#Rezension Donal Ryan: Die Stille des Meeres

Donal Ryan: Die Stille des Meeres

© Cover ‘Die Stille des Meeres’: Diogenes-Verlag
© Bild eBook-Reader: Pixabay

Handlung

Farouks Leben ist am Ende, weil er verloren hat, was ihm am meisten bedeutete. Lampys Leben sollte gerade so richtig anfangen, doch dann ließ ihn seine große Liebe Chloé einfach stehen. John hat sein Leben lang andere betrogen und hofft nun verzweifelt auf Gottes Vergebung. In einer kleinen Stadt in Irland werden diese drei Männer sich auf unwahrscheinliche Weise begegnen. Mit fatalen Folgen.

(Klappentext)

Farouk

Im ersten Abschnitt geht es um den syrischen Arzt Farouk, der sich mit Frau und Tochter auf eine verzweifelte Flucht begibt und das Schicksal seiner kleinen Familie in die Hände eines Schleusers legt. Ach, wie schnell man als Leser:in schon ahnt, dass das kein gutes Ende nehmen wird … Wir haben den Luxus, nur allzu klar zu sehen, wie skrupellos der Schleuser ist, wie leer seine Versprechen, wie zum Scheitern verurteilt das schäbige kleine Boot – Menschenleben sind hier nicht mal ein Teil der Kosten-Nutzen-Rechnung. Es ist Luxus, weil wir diesen Schmerz nicht selber erleben müssen, während Farouk sich später verzweifelt an seine Amnesie klammern wird.

Wie oft hörst du solche Geschichten in den Nachrichten und in Dokumentarfilmen, und dennoch kannst du dir nicht wirklich vorstellen, wie sich die Überlebenden fühlen. Dem Roman gelingt eine wirkungsvolle Balance: wir sind nah genug dran, um mitfühlen zu können, aber es überschreitet nicht die Grenze zum Betroffenheitskitsch. An die Nieren geht es jedoch allemal.

Lampy

Im zweiten Abschnitt des Buches geht es um den 23-jährigen Lampy, der es den Leser:innen nicht leicht macht. Er ist antriebslos und emotional unreif, hat ein unbestreitbares Aggressionspotential und ein vorsintflutliches Frauenbild. Gerade hat ihn seine große Liebe verlassen und er schwankt zwischen Resignation und Todessehnsucht.

Ich halte ihn für einen jungen Mann, dem ein positives männliches Vorbild fehlt; seinen Vater kennt er nicht. Mutter und Großvater sind beide auf ihre Art unzuverlässige Bezugspersonen, die selber nicht das notwendige Wissen oder die emotionale Reife haben, um Lampy zu fördern. Gleichzeitig ketten sie ihn mehr oder weniger bewusst an sich und damit an ein Milieu, in dem er sich nicht weiterentwickeln kann.

Für mich ist das Interessanteste diese Leerstelle: wer ist sein Vater? Warum will die Mutter nicht raus mit der Sprache? Donal Ryan gelingt das Kunststück, dass ich als Leserin trotz Lampys unerfreulicher Eigenschaften dennoch wissen wollte, wie es mit ihm weitergeht. Ich fieberte durchaus mit ihm mit und wünschte mir, er könnte sich noch lösen aus diesem Umfeld. Mögen konnte ich ihn nur bedingt und nur mit bewusster Anstrengung – aber sie sind da, die verkümmerten positiven Eigenschaften, der Hauch Hoffnung auf ein sinnvolles Leben.

John

Ist Farouk im Grunde ein sympathischer, tragischer Held und Lampy ein frustrierter Außenseiter mit Aggressionsproblemen, geht es im dritten Abschnitt um John, der in vielem ein schrecklicher, unmoralischer, gewissenloser Mensch ist. Da schreckst du beim Lesen geradezu zurück, willst gar nicht riskieren, vielleicht doch mit so jemandem mitzufühlen.

Ja, John hat durchaus auch Schlimmes erlebt, vor allem den Tod seines Bruders, der immer der Lieblingssohn der Eltern war – was sie John auch spüren ließen –, aber das entschuldigt sein Verhalten bei Weitem nicht. Jetzt legt er Beichte ab und ich frage mich: Glaubst du denn wirklich, dass es damit getan ist?

Ich rätselte beim Lesen: Wo ist das Bindeglied zwischen diesen Männern, was haben Farouk, Lampy und John gemeinsam? Geht es um Tod, Liebe, männliches Selbstverständnis? Im allerletzten Abschnitt des Buches bringt der Autor die Geschichten seiner grundverschiedenen Protagonisten zusammen und liefert damit ein Ende, dem das Kunststück gelingt, zwar überraschend und sogar eher unwahrscheinlich zu sein, aber dennoch überzeugend und glaubhaft. Chapeau!

Fazit

Lieblingsbuch

Ein Episodenroman: Drei Männer treffen im kleinen irischen Ort Ardnamoher aufeinander. Farouk ist aus Syrien geflohen und völlig traumatisiert; Lampy wurde von seiner großen Liebe verlassen und ist zornig, traurig und frustriert; John war sein ganzes Leben lang ein schrecklicher Mensch und sucht jetzt auf den letzten Drücker die Vergebung. Sie kennen sich nicht, sie haben scheinbar nichts miteinander zu tun, ihre Leben verliefen in völlig anderen Bahnen. Und doch hat ihr Weg sie hierhin geführt, und Donal Ryan gewährt den Leser:innen vielschichtige Einblicke in die Lebenswirklichkeit seiner Protagonisten.

Der Schreibstil ist mal fast schon poetisch, dann wieder abgehackt und atemlos, ab und an geradezu roh… Der Autor bedient die ganze Klaviatur und erzielt damit eine sehr eindringliche Wirkung; seine Worte spiegeln die Persönlichkeiten seiner Protagonisten in jedem Abschnitt stimmig wider. Die sind meines Erachtens alle sehr komplex und überzeugend gezeichnet, in ihren positiven, aber gerade auch in ihren zwiespältigen oder sogar negativ besetzten Eigenschaften.

Das erzeugt echten Tiefgang, und auch echte Spannung ohne Effekthascherei – für mich ist “Die Stille des Meeres” dementsprechend auch eine echte Leseempfehlung.

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TitelDie Stille des Meeres
OriginaltitelFrom a Low and Quiet Sea
Autor(in)Donal Ryan
Übersetzer(in)Anna-Nina Kroll
Verlag*Diogenes
ISBN / ASIN978-3-257-07116-0 (Hardcover)
978-3-257-24667-4 (Taschenbuch)
978-3-257-61173-1 (eBook)
978-3-257-69398-0 (Hörbuch)
Seitenzahl*288
Erschienen im*Mai 2021
Genre*
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