Rezensionen

[ Rezension ] Lorenz Just: Am Rand der Dächer

Lorenz Just: Am Rand der Dächer

Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir von Netgalley im Auftrag des Verlags zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Am Rand der Dächer’:
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

“Im großen Berliner Zimmer beginnt die Freundschaft von Andrej und Simon. Dort ritzen sie ihre Initialen ins Holz der Fensterbank und von dort aus begeben sie sich auf den langen Streifzug durch die Straßen ihres Viertels. Während Berlin-Mitte durch den Elan der herbeiströmenden Alteigentümer, Unternehmerinnen, DJs und DJanes, Kunst- und Abenteuerlustigen zu neuem Leben erwacht, gleiten die Kinder auf den Wegen ihrer Jugend an den Rand des Geschehens. Durch verwinkelte Hinterhöfe und den chaotischen Leerstand, in die Sackgasse der Kleinen Ham­burger Straße, wo sie den Anfang und das Ende der Besetzung der Nr. 5 beobachten, bis auf die Dächer, auf denen sie fern der Welt ganze Nachmittage verbringen. Als die alten Häuser hinter neuen Fassaden und die Flachdächer unter den Dachterrassen der neuen Bewohner mehr und mehr zu verschwinden beginnen, geraten sie auf immer bedrohlichere Abwege.”

In der Deckung der Kindheit, im Schatten der Welt

In seinem Debütroman kehrt Lorenz Just an Ort und Zeit seiner Kindheit zurück: das Berlin der Neunzigerjahre. Er lässt diese Ära in seinen jungen Protagonisten auferstehen, bunt und lebendig, voll roher Authentizität und dichter Atmosphäre.

Meine erste Notiz zu diesem Buch war:

Die Sprache ist außergewöhnlich – so schön. Die Kinder bewegen sich durch ihr Umfeld in Berlin wie durch ein Wunderland, eine Märchenwelt.

Tatsächlich gibt es im Text passenderweise ein paar Anspielungen auf die Bücher von Michael Ende, an deren Stil ich mich in den ersten Kapiteln erinnert fühlte: Andrej erwähnt die Uralte Morla aus der Unendlichen Geschichte, vergleicht Nachbarn, die nicht grüßen und nie freundlich sind, mit den Grauen Herren aus Momo, und man merkt, wie diese Bücher ihn beeindruckt und seine Fantasie angeregt haben.

Damit ist er ein Held ganz nach meinem Geschmack!

Auch Lorenz Just kann mit seinen Worten zaubern – keineswegs als Kopie von Ende, sondern in seiner ganz eigenen Sprache voller gelungener Metaphern und Bilder.

“Wenn ich am Abend nicht schlafen konnte und mir die Müdigkeit nur gemächlich in die Gedanken einsickerte, kam es vor, dass ich abdriftete und durch diese Lücke glitt, hinüber in die verborgenen Räume zwischen den Wänden und Böden. Dann starrte ich ins dunkle Zimmer, das plötzlich um ein Vielfaches größer erschien, oder auf die nachtschwarzen Fensterscheiben, durch die ich nur immer tiefer ins Erdreich kroch, und hatte das sichere Gefühl, auf diese andere Seite zu gehören.”

Das ist manchmal poetisch – und dann wieder knallhart realistisch.

Hier geht es meines Erachtens nicht so sehr darum, was WANN und WO passiert, wie die Folge der Geschehnisse sich von A bis Z genau abspult. Für mich geht es vielmehr darum, welche Gefühle ausgelöst werden, in den Kindern (später Jugendlichen) und im Leser.

Womit ich jedoch nicht sagen will, dass sich hier nichts Spannendes zuträgt!

“Keiner sagte ein Wort, starr vor Schreck blickten wir auf die brennende Wand, wo die Flammen wie aus langer Gefangenschaft befreit tanzten, fraßen, lachten. Fassungslos, dass uns die Dinge so schnell entglitten waren, standen wir in der plötzlichen Feuerkammer, aber wir waren Kinder, und eines konnten wir im Notfall immer. Anton rief: »Raus!«, packte mich am Arm, ich stieß Simon an – dann rannten wir.”

