Das Debüt : Bloggerpreis für Literatur

[ Das Debüt 2019 ] Bloggerpreis für Literatur: Die Entscheidung

Das Debüt Bloggerpreis für Literatur

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Dieses Jahr saß ich beim Bloggerpreis „Das Debüt“ in der Lesejury – ein spannendes Abenteuer! – und durfte die fünf Titel der Shortlist lesen, um dann meine drei Favoriten zu küren.

Mehr darüber habe ich schon in den beiden Beiträgen geschrieben, die ich euch hier verlinke:

Link: [ Das Debüt 2019 ] Bloggerpreis für Literatur – mein Blog ist dabei!
Link: [ Das Debüt 2019 ] Bloggerpreis für Literatur: Die Shortlist

Die anderen Mitglieder der Bloggerjury:

Die Entscheidung, die ich euch heute verkünde, war gar nicht so einfach, denn tatsächlich haben sich vier der fünf Bücher für mich zu echten Buchlieblingen entwickelt.

Als ich mich aufs Lesesofa setzte, um diesen Beitrag zu schreiben, musste ich erstmal die zerknüllten Zettel mit meinen Stichpunkten und verworfenen Hitlisten sortieren.

Nach Lesen und Überlegen und Rezensieren und Überlegen…

…kommen nun also erstmal meine persönlichen Favoriten.

Ich vergebe einen Punkt für den dritten Platz, drei Punkte für den zweiten Platz und fünf Punkte für den ersten Platz. Die von allen Jurymitgliedern vergebenen Punkte werden zusammengerechnet, um die Gesamtgewinner zu ermitteln.

Ana Marwan: Der Kreis des Weberknechts

Verlag: Otto Müller

Ein Punkt geht an „Der Kreis des Weberknechts“ von Ana Marwan.

Karl Lipitsch hasst Menschen und ist stolz darauf. Am liebsten verbringt er seine Tage in der „warmen Umarmung der Einsamkeit“ und schreibt an einem philosophischen Werk, das er schon als preisgekrönten Bestseller sieht. Seine Nachbarin Mathilde sucht nach einer Zufallsbegegnung beharrlich seine Freundschaft – und vielleicht mehr –, doch das ist keineswegs der Auftakt einer harmonischen Beziehung, denn Lipitsch kann nicht aus seiner Haut.

(Handlung)

Schon nach wenigen Zeilen war mir klar: das Buch hat echte Chancen auf den Sieg, alleine schon aufgrund seines feinen Humors und seiner großartigen Sprache. Denn die ist sehr ausdrucksstark, clever und intelligent – was auch die leichten Schwächen des Buches ausgleicht, wenn der Protagonist den Gutwillen des Lesers gegen Ende etwas überstrapaziert. Davor bietet Lipitsch jedoch viel Lesevergnügen, obwohl er seinen Menschenhass und sein antiquiertes Frauenbild stolz vor sich herträgt. Es ist kostbar wie die Autorin ihn vorführt, auch wenn ich mir leichtes Mitleid nicht verkneifen konnte, als er mehr und mehr an sich selber scheiterte.

Ana Marwan beschreibt meisterlich den Kampf eines Menschen gegen die innere Zerrissenheit, gegen die Grenzen, die er sich selber auferlegt. Das Ende ist konsequent, überraschend und verändert alles – und trug dem Buch den dritten Platz ein, der sonst „Drei Kilometer“ gehört hätte.

Link: [ Rezension ] Ana Marwan: Der Kreis des Weberknechts

Angela Lehner Vater unser

Verlag: Hanser Berlin

Drei Punkte gehen an „Vater unser“ von Angela Lehner.

Eva wurde gerade in der Psychiatrie abgeliefert, denn sie behauptet, sie habe eine ganze Kindergartenklasse erschossen. Das ist jedoch nur eine von unzähligen haarsträubenden Lügen, hinter denen sie sich versteckt – wobei man nie so genau weiß, was nicht vielleicht doch die Wahrheit ist. Während sie ihre Pläne schmiedet, freundet Eva sich auf ihre ganz eigene Art und Weise mit Chefpsychiater Korb an, indem sie Seitenhiebe und Unverschämtheiten mit ihm austauscht .

(Handlung)

Ich habe diesem Buch schon die Daumen gedrückt, als es für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Die unzuverlässige Erzählerin ist ganz großes Kino – das ist zum Schreien komisch und zugleich unsäglich bitter und tragisch. Eigentlich will Eva nur ihren magersüchtigen Bruder vor sich selber retten und ihrer beider Leben neu schreiben, denn ihre Familie war stets ein Ort der gestörten Beziehungen und gegenseitiger Verletzung. Auch wenn man alles hinterfragen muss, was Eva tut und sagt, hört man schnell den Grundton echter Verzweiflung.

