#Rezension Stefanie vor Schulte: Junge mit schwarzem Hahn

Junge mit schwarzem Hahn

© Cover ‘Junge mit schwarzem Hahn’: Diogenes-Verlag
© Bild eBook-Reader: Pixabay

Dieser Roman ist nominiert für den Buchpreis “Das Debüt”:
[Link] Shortlist

Handlung

Der elfjährige Martin besitzt nichts bis auf das Hemd auf dem Leib und seinen schwarzen Hahn, Behüter und Freund zugleich. Die Dorfbewohner meiden den Jungen, der zu ungewöhnlich ist. Viel zu klug und liebenswürdig. Sie behandeln ihn lieber schlecht, als seine Begabungen anzuerkennen. Als Martin die Chance ergreift und mit dem Maler zieht, führt dieser ihn in eine schauerliche Welt, in der er dank seines Mitgefühls und Verstandes widerstehen kann und zum Retter wird für jene, die noch unschuldiger sind als er.

(Klappentext)

Träumen, als wäre es ein Leben

Von der ersten Seite an konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, ich würde noch einmal so etwas Großartiges lesen wie Otfried Preußlers »Krabat«. Ein düsteres Märchen, das mich als Kind schon begeisterte, dann noch mal als Jugendliche, später als Erwachsene. Und wie ich im Internet sehe, bin ich beileibe nicht die Einzige, die sich an diesen Klassiker der Jugendliteratur erinnert fühlt!

Die Atmosphäre ist mal malerisch, mal bedrückend, dann wieder gefriert einem das Blut in den Adern; doch immer entstehen vor dem inneren Auge Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Der Autorin genügen kurze Sätze, um die Welt des Buches eindrucksvoll zum Leben zu erwecken, in all ihrer kindgerechten Schrecklichkeit. Doch das Märchenhafte sollte erwachsene Leser:innen nicht abschrecken, denn es hält sich die Waage mit durchaus realistischen Aspekten. Kurz gesagt: Die Geschichte ist keineswegs trivial oder ohne tiefere Bedeutung.

Die Leichen tropfen von den Bäumen wie vergorene Äpfel

Es ist eine harte Welt, in der Armut, Hunger und Krieg ihren Tribut fordern. Und im Zentrum der Geschichte steht Martin, ein kleiner Junge, der zu gut ist, zu reinen Herzens, zu tapfer und mitfühlend, um von seiner abergläubischen Dorfgemeinschaft akzeptiert zu werden. Soviel Güte ist ihnen nicht geheuer, denn ihre Wahrheit besteht darin, dass sich in Notzeiten jeder selbst der Nächste ist. Das Kind ist eine stete Erinnerung daran, wie schmerzlich sie selbst es an Mitgefühl und Menschlichkeit mangeln lassen.

»Eines Tages«, flüstert der Hahn. »Eines Tages wirst du hier gewesen sein. Eines Tages wirst du wissen, wie alles ausgegangen sein wird. Eines Tages magst du Albträume haben, denn alles wird entsetzlich gewesen sein. Aber du wirst auch erzählen können, wie einfach es gewesen sein wird. Und dass nur du es konntest.«

»Einfach«, flüstert Martin und kneift die brennenden Augen zusammen.

Als der Junge noch sehr klein war, tötete sein Vater die ganze Familie, nur ihn nicht. Das war den Dörflern so unheimlich, dass sie dem Knirps stillschweigend jede Hilfe versagten; mit seinem Überleben rechnete im Grunde niemand. Das einzige Lebewesen, das ihm stets zur Seite stand, war der im Titel erwähnte schwarze Hahn, der kurzerhand zum Teufel oder Dämon erklärt wird, um die eigene Schuld notdürftig zu vertuschen.

Warum muss er wissen, dass die Menschen selbst schlimmer sind als alle Dämonen, vor denen sie sich grausen?

Es sind Aspekte wie diese, die den Sprung vom Märchenhaften in unsere Realität schaffen: Die Ablehnung all dessen, was nicht dem eigenen Lebensmodell entspricht ist Grundlage allzu vieler “-ismen”. Die Art und Weise, wie so mancher Mensch sich selber in die Tasche lügt, um die eigenen Fehler und Charakterschwächen nicht wahrnehmen zu müssen, ist vielleicht der hartnäckigste Selbstbetrug.