Tatsächlich erleben die Protaonisten Abenteuer wie wahre Großstadtpiraten: sie klauen, kloppen sich mit anderen Gangs, verursachen einen Großeinsatz der Feuerwehr, brechen halsbrecherisch über die Dächer in Häuser ein, experimentieren mit Drogen, ballern mit Softair-Pistolen, erleben den ersten Herzschmerz, gehen ein und aus in besetzten Häusern und sehnen sich nach einem Amerika, das es so vermutlich gar nicht gab.

“Amerika blieb ein Phantom, das sich ewig entzog. Auf Breakdance und BMX folgte ein jämmerlicher Versuch, Grafitti zu sprühen.”

Schon nach kurzer Zeit hatte ich sie richtig ins Herz geschlossen.

So sehr, dass ich mich geradezu fürchtete vor den ‘immer bedrohlichere(n) Abwege(n)’, die im Klappentext erwähnt werden. Ich wünschte mir, die zauberhafte Kindheit möge nie zu Ende gehen, aber wie im echten Leben bleiben den jungen Helden auch die ersten Misserfolge, Enttäuschungen und Verratserfahrungen nicht erspart. Sie sind zu authentisch, um nicht zu scheitern.

Natürlich bleibt die Wende nicht unerwähnt, aber die Charakterentwicklung der Jungen fand ich noch dramatischer und interessanter. Erwachsene sind hier übrigens nur Randerscheinungen, was mich an klassische Jugendbücher erinnert. Hier geht es nicht um den erwachsenen Blick, sondern das unverfälschte Erleben Heranwachsender, die sich selbst und ihre Welt entdecken.

Das ist oft erfrischend anarchisch, weil Regeln in dem Alter einfach ausgetestet werden müssen.

Die anfangs märchenhafte Sprache wandelt sich immer mehr ins Cineastische, je älter die Protagonisten werden.

Das ist Kopfkino vom Allerfeinsten, das ganz nebenher noch an den Gefühlsfäden zupft. Eine Notiz zu fortgeschrittener Stunde: “Ja, mach doch, Buch, du Miststück! Trampel auf meinen Gefühlen rum, ich kann das ab!” (Ich würde selber gerne wissen, was genau mich zu dieser schlaftrunkenen Äußerung getrieben hat.)

Das Ende bleibt in vielem offen, was für mich aber vollkommen in Ordnung war. Das Buch ist nur ein kleines Stück Leben, und das geht danach natürlich weiter.

Ich würde (und werde) das Buch bedenkenlos verschenken, denn ich denke, es hat für ganz unterschiedliche Leser sehr viel zu bieten. Es ist ein Bild der Zeit – und gleichzeitig ein zeitloses Bild der Kindheit und Jugend. Ob in Berlin oder sonstwo, auch heutige Jugendliche werden sich ein Stück weit in Andrej, Anton und Simon wiederfinden.

Fazit

Buchliebling

Lorenz Just lässt seine jungen Helden Berlin erkunden, von der Zeit der Wende bis zum Beginn des Jahrtausends. Sie erleben Dinge, die für die Kindheit und Jugend im Allgemeinen typisch sind, und Dinge, die man nur in dieser Zeit und in dieser Stadt erleben konnte. Aus fantasievollen Kindern werden Jugendliche, die rauchen, Drogen nehmen, klauen und über die Dächer in Häuser einbrechen – und doch habe ich sie von der ersten bis zur letzten Seite niemals verurteilt, denn der Autor schildert sie mit viel Einfühlungsvermögen.

“Am Rand der Dächer” hat sich eingereiht in die Liste meiner Highlights im Jahr 2020 – ein großartiger Debütroman, der mich auch sprachlich begeistern konnte.

Rezensionen zu diesem Buch bei anderen Blogs

Kulturjournal Fräulein Julia
missmesmerized

Empfehlungen aus dem gleichen Genre

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson
Peter Zantingh: Nach Mattias
Rebecca Makkai: Die Optimisten

 

  
TitelAm Rand der Dächer
Originaltitel
Autor(in)Lorenz Just
Übersetzer(in)
Verlag*Dumont
ISBN / ASIN978-3-8321-8111-6 (Hardcover)
978-3-8321-7040-0 (eBook)
Seitenzahl*272
Erschienen im*Juli 2020
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

Die folgenden Links kennzeichne ich gemäß § 2 Nr. 5 TMG als Werbung :

Das Buch auf der Seite des Verlags
Das eBook auf der Seite des Verlags

Sei der Erste, der diesen Beitrag teilt:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.