Das ist clever geschrieben: die Autorin beherrscht das volle Register zwischen Anspruch und Unterhaltung. Sie schreibt laute, schrille, bunte Charaktere, die gleichzeitig so lebensecht, so wahrhaftig sind – ganz nahe dran am Klischee, jedoch mit einer überraschenden emotionalen Tiefe. Die Sprache ist intensiv und kompromisslos, und auch das Ende nimmt keine Gefangenen. Das wirft noch einmal alles über den Haufen, was man zu wissen glaubte, da greift man rein wie in eine Rasierklinge.

Link: [ Rezension ] Angela Lehner: Vater unser

Martin Peichl Wie man Dinge repariert

Verlag: Edition Atelier

Trommelwirbel: Fünf Punkte gehen an „Wie man Dinge repariert“ von Martin Peichl.

Ein Mittdreißiger schreibt poetisch über seine komplizierte Beziehung, den Tod, den Alkohol und die Vorliebe der Österreicher für Babykatzen und Schnitzel. Repariert wird hier gar nichts – dafür geht ganz viel kaputt. Das ist keine Erzählung von A bis Z, sondern eher #querdurchsknieinsauge.

(Handlung)

Zugegeben, ich habe eine Schwäche für schöne Sprache, die ausbricht aus der Norm. Ich liebe es, wenn ich irgendwann aufhören muss, mir Sätze anzustreichen, weil sonst das halbe Buch markiert wäre. Insofern ist „Wie man Dinge repariert“ wahrhaft wie für mich geschrieben – die Sprache ist grandios: modern, überraschend, verspielt und doch auch glasklar.

Aber natürlich ist schöne Sprache nicht alles, und da scheiden sich bei diesem Roman die Geister.

Innerhalb der Jury stellte sich schnell heraus, dass für einige Mitglieder der Inhalt mit der Schönheit der Sprache nicht mithalten kann – ich sehe das anders, natürlich, sonst hätte ich das Buch ja nicht auf das Siegertreppchen gestellt.

Ein großer Themenkomplex des Buches ist die destruktive Beziehung des Protagonisten, die sich mit Unterbrechungen über Jahre hinzieht, auch wenn beide gerade in anderen Beziehungen sind. Das ist nicht romantisch, das ist keine schöne Liebesgeschichte, das ist eher eine Geschichte von Co-Abhängigkeit und gescheiterten Lebensstrategien.

„Ich will deine Herbstdepression sein, will deine Traurigkeit aus Schnapsgläsern trinken.“

(Zitat)

Aber das wird auf eine Art und Weise erzählt, die die Problematik perfekt hervorstreicht und erahnen lässt, dass die Grundlagen in einer gewissen Verlorenheit liegen, die sicher viele junge Menschen plagt. Der Autor zerstückelt die Geschichte in Fragmente und kurze Episoden, verbunden durch eine bildstarke, rhythmische Sprache, und zeichnet so das Bild der Generation Y. Für mich eine ganz starke Leistung.

„Ich will das Wort ICH zerlegen, will die Einzelteile zum Uhrmacher tragen und fragen, was nicht stimmt mit mir, ihn fragen, warum ich so ticke, so laut, und wohin die Zeit verschwindet, wer die Zeit kaputt gemacht hat in mir drin.“

(Zitat)

Link: [ Rezension ] Martin Peichl: Wie man Dinge repariert

Die beiden Bücher, die ich nicht ausgewählt habe:

Katharina Mevissen Ich kann dich hörenNadine Schneider Drei Kilometer

Meine Rezensionen:
Link: Katharina Mevissen: Ich kann dich hören
Link: Nadine Schneider: Drei Kilometer

Aber jetzt natürlich die Gesamtentscheidung!

Die Punkte aller Jurymitglieder zusammengenommen ergaben, dass „Drei Kilometer, den Preis davonträgt.

Hinter dieser Entscheidung kann ich voll und ganz stehen! Auch, wenn da Buch es bei mir ganz knapp nicht unter die Top 3 geschafft hat, fand ich es trotzdem großartig. Ein leises Buch mit ganz viel Wirkung, das ich nur weiterempfehlen kann.

Habt ihr eines dieser Bücher gelesen oder kennt schon andere Bücher dieser Verlage?

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Liebe Grüße,
Signatur Mikka

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