#Rezension Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast Schwarz

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün, fast schwarz

© Cover ›Dunkelgrün fast Schwarz‹: Frankfurter Verlagsanstalt
© Bild eBook-Reader: Pixabay

Handlung

Raffael, der Selbstbewusste mit dem entwaffnenden Lächeln, und Moritz, der Bumerang in Raffaels Hand: Seit ihrer ersten Begegnung als Kinder sind sie unzertrennlich, Raffael geht voran, Moritz folgt. Moritz und seine Mutter Marie sind Zugezogene in dem einsamen Bergdorf, über die Freundschaft der beiden sollte Marie sich eigentlich freuen. Doch sie erkennt das Zerstörerische, das hinter Raffaels stahlblauen Augen lauert.

Als Moritz eines Tages aufgeregt von der Neuen in der Schule berichtet, passiert es: Johanna weitet das Band zwischen Moritz und Raffael zu einem fatalen Dreieck, dessen scharfe Kanten keinen unverwundet lassen. Sechzehn Jahre später hat die Vergangenheit die drei plötzlich wieder im Griff, und alles, was so lange ungesagt war, bricht sich Bahn – mit unberechenbarer Wucht. Mareike Fallwickl erzählt von Schatten und Licht, Verzweiflung und Sehnsucht, Verrat und Vergebung. Ihr packendes Debüt bringt alle Facetten der Freundschaft zum Leuchten, die Leidenschaft, die Sanftheit – und die Liebe, in ihrer heilsamen, aber auch funkelnd grausamen Pracht.

(Klappentext)

Die Wirklichkeit in Technicolor

Die Sprache ist grandios, unglaublich evokativ und atmosphärisch.

Außerdem ist die Autorin eine Meisterin darin, die komplexen Persönlichkeiten ihrer Charaktere und deren kompliziertes Beziehungsgeflecht in Worte zu fassen. Da schwingt so viel mit: Freundschaft, Liebe, Sehnen, aber auch Hass, Obsession, Verachtung… Der Sympathieträger des Romans, Moritz (oder “Motz”) ist Synästhet, der all das herauslesen kann aus den Farben, in denen er seine Welt sieht – herauslesen, aber nicht immer verstehen.

Bestenfalls präsentiert sich ihm die Welt als buntes Kaleidoskop der Gefühle, schlimmstenfalls als Malstrom, in dem er droht zu ertrinken. Es ist Gabe und Fluch, und fast niemand weiß davon. Nicht seine Eltern. Nicht seine Freunde. Nicht einmal der Frau, die er liebt und die mit seinem Kind schwanger ist, hat er je von den Farben erzählt. Er hat sie in sich verschlossen, hat als überaus begabter Künstler sogar seine Kunst aufgegeben, um normal sein zu können. Und so bleibt ein fundamentaler Teil von ihm stets unverstanden.

Freundfeindschaft, Hassliebe

Nur Raffael weiß es… Raffael, der früher mal sein bester Freund war, was zurückreichte bis in ihrer beider drittes Lebensjahr. Raffael, der ihn beschützte, aber auch biss und kratzte bis aufs Blut; der ihn verteidigte, aber mit gleicher Selbstverständlichkeit sadistisch quälte. Schon als kleines Kind spielte Raffael Menschen berechnend gegeneinander aus, lernte schnell, dass er jeglichen Konsequenzen mit Charme und gutem Aussehen entgehen konnte. Es gab für ihn keine Grenzen, und diese Art von Grenzenlosigkeit lässt einen Teil der Seele verkümmern und verrotten. In ihrer ungleichen Freundschaft war Raffael immer schon der Anführer, mit dem Moritz nie mithalten konnte – und doch war ihre symbiotische Beziehung für beide unverzichtbar.

Raffaels Farbe ist titelgebend: Dunkelgrün, fast Schwarz. Moritz sieht dieses Schwarz und will es doch nicht wahrhaben, nicht verstehen.

Subtile Nuancen zwischen Licht und Dunkelheit

Es wäre für die Autorin nur allzu leicht gewesen, aus Raffael einen eindimensionalen Bösewicht zu machen, aber in diese Falle tappt sie nicht. Seine Farbe ist kein reines Schwarz, und so gibt es auch Teile seiner Persönlichkeit, die eher dem Grün entsprechen. Doch umgekehrt widersteht sie ebenso der Versuchung, Raffaels Schwarz kleinzureden, wegzuerklären oder schlimmstenfalls durch die ‘reine Liebe’ heilen zu lassen. Er ist ein Mensch, der letztlich wohl am meisten von seiner eigenen Natur zerfressen wird.

Genau deswegen braucht er Moritz, der vielleicht das einzige reine Licht darstellt, das je bis in Raffaels Seele fiel, aber zu Beginn des Romans haben die beiden Freunde sich seit sechzehn Jahren nicht mehr gesehen.

