#Rezension Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

© Cover ›Drei Kameradinnen‹: Kiepenheuer & Witsch
© Bild eBook-Reader: Pixabay

Handlung

In ihrem neuen Roman erzählt Shida Bazyar voller Wucht und Furor von den Spannungen und Ungeheuerlichkeiten der Gegenwart – und von drei jungen Frauen, die zusammenstehen, egal was kommt. Seit ihrer gemeinsamen Jugend in der Siedlung verbindet Hani, Kasih und Saya eine tiefe Freundschaft. Nach Jahren treffen die drei sich wieder, um ein paar Tage lang an die alten Zeiten anzuknüpfen. Doch egal, ob über den Dächern der Stadt, auf der Bank vor dem Späti oder bei einer Hausbesetzerparty, immer wird deutlich, dass sie nicht abschütteln können, was jetzt so oft ihren Alltag bestimmt: die Blicke, die Sprüche, Hass und rechter Terror. Ihre Freundschaft aber gibt ihnen Halt. Bis eine dramatische Nacht alles ins Wanken bringt.

Shida Bazyar zeigt in aller Konsequenz, was es heißt, aufgrund der eigenen Herkunft immer und überall infrage gestellt zu werden, aber auch, wie sich Gewalt, Hetze und Ignoranz mit Solidarität begegnen lässt. »Drei Kameradinnen« ist ein aufwühlender, kompromissloser und berührender Roman über das außergewöhnliche Bündnis dreier junger Frauen – und das einzige, das ein selbstbestimmtes Leben möglich macht in einer Gesellschaft, die keine Andersartigkeit duldet: bedingungslose Freundschaft.

(Klappentext)

Aufwühlend, kompromisslos, kraftvoll

Die titelgebenden ›drei Kameradinnen‹ sind junge Frauen, die seit Kindestagen eine innige Freundschaft verbindet. Die Erzählerin verweigert Leser:innen ausdrücklich die Information, aus welchem Land sie und ihre Familien jeweils kommen – offensichtlich sind sie POC¹, nicht aus Deutschland, mehr musst du für den Kontext nicht wissen.

›Offensichtlich‹? Das meine ich in diesem Sinne: Von wohlmeinenden Menschen werden sie gönnerhaft auf Englisch angesprochen, in der Annahme, sie sprächen kein Deutsch. In der Schule loben manche Lehrer ihre Leistungen, verweigern ihnen aber stillschweigend die Bestnote. Bei anderen spult sich direkt ein Zyklus der Vorverurteilung ab, den auch noch so viel Fleiß nicht sprengen kann. Später findet die Protagonistin trotz Studium nur schwer Arbeit. Im Jobcenter wird sie automatisch unter ›schwer vermittelbar‹ verbucht, ideal nur für stupide Callcenterjobs – der 1,0 Abschluss interessiert gar nicht. Überall die Blicke, die Sprüche, der stete Zwang, sich die eigene Existenzberechtigung immer und immer wieder zu verdienen, und das Gaslighting: das bildest du dir nur ein, übertreibst du nicht, Deutschland hat kein Rassismus-Problem.

Eine Gratwanderung

Wem kann ich trauen, wer meint es ehrlich mit mir? Will er oder sie mich ehrlich unterstützen, oder benutzt si:er mich nur, um den eigenen ›White Savior‹-Komplex zu füttern, sich als guter Mensch zu fühlen? Das frisst Energie, Lebensfreude und Chancen. Die Erzählerin konfrontiert dich manchmal mit deinem eigenen Dünkel: Ach, du hast dich nach dem NSU-Bekennerschreiben gar nicht näher mit den Morden und den Opfern befasst? Was sagt das über dich?

Die drei Kameradinnen gehen sehr unterschiedlich damit um. Hani ist in einem Grad angepasst und bemüht, der beim Lesen schmerzt; alles, was sie nicht positiv sehen kann, blendet sie krampfhaft aus. Kasih, die Erzählerin, ist nur schwer greifbar: Sie ist eine unzuverlässige Erzählerin, die ihre Gefühle und ihre Erinnerungen ganz bewusst relativiert, manchmal sogar negiert oder auf den Kopf stellt. In Saya brodelt bei jeder Mikroaggression, bei jedem beiläufigen Alltagsrassismus, die Wut. Sie verbringt im Internet ›Stunden mit dem stummen Sichten des lauten Hasses‹, und der stete Tropfen höhlt den Stein …

Blick durchs Feuer

Di:er Leser:in fliegt durch die Seiten und fragt sich: Hat Saya wirklich getan, was die einschlägigen Skandalblätter schäumen lässt vor selbstgerechter Wut, was sie schrei(b)en lässt, man habe schon zu lange ›solche Menschen‹ ins Land gelassen? Ist sie eine Attentäterin, eine islamistische Brandstifterin? Und falls ja – kann ich sie ein Stück weit verstehen? Menschen wie Saya laufen Tag für Tag über vergifteten Boden, stolpern immer wieder über tiefgehende Wurzeln der Intoleranz. Der eine fällt und bleibt liegen, die andere hält es nicht mehr aus und brennt alles nieder.

