#Rezension Michael Christie: Das Flüstern der Bäume

Michael Christie: Das Flüstern der Bäume

© Cover ‘Das Flüstern der Bäume’: Penguin Verlag
© Bild eBook-Reader: Pixabay

Jahresring für Jahresring

Michael Christie entwirft eine großartige Familienchronik, die sich zwischen 1908 und 2038 erstreckt – reich und vielfältig erzählt, und immer kreisen die Geschehnisse um Bäume. Denn die Familie Greenwood ist tief verwurzelt im Wald. Er ist Dreh- und Angelpunkt ihres Daseins, ihrer Triumphe und Tragödien.

Ob das jetzt im Leben von Harris ist, der sich mit Holz skrupellos ein enormes Imperium aufbaut, oder in dem von Willow, seiner unwilligen Erbin, die eine Generation später wegen Umweltaktionismus auch schon mal im Gefängnis landet… Unterschiedliche Perspektiven, sehr unterschiedliche Ansichten, gleicher Fokus: der Wald.

Als Leser:in spürst du immer wieder die Majestät, die grandiose Schönheit der Bäume, und dadurch auch die Tragik ihres von Generation zu Generation fortschreitenden Sterbens. Das erreicht seinen traurigen Höhepunkt in der Generation von Jacinda (“Jake”). Die gibt in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft, in der Sauerstoff unermesslich kostbar geworden ist, die Baumführerin für übersättigte reiche Touristen, im allerletzten gesunden Wald der Welt. Unverhofft erfährt sie, dass sie nicht nur den Nachnamen „Greenwood“ trägt, sondern tatsächlich eine Nachfahrin der bekannten Dynastie ist, die ihr Vermögen mit Bäumen verdient hat. Das Tagebuch ihrer Großmutter gibt ihr, und so auch den Leser:innen, Einblick in die Familiengeschichte.

Interessante Erzählweise

Andere Mitglieder der Familie und die Menschen um sie herum treten nach und nach ins Rampenlicht, und daraus ergibt sich das atmosphärisch dichte, vielschichtige Bild einer Umweltdystopie, in der wir schon halb angekommen sind. Immer geht es um die Bäume, aber auch um die Geheimnisse und die persönlichen Abgründe, die je nach Charakter und Epoche sehr unterschiedlich ausfallen können. So geht einer der Protagonisten eine homosexuelle Liebesbeziehung ein, die ihn in seiner Zeit ALLES kosten könnte: Ruf, Besitz, Freiheit, Leben.

Die Geschehnisse werden im ersten Teil des Buches chronologisch absteigend erzählt. Wir beginnen im Jahr 2038, nach dem „Großen Welken“, und folgen der Geschichte dann Schritt für Schritt, Generation für Generation, zurück zu ihren Wurzeln. Dort angekommen, kehrt sich die Erzählweise um und verläuft nun chronologisch aufsteigend, bis wir wieder bei Jake im Jahr 2038 sind. Eine sehr interessante Wahl, die meines Erachtens für diesen Roman wunderbar funktioniert. Die Leser:innen durchlaufen so quasi einen kompletten Zyklus, beginnend beim Zeitpunkt der drohenden endgültigen Katastrophe. Sie erleben Ursache und Wirkung, Streben und Scheitern, bis sich der Kreis wieder schließt.

Menschliche Aspekte

Die Thematik, die am Beispiel der Bäume gnadenlos bloßstellt, wie der Mensch seine Umwelt zerstört, ist hochinteressant und wird differenziert dargestellt. Abgesehen davon lebt diese Familiensaga vor allem von ihren komplexen Charakteren.

Mein Liebling ist Everett, den die Gräuel, die er im Krieg erlebt hat, vollkommen aus der Bahn geworfen haben. Nachdem er sein Leben jahrelang als Landstreicher gefristet hat, lebt er einsiedlerisch im Wald und verdient sich sein Geld mit dem Abzapfen von Ahornsirup – bis er eines Tages ein Baby findet, das jemand im Wald zurückgelassen hat. Er will eigentlich nichts damit zu tun haben, sondern es einfach nur schnellstmöglich irgendwo abgeben. Doch dann stellt er fest, dass die Menschen, die es angeblich gut versorgen wollen, anscheinend eine ganz eigene Agenda haben… Deswegen nimmt er das Baby, springt damit in den nächsten Frachtzug und macht sich auf und davon.