Ich möchte hier noch nicht verraten, was damals zu dem Bruch führte, nur soviel sei gesagt: als Raffael eines Tages unverhofft vor Moritz’ Tür steht, bricht das alte Verwundungen auf, weckt aber auch alte Hoffnungen und ein widerwilliges altes Sehnen nach Freundschaft. Die Frage ist nur, ob Moritz sich aufs Neue hineinziehen lassen wird in eine Freundschaft, die ihm noch nie wirklich gutgetan hat, und die ihn alles kosten könnte, was er sich aufgebaut hat.

Die Mütter und die Frau im Zentrum des Sturms

Jetzt habe ich so viel über Motz und Raff geschrieben, und nichts über die anderen Charaktere. Dabei sind die nicht weniger großartig, angefangen bei den Müttern der beiden ungleichen Freunde. Auch sie sind vielschichtig und komplex, und bei ihnen und vor allem ihren emotionalen Verwundungen liegen in vielerlei Hinsicht die Wurzeln. Man kann als Leser:in quasi von Seite zu Seite nachverfolgen, welche ihrer Eigenschaften, welche ihrer Schlüsselerlebnisse später in den Söhnen neue Triebe schlagen werden.

Doch ein unverzichtbarer Charakter fehlt noch in dieser Rezension: Eine der interessantesten Figuren in diesem Drama ist sicher Johanna, die als traumatisierte Jugendliche in die Klasse von Moritz und Raffael kam. In vielerlei Hinsicht wurde sie zu Raffaels Gegenpol und gleichzeitig seinem Spiegelbild; viel mehr kann ich nicht sagen, ohne schon zu viel zu verraten. Oft entzieht sie sich der Empathie der Leser:innen, denn sie ist geradezu aggressiv zwiespältig, hat es buchstäblich zu ihrem Lebensinhalt gemacht, als Bloggerin kontrovers zu sein. Aber dennoch… Dennoch ist sie schlüssig und glaubhaft – und herzzerreißend tragisch.

Fazit

Lieblingsbuch

Den charmanten Raffael und den künstlerisch begabten Moritz verband einst eine Kinderfreundschaft, die viel mit emotionaler Abhängigkeit und der Ausnutzung vermeintlicher Schwäche zu tun hatte und schließlich ein schmerzliches, wohl unvermeidliches Ende fand. Sechzehn Jahre später erwartet Moritz mit der Frau, die er liebt, die Geburt des ersten gemeinsamen Kindes – alles ist gut. Doch dann steht Raffael auf einmal unangekündigt vor der Tür, und die Vergangenheit bricht wieder über Moritz herein.

Dies ist ein Roman, den du als Leser:in am besten selbst entdecken solltest – nicht nur wegen der Charaktere, die geradezu leben und atmen. Er überzeugt durch eine Originalität, die ihresgleichen sucht, von Mareike Fallwickl in Worte gefasst, die sich lesen wie eine ganz neue Sprache der Zwischentöne, der Schattierungen. Da passt einfach alles: der treffsichere Rhythmus der Dialoge, die ungewöhnlichen Bilder und Metaphern, der Spannungsbogen, der sich direkt in die Leser:innenseele bohrt.

Eine ganz klare Leseempfehlung!

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TitelDunkelgrün fast Schwarz
Originaltitel
Autor(in)Mareike Fallwickl
Übersetzer(in)
Verlag*Frankfurter Verlagsanstalt (Hardcover)
Penguin (Taschenbuch)
ISBN / ASIN9783627002480 (Hardcover)
9783627022587 (eBook)
9783328104841 (Taschenbuch)
Seitenzahl*480
Erschienen im*März 2018
Genre*Gegenwartsliteratur
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2 Replies to “#Rezension Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast Schwarz”

  1. Huhu!

    Das freut mich sehr dass dich das Buch auch so mitnehmen konnte!
    Der Schreibstil ist einfach klasse und die Charakterzeichnung … wie du schon sagst, einfach sehr gut ausgearbeitet, das man bei Lesen alles regelrecht fühlen kann!
    Einzig das Ende hätte bei mir noch gerne etwas anders laufen können, aber insgesamt fand ich es wirklich super!
    Ich freu mich schon auf andere Bücher der Autorin 🙂

    Liebste Grüße und ein schönes Wochenende!
    Aleshanee

    • Hallo Aleshanee,

      ja, verflixt noch eins, jetzt hab ich deinen Kommentar gerade wieder im Spam-Ordner gefunden… Ich werd nie so ganz verstehen, woran der WordPress-Filter das festmacht!

      Das Ende brachte mich erst auch zum Grübeln. Fand ich das jetzt zu dies oder zu das, war das stimmig, war das glaubhaft? Letztendlich glaube ich nicht, dass die fatale Dynamik zwischen den zwei emotional verkorkstesten Charakteren damit ein Ende nimmt, aber das wäre meines Erachtens auch unglaubwürdig gewesen. Mehr will ich hier nicht schreiben, um Leser:innen, die über diese Kommentare stolpern, nicht zu viel zu verraten! Aber ich würde sagen, im Endeffekt habe ich entschieden, dass es das bestmögliche Ende war.

      LG,
      Mikka

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