anderen Stellenwert hat, können sich sicher Frauen aus der ganzen Welt in Kim Jiyoung wiederfinden.

Ich bin froh, das Buch gelesen zu haben, auch wenn der Schreibstil eher nüchtern ist und nicht dazu einlädt, auf emotionaler Ebene mitzufühlen. Trotz dieser Reduziertheit der Sprache war ich traurig, ernüchtert, wütend, denn gerade die minimalistische Klarheit lässt die Ungerechtigkeiten und Schwierigkeiten, mit denen Kim Jiyoung zu kämpfen hat, umso deutlicher hervortreten.

[Link] Die ganze Rezension zu Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Benedict Wells: Hard Land

Benedict Wells: Hard Land

Der goldene letzte Sommer der Kindheit ist für den 15-jährigen Sam so bittersüß, wie es nur möglich ist. Es ist der Sommer, in dem er sich zum ersten Mal mit Leib und Seele verliebt, und es ist der Sommer, in dem seine Mutter stirbt. Benedikt Wells erzählt das mit Wärme und Humor und Respekt, sodass du ganz ohne billige Effekthascherei beim Lesen die volle Bandbreite der menschlichen Regungen miterlebst – die Himmelflüge und die schwärzesten Momente der Verzweiflung. Da ist immer dieser Gedanke: Die Euphorie, das ist das Leben. Die Trauer, das ist das Leben. Und das Leben geht weiter, immer weiter, und das ist gut so.

Benedikt Wells hat ein unnachahmliches Gespür dafür, mit perfekt dosierten Details Atmosphäre aufzubauen. Er inszeniert eine Epoche, ein Stück Leben so glaubhaft, dass Leser:innen sich unverhofft in den Gefühlswelten seiner Charaktere wiederfinden, und das hat mit Pathos oder Rührseligkeit rein gar nichts zu tun. Man fühlt mit, lacht mit, leidet mit, weil man dabei ist, weil es so echt ist. Liebe, Trauer, Angst und sich blind Hineintasten in die Erwachsenenwelt… Jede:r hat mal einen Sam gekannt oder ist selber Sam gewesen.

Und das erfüllt dich mit ‘Euphancholie’, wie Sams große Liebe Kirstie das nennt: eine Mischung aus Euphorie und Melancholie. Ja, bittersüß ist das wirklich – aber auf jeden Fall wertvoll.

[Link] Die ganze Rezension zu Benedict Wells: Hard Land

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

Seit frühster Kindheit sind Hani, Kasih und Saya Freundinnen, durch dick und dünn, ohne Vorbehalte. Doch alle drei müssen Tag für Tag durch einen Morast von Vorurteilen, Anfeindungen oder halbherzig wohlwollender Ignoranz waten – das ist nicht nur anstrengend, es schürt auch die Wut. Und dann passiert der Brandanschlag. Und dann ist Saya in allen Zeitungen als islamistische Terroristin. War sie es wirklich? Spielt es überhaupt eine Rolle?

Shida Bazyar erzähle eine Geschichte, die dich aufrüttelt. Die grundverschiedenen Persönlichkeiten der drei Kameradinnen bringen diese Geschichte nicht nur schlüssig zusammen, sondern bieten Identifikationspotential – trotz Provokation, trotz Abgrenzung. Doch diese Identifikation erfordert bewusste Anstrengung: Um die Protagonistinnen zu verstehen, musst du mitdenken, hinterfragen, Unbequemes erstmal zulassen. Der Schreibstil ist ausdrucksstark, hält dich aber immer auf dem Sprung; die Erzählerin wechselt abrupt das Thema, lässt Dinge ungeklärt oder widerspricht sich.

Das Buch reicht dir nicht die Hand, lädt dich auch nicht ein zur Überbrückung der unsichtbaren Kluft. Die Erzählerin zeigt, wie problematisch Vorurteile sind, in dem sie ihrerseits weiße Menschen vorverurteilt, geradezu genüsslich. Manchmal ist das meines Erachtens tatsächlich ZU provokant, ZU anstrengend, ZU bemüht. Vorurteile werden nicht aufgebrochen, sondern mit eigenen Vorurteilen Schicht um Schicht überlagert – und irgendwann sieht man nur noch verhärtete, verkrustete Angst. Wobei das tatsächlich die ultimative Botschaft des Buches sein könnte: Wollen wir wirklich, dass das passiert? Falls nicht, muss jede:r an sich arbeiten. Als Gesamtbild betrachtet kann mich der Roman auf jeden Fall überzeugen, und ich bin froh, ihn gelesen zu haben.

[Link] Die ganze Rezension zu Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün, fast schwarz

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast Schwarz

Den charmanten Raffael und den künstlerisch begabten Moritz verband einst eine Kinderfreundschaft, die viel mit emotionaler Abhängigkeit und der Ausnutzung vermeintlicher Schwäche zu tun hatte und schließlich ein schmerzliches, wohl unvermeidliches Ende fand. Sechzehn Jahre später erwartet Moritz mit der Frau, die er liebt, die Geburt des ersten gemeinsamen Kindes – alles ist gut. Doch dann steht Raffael auf einmal unangekündigt vor der Tür, und die Vergangenheit bricht wieder über Moritz herein.

Dies ist ein Roman, den du als Leser:in am besten selbst entdecken solltest – nicht nur wegen der Charaktere, die geradezu leben und atmen. Er überzeugt durch eine Originalität, die ihresgleichen sucht, von Mareike Fallwickl in Worte gefasst, die sich lesen wie eine ganz neue Sprache der Zwischentöne, der Schattierungen. Da passt einfach alles: der treffsichere Rhythmus der Dialoge, die ungewöhnlichen Bilder und Metaphern, der Spannungsbogen, der sich direkt in die Leser:innenseele bohrt.

Eine ganz klare Leseempfehlung!

[Link] Die ganze Rezension zu Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast Schwarz

Mein Plan: jeden Tag eine Rezension, dann ist bald wieder Tabula Rasa! (6/10 geschrieben)

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