»Uns gibt es in dieser Welt nicht. Hier sind wir weder Deutsche noch Flüchtlinge, wir sprechen nicht die Nachrichten und wir sind nicht die Expertinnen. Wir sind irgendein Joker, von dem sie noch nicht wissen, ob sie ihn einmal zu irgendetwas gebrauchen können.«

Zitat

Sowas passiert nicht im Vakuum; wenn wir die Augen vor den Ursachen verschließen, perpetuieren wir einen fatalen Zyklus der Gewalt und Gegengewalt.

Eine Anklageschrift

Shida Bazyar lässt Protagonistin Kasih durchaus provozieren. Sie geht die Leser:innen direkt an, konfrontiert sie mit dem eigenen Schubladendenken, beschuldigt sie des Rassismus – und lässt sie dann wieder wissen, dass ihr als Erzählerin nicht zu trauen ist. »Ich kann euch verarschen, ohne dass ihr irgendwas davon merkt«. Obwohl Saya im Trio der Freundinnen wohl die Zornigste ist, spürt man auch bei Kasih, wie sehr sie endlich mal den Spieß umdrehen will. Sie zieht eine scharfe Grenze zwischen »wir« und »ihr«. »Ihr« seid die Rassisten. »Ihr« seid die, die uns unten halten wollen. »Ihr«… Jetzt seid ihr endlich mal diejenigen, die aufgrund ihrer Hautfarbe vorverurteilt werden, wie fühlt sich das an? Sie ist nicht fair, ganz bewusst. Sie teilt aus.

Das ist beim Lesen unbequem. Als weiße:r Leser:in fühlst du dich vielleicht unwohl oder verspürst den Drang, einfach dichtzumachen und jeglichen Schatten der Schuld entschieden von dir zu weisen. Aber Kasihs Art ist ein sehr effektives Stilmittel, um dich aus der Komfortzone zu holen. Das ist nötig, denn in der Komfortzone kann es keinen Wandel geben.


¹ POC = ›people of color‹ oder ›person of color‹, positiv besetzter Begriff für Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe

Fazit

Gern gelesen

Seit frühster Kindheit sind Hani, Kasih und Saya Freundinnen, durch dick und dünn, ohne Vorbehalte. Doch alle drei müssen Tag für Tag durch einen Morast von Vorurteilen, Anfeindungen oder halbherzig wohlwollender Ignoranz waten – das ist nicht nur anstrengend, es schürt auch die Wut. Und dann passiert der Brandanschlag. Und dann ist Saya in allen Zeitungen als islamistische Terroristin. War sie es wirklich? Spielt es überhaupt eine Rolle?

Shida Bazyar erzähle eine Geschichte, die dich aufrüttelt. Die grundverschiedenen Persönlichkeiten der drei Kameradinnen bringen diese Geschichte nicht nur schlüssig zusammen, sondern bieten Identifikationspotential – trotz Provokation, trotz Abgrenzung. Doch diese Identifikation erfordert bewusste Anstrengung: Um die Protagonistinnen zu verstehen, musst du mitdenken, hinterfragen, Unbequemes erstmal zulassen. Der Schreibstil ist ausdrucksstark, hält dich aber immer auf dem Sprung; die Erzählerin wechselt abrupt das Thema, lässt Dinge ungeklärt oder widerspricht sich.

Das Buch reicht dir nicht die Hand, lädt dich auch nicht ein zur Überbrückung der unsichtbaren Kluft. Die Erzählerin zeigt, wie problematisch Vorurteile sind, in dem sie ihrerseits weiße Menschen vorverurteilt, geradezu genüsslich. Manchmal ist das meines Erachtens tatsächlich ZU provokant, ZU anstrengend, ZU bemüht. Vorurteile werden nicht aufgebrochen, sondern mit eigenen Vorurteilen Schicht um Schicht überlagert – und irgendwann sieht man nur noch verhärtete, verkrustete Angst. Wobei das tatsächlich die ultimative Botschaft des Buches sein könnte: Wollen wir wirklich, dass das passiert? Falls nicht, muss jede:r an sich arbeiten. Als Gesamtbild betrachtet kann mich der Roman auf jeden Fall überzeugen, und ich bin froh, ihn gelesen zu haben.

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TitelDrei Kameradinnen
Originaltitel
Autor(in)Shida Bazyar
Übersetzer(in)
Verlag*Kiepenheuer & Witsch
ISBN / ASIN978-3-462-05276-3 (Hardcover)
978-3-462-31937-8 (eBook)
Seitenzahl*352
Erschienen im*April 2021
Genre*Gegenwartsliteratur
bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
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