#Rezension Julia von Lucadou: Tick Tack

Julia von Lucadou: Tick Tack

Verlag: Hanser Literaturverlage

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#trending (Protagonistin Mette)
#sigmamale (Protagonist Jo)
#selbsterkenntnisundso (Themen)
#dercountdownläuft (Spannung)
#ausdemlebengegriffen (Schreibstil)
#fazit

#ichwillsterben #willichsterben

#trending

Mette ist 15. Mette ist Schülerin und hochbegabt. Mette ist dick. Mette hat 10.300 Follower auf TikTok. Mette hat ihr Leben satt – oder nur die Einsamkeit.

Denn im Grunde schreit sie immer nur in den leeren Raum, sucht nach echter Verbindung in einem Umfeld, das Oberflächlichkeit und Banalitäten zelebriert. Oder sich übersättigt den nächsten Kick in den Abgründen sucht – Selbstmord-Videos zum Beispiel. Zuschauen, wie eine Person ihr Leben beendet, um sich selber für ein paar Minuten lebendig zu fühlen. Niedliche Kätzchen sind nur ein paar Klicks entfernt von Tod und Gewalt.

Pastel Bird 3

Will Mette wirklich sterben, als sie ihren eigenen Selbstmord auf TikTok ankündigt? Oder wenigstens einmal der Star sein? Einmal viral gehen? Menschen auf diese verzweifelte Art erreichen, berühren, erschüttern? Hier bin ich, seht mich doch. Seht mich doch endlich. Like and Subscribe.

Julia von Lucadou gelingt es, die Gedankenwelt dieser Teenagerin so überzeugend zu schildern, so vielschichtig und subtil, dass ich geradezu an den Seiten klebte und bang mitfieberte: Tu’s nicht, Mette. Nein, glaub das nicht, Mette. Du brauchst das nicht, um wertvoll zu sein, Mette.

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#sigmamale

Jo ist 26. Jo ist Ex-Student. Jo ist charismatisch. Jo ist misogyn und agressiv. Jo hat mit Mette viel vor.

Mette und Jo sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Sie verkörpert Verwundbarkeit und Sehnsucht, er verkörpert Manipulation und Radikalisierung. Er ist ein Incel, der Frauen in frustriertem Zorn verachtet, versteht sich als “Anti-Influencer” und “Krieger im Kampf für die Wahrheit”. Geschickt füttert er Mette mit genug Anerkennung und Lob, um sie lenken zu können, und sie ist nur allzu empfänglich für jedes bisschen Zuneigung. Gleichzeitig ist er selber anfällig für das Miasma der Verschwörungstheorien und fühlt sich als Corona-Leugner berufen für Größeres.

Pastel Bird 5

Als Leser:in ist es zwar leicht, Jo zu hassen, doch nach und nach sieht man, wo die Ursachen für sein Verhalten liegen. Die Frage ist: Trägt Jo die Schuld an dieser verfahrenen Situation, oder ist er nur ein Symptom eines viel tiefergehenden Problems?

Julia von Lucadou zeigt ihn als Gefährder, ohne ihn zu verteufeln, und so schwankte ich zwischen Wut und Mitleid.

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#selbsterkenntnisundso

Buch 1

Julia von Lucadou schreibt ihre Protagonist:innen als authentische, glaubhafte Menschen und gleichzeitig als Produkte einer Gesellschaft auf Sinnsuche. Und diese ist hier grundlegend zum Scheitern verurteilt, weil sie ihr Glück außerhalb ihrer selbst suchen: in Gurus, in dysfunktionalen Internet-Communities, in den neusten Verschwörungstheorien. Im Kern geht es immer um eine emotionale Krise, die nicht von einer Gemeinschaft, einer Familie oder einem Freundeskreis aufgefangen wird.

Wo Aufmerksamkeit zur Währung wird, verliert sie an echter emotionaler Bedeutung.

Der Blickwinkel liegt vor allem auf Jugendlichen und jungen Erwachsenen, und die Autorin trifft deren Internet-Slang perfekt, ohne dabei ältere Leser:innen abzuhängen. Das liest sich wahnsinnig aktuell und beklemmend echt – gesehen durch Mettes und Jos Augen passiert alles genau jetzt, genau hier. Die Rezensionen sprechen nicht von ungefähr davon, Julia von Lucadou habe den “Roman der Gegenwart” geschrieben.

Die Geschichte beginnt sozusagen in der Nahaufnahme – es geht anfangs vor allem um Mette als Person. Doch der Roman zoomt immer weiter heraus und umspannt schließlich hochaktuelle Themenkomplexe: Corona, Querdenker, Mysogyne Tendenzen in den Sozialen Median.

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#dercountdownläuft

Buch 3

Tick Tack. Mette geht viral.

Tick Tack. Jo zieht im Hintergrund die Fäden.

Tick Tack. Mette ist bereit zum Äußersten.

Tick Tack

Als Leser:in schaust du Mette zu, wie sie Follower gewinnt, wie sie abhebt und in schwindelerregende Höhen aufsteigt. Doch leise hörst du es wispern: Ikarus. Kamikaze. Steuert sie auf die Katastrophe zu oder wird sie rechtzeitig erkennen, was sie tut? Spannung und Tempo steigern sich, für mich flog die Geschichte nur so vorbei. Definitiv hochspannend, dabei aber auch mit sozialkritischen Tiefgang und nah am Puls der Zeit.

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#ausdemlebengriffen

Pastel Bird 2

Die Autorin schafft es, Jugend- und Internetsprache aufzugreifen, ohne dass es peinlich wird, und das ist ein Kunststück. Haarscharf am #cringe vorbei.

Trotz der ernsten Themen würzt sie die Erzählung auch mit sarkastischem, bösen Humor. Vor allem die Abrechnung mit der Elterngeneration ist auf bitterböse Art witzig.

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen, nur mit der Abwicklung der Handlungsstränge am Schluss war ich nicht 100%ig zufrieden. Da geht auf einmal alles sehr schnell und wird recht simpel aufgelöst, die bisherige Komplexität der Themen geht etwas verloren.

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Fazit

Gern gelesen

Die 15-jährige Mette kündigt auf TikTok einen Selbstmordversuch an – und niemand reagiert, niemand versucht es ihr auszureden, niemand ruft den Notruf an. Also legt sie sich auf die Gleise, wird aber in letzter Sekunde gerettet. Das Video geht viral und erregt die Aufmerksamkeit des 26-jährigen Jo, der das einsame Mädchen für seine Zwecke instrumentalisiert. Schon bald wird Mette zur Gallionsfigur seines Querdenker-Kampfes gegen den Mainstream – quasi wie Jana aus Kassel, nur geschickter inszeniert.

Julia von Lucadou seziert Aspekte unserer Gegenwart in kristallklarer Sprache: die Parallelgesellschaft der sozialen Medien, paranoide Verschwörungstheorien, misogyne Subkulturen als persönliche Identität – aber vor allem die Haltlosigkeit junger Menschen in einer Welt, in der Aufmerksamkeit nur noch eine digitale Währung ist. Das liest sich spannend, durchaus unterhaltsam, aber auch deprimierend realitätsnah. Das Buch vermittelt das Lebensgefühl der Generation TikTok perfekt.

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