Er nennt das Mädchen „Schote“ und muss im Eiltempo lernen, wie man ein Baby wenigstens halbwegs versorgt, was nicht immer reibungslos vonstattengeht. Die Art und Weise, wie dieser unwahrscheinliche Held alles aufgibt, um das Baby zu schützen, geht auf völlig unsentimentale Art ans Herz – doch das Schicksal hat seine ganz eigenen Pläne und nimmt einige bittere Wendungen. Doch auch hier schließt sich am Ende der Kreis.

Bittersüße Konsequenz

Mir ist erst in den letzten Kapiteln klar geworden, wie nah mir die Charaktere tatsächlich gekommen sind. Auch die, die mir erst unsympathisch erschienen, haben im Laufe des Buches an Tiefe gewonnen und ich konnte verstehen (wenn auch nicht immer gutheißen), was sie zu dem gemacht hat, was sie sind.

Da es ein Roman ist, der einen großen Zeitraum und mehrere Generationen umspannt, erfahren wir von diversen Charakteren, wie ihre Reise endet – und damit auch oft, ob sie ihre Ziele erreichen konnten, ob sie glücklich mit ihrem Leben waren. Mir blutete da manchmal das Herz, denn ein paar Enthüllungen waren mehr als tragisch. Aber künstliche Happyends hätten absolut nicht zu diesem Roman gepasst und seine Wirkung wahrscheinlich geschmälert.

Fazit

Buchliebling

Im Jahr 2038 arbeitet Jacinda “Jake” Greenwood im letzten gesunden Wald der Welt als Baumführerin für Touristen, die endlich mal reine Luft atmen und echte Bäume sehen wollen. Überall sonst gibt es zu wenig Sauerstoff, dafür zu viel Staub – die Welt erstickt. Und eines Tages muss Jake mit Schrecken erkennen, dass möglicherweise auch die Bäume in ihrem Wald schon erkrankt sind an der Plage, die das „Große Welken“ verursacht… Zeitgleich taucht ihr Ex-Verlobter auf der Insel auf, zwei Dinge im Gepäck: das Tagebuch ihrer Großmutter und die Nachricht, dass sie eine Nachfahrin der Greenwood-Dynastie ist (eine Namensgleichheit, die sie bisher für einen Zufall hielt), der die Insel und der Wald gehören. Sie beginnt, sich mit der Geschichte ihrer Familie auseinander zu setzen, über vier Generationen hinweg.

Komplexe Familienchronik, Umweltdrama, Dystopie, Abenteuer… Dieser Roman ist vieles, und der Autor führt Leser:innen durch die Generationen – Epoche um Epoche, Schicht für Schicht, Jahresring für Jahresring. Immer geht es um den Wald und die Bäume, sei es um ihre Schönheit, ihre Vermarktung oder ihren Schutz. Um dieses Thema herum entfalten sich die persönlichen Geschichten der Familie Greenwood, getragen von überzeugenden Charakteren und intelligent geschriebenen Wendungen.

Leider sind die geschilderten Entwicklungen bezüglich des Waldsterbens weder weit hergeholt noch unvorstellbar, sie sind beklemmend plausibel. Der Roman wirkt nicht wie platter Betroffenheitskitsch; er verzichtet auf Plattitüden und melodramatische Formulierungen. Doch auch ganz abgesehen von der realistischen Thematik kann „Das Flüstern der Bäume“ in meinen Augen als unterhaltsamer Roman bestehen.

Rezensionen zu diesem Buch bei anderen Blogs

Buch-Haltung
Literaturblog Sabine Ibing
Lenas Bücherlounge
coyote diaries
SL Leselust
Buchbube

Empfehlungen aus dem gleichen Genre

David Whitehouse: Der Blumensammler
Helene Bukowski: Milchzähne
Sharon Dodua Otoo: Adas Raum

TitelDas Flüstern der Bäume
OriginaltitelGreenwood
Autor(in)Michael Christie
Übersetzer(in)Stephan Kleiner
Verlag*Penguin
ISBN / ASIN978-3-328-60079-4 (Hardcover)
978-3-328-10784-2 (Taschenbuch)
978-3-641-24394-4 (eBook)
978-3-8445-4063-5 (Hörbuch)
Seitenzahl*560
Erschienen im*Oktober 2020
Genre*Gegenwartsliteratur
bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
Die folgenden Links kennzeichne ich gemäß § 2 Nr. 5 TMG als Werbung :

Das Hardcover auf der Seite des Verlags
Das Taschenbuch auf der Seite des Verlags
Das eBook auf der Seite des Verlags
Das Hörbuch auf der Seite des Verlags

Sei der Erste, der diesen Beitrag teilt: