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[ Rezension ] Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert

Buchcover Bettina Wilpert Nichts was uns passiert

© Cover ‚Bettina Wilpert Nichts was uns passiert‘: Verbrecher Verlag
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

„Leipzig. Sommer. Universität, Fußball-WM und Volksküche. Gute Freunde. Eine Geburtstagsfeier. Anna sagt, sie wurde vergewaltigt. Jonas sagt, es war einvernehmlicher Geschlechtsverkehr. Aussage steht gegen Aussage. Nach zwei Monaten nah an der Verzweiflung zeigt Anna Jonas schließlich an, doch im Freundeskreis hängt bald das Wort „Falschbeschuldigung“ in der Luft. Jonas’ und Annas Glaubwürdigkeit und ihre Freundschaften werden aufs Spiel gesetzt.“

(Klappentext)

(K)ein klarer Fall.

Alles ganz einfach. Ganz offensichtlich. Eine Frau beschuldigt einen Mann der Vergewaltigung, er streitet den Vorwurf ab. Einer lügt, einer sagt die Wahrheit. Kein Raum für Grauzonen.

Gar nicht einfach. Kein bisschen offensichtlich. Es war (viel) Alkohol im Spiel, beide hatten zu einem früheren Zeitpunkt einvernehmlichen Sex. Und keiner von beiden lügt.

Bettina Wilpert nähert sich der Problematik feinfühlig, ohne dem Leser ein Urteil aufzuzwingen.

Das Buch gibt Annas Perspektive genauso viel Raum wie Jonas‘ Perspektive. Ihre Stimme wertfrei zuzulassen, schmälert nicht seine Wahrnehmung des Geschehens, und umgekehrt. Zwei Wahrheiten mit nur wenig Überschneidung, und dennoch sind beide Wahrheiten subjektiv gesehen valide und unumstößlich.

Auch im Zeitalter von #metoo ist das Thema nicht weniger schwierig.

Vergewaltigung als schwarz-weißes Narrativ funktioniert hier nicht, würde weder Anna noch Jonas gerecht werden. Beide werden großartig charakterisiert, komplex und glaubhaft, und entziehen sich daher jeglicher Simplifizierung.

Nachdem Anna Jonas anzeigt, bekommt das Geschehen eine Eigendynamik, die beide schädigt und traumatisiert. Anna muss jedoch mit einer mehrfachen Belastung leben – sie wurde vergewaltigt, auch wenn Jonas das ehrlich nicht so empfindet, und muss sich dafür immer wieder rechtfertigen. Victim Shaming, wie es im echten Leben leider dauernd passiert.

Denn das Urteil fällen die anderen.

Es gibt die Verurteiler, die Jonas in die Rolle des Monsters drängen oder Anna in die Rolle der hinterhältigen Fehl-Anschuldigerin. Es gibt die Unterstützer, die ihre Unterstützung geradezu aggressiv aufdrängen. Das Umfeld ergreift Partei, ohne darum gebeten worden zu sein.

Der Schreibstil passt perfekt zur Geschichte: er ist subtil, unaufgeregt, eher schlicht und schnörkellos, und dennoch kann man die Emotionen der Charaktere gut nachvollziehen. Ein namenloser Erzähler tauscht sich in Gesprächen mit den direkt oder indirekt beteiligten Personen aus. Es gibt viele Blickwinkel, viele Stimmen, die hadern, zweifeln, nach einem Sinn suchen – und das Geschehene doch oft nur zur Unterstreichung der eigenen Meinung instrumentalisieren.

Fazit

Bettina Wilpert schildert in ihrem Roman die Geschichte einer Vergewaltigung, bei der sich der Täter keiner Schuld bewusst ist. Aber macht das für das Opfer und sein erlittenes Trauma einen Unterschied? Als Anna Jonas bei der Polizei anzeigt, beginnt für beide ein Spießrutenlauf.

Im Zeitalter von #metoo verändert sich nach und nach das öffentliche Bewusstsein, was das Thema Vergewaltigung und die damit einhergehenden Problematiken angeht. Dennoch ist dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen, und deswegen sind Bücher wie dieses immer noch wichtig.

Dabei verzichtet die Autorin auf plumpe Schwarzweißmalerei. Komplexe Konzepte wie Schuld oder Unschuld, Wahrheit oder Lüge bleiben manchmal fließend, und dennoch wird nichts verharmlost.

Mit diesem Roman war Bettina Wilpert Preisträgerin des Buchpreises ‚Das Debüt‘ 2018.

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TitelNichts, was uns passiert
Originaltitel
Autor(in)Bettina Wilpert
Übersetzer(in)
Verlag*Verbrecher Verlag
ISBN*9783957323071
Seitenzahl*167
Erschienen im*Februar 2018
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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