Aber wie es im Märchen eben so ist, muss der Held in die Welt hinausziehen und sich Prüfungen stellen. In Martins Dorf erzählt man sich schon seit langem von einem schwarzen Reiter, der Kinder entführt. Als er selber eine solche Entführung beobachtet, aber nicht verhindern kann, beschließt er, die Rettung der entführten Kinder zu seinem Lebenssinn zu machen – obwohl er selber noch ein kleiner Junge ist.

»Alle gilt es zu retten, aber alle sind verloren. Doch Martin denkt anders. Ein gerettetes Leben ist alle Leben.«

Schon bald bewegt sich Martin durch eine gnadenlose, vom Krieg gebeutelte Welt, in der fast niemand sich Mitgefühl erlauben kann. Dennoch blitzt durchaus immer wieder ein wenig Humor durch, der mal an die Schildbürger, mal an Till Eulenspiegel erinnert.

So leuchtend die Hoffnung auf Glück

Martin ist eine Lichtgestalt, die im Kontrast menschliche Abgründe nur umso deutlicher erkennen lässt, aber gleichzeitig auch für genug Hoffnung, Freude und Menschlichkeit sorgt, um zu zeigen: Es kann auch anders gehen.

»Und da fragt sich [der Maler], ob er damit leben könnte, wenn es nichts Grausames mehr gäbe, was sich mit Farbe auf Leinwand abbilden ließe. Dann würde er wohl für immer den Jungen malen. Nur mehr ihn, und er bräuchte dafür keine andere Farbe mehr als Gold.«

Die märchenhaften Eigenschaften des Romans wirken sich sowohl auf den Aufbau der Handlung als auch auf die Charakterzeichnung aus. Die Geschichte folgt der archetypischen Struktur einer klassischen Heldenreise, mit den dazugehörigen Leitmotiven und Figuren; unter den Charakteren finden sich Variationen des weisen Narren, des Hüters der Schwelle, der bösen Hexe. Doch trotz einer gewissen zwangsläufigen Klischeehaftigkeit, zeigt sich bei den wichtigsten Charakteren eine unerwartete Tiefe – wann man bereit ist, zwischen den Zeilen zu lesen.

Lediglich der “bösen Hexe” (nicht im wörtlichen Sinne) hätte ich etwas mehr Realismus gewünscht, ihre Motivation wird nur oberflächlich präsentiert, auf das “Böse” reduziert. Obwohl Leser:innen erahnen können, dass dahinter durchaus eine persönlich Tragödie stecken könnte, wird aus der Hexe kein Mensch, mit dem mensch wenigstens ansatzweise mitfühlen könnte.

Aber das Gesamtpaket dieses großartigen Märchens, das sich jetzt schon wie ein Klassiker liest, konnte mich voll und ganz überzeugen.

Fazit

Lieblingsbuch

Stefanie vor Schulte erzählt ein bildgewaltiges, düsteres Märchen, das wie aus der Zeit gefallen wirkt und mich dennoch auch als moderne Leserin begeistern konnte. Wie die alten Märchen, die die Jahrhunderte überdauert haben, ist es eine Geschichte voller Abgründe, voller Grausamkeit, deren Schatten man mit leisem Unbehagen in der eigenen Realität erahnt. Für nötige Balance sorgt ein kindlicher Held, der dem Elend und Leid seiner Welt mutig Liebe und Hoffnung entgegensetzt.

Die Sprache ist großartig, intensiv und beschwörend, die Geschichte verwebt ihre Spannungsfelder und Schlüsselcharaktere in den einfachen Rahmen einer Völksmär. Die Atmosphäre erinnerte mich streckenweise an »Krabat« von Otfried Preußler, doch »Junge mit schwarzem Hahn« ist beileibe kein Abklatsch, sondern etwas ganz Eigenes.

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TitelJunge mit schwarzem Hahn
Originaltitel
Autor(in)Stefanie vor Schulte
Übersetzer(in)
Verlag*Diogenes
ISBN / ASIN978-3-257-07166-5 (Hardcover)
978-3-257-61208-0 (eBook)
978-3-257-80437-9 (Hörbuch)
Seitenzahl*224
Erschienen im*August 2021
Genre*Märchen
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