Rezension: »Wir sind das Licht« von Gerda Blees

»Wir sind das Licht« von Gerda Blees

Titel der Originalausgabe: Wij zijn licht
Übersetzung von: Lisa Mensing
Verlag der dtsch. Ausgabe: Zsolnay

Großartiges Debüt

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Gerda Blees erzählt von Menschen, die verzweifelt der Leere in ihrem Leben entgegenwirken. Mit selbstgewähltem Verzicht, sei es auf Nahrung oder materiellen Besitz, trotzen sie ihrer Hilflosigkeit ein Gefühl der Kontrolle ab; je mehr sich diese indes als Kartenhaus erweist, desto mehr gleitet der Verzicht ab ins Absurde.

Muriel, Petrus, Melodie und Elisabeth verfallen skrupellosen Gurus, die für einen stolzen Preis ihr Heilversprechen predigen: Glaubst du nur daran, kannst du mit der richtigen Einstellung und disziplinierter Selbstkontrolle auch ohne Nahrung leben, vom Licht allein. Und so magern die Mitglieder dieser kleinen Kommune immer mehr ab, sehen dies indes keineswegs als Beweis dafür, getäuscht worden zu sein. Vielmehr zieht sie ein Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit in den Sog einer stillen Tragödie.

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Es sind nicht nur die Themen, eine Melange aus Vereinsamung, Manipulation und Sinnsuche, die das Buch zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis machen. So überraschend wie innovativ entspinnt sich die Handlung als vielstimmiger Choral, der nicht nur Menschen eine Stimme verleiht, sondern auch verschiedenen Wesenheiten, Gegenständen und sogar abstrakten Konzepten. So kommt die Nacht zu Wort, der Klang, die Liebe – aber auch der Tatort, der Entsafter und zwei Zigaretten.

Ich fühlte mich an »Adas Raum« von Sharon Dodua Otoo erinnert! Dort sprechen zum Beispiel ein Reisigbesen, ein Türklopfer oder ein KZ-Zimmer. Doch »Wir sind Licht« ist keineswegs ein Abklatsch – die beiden Romane sind unverwechselbare Gemälde, die lediglich mit ähnlichen Farben und Pinseln gemalt wurden.

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»Wir sind die Nacht. Wir bringen Düsternis und Trunkenheit, Katzenkämpfe, Schlaf undSchlaflosigkeit, Sex und Sterbefälle. Wer in aller Ruhe sterben möchte, ohne zu vielTrara und Drama, macht das vornehmlich in uns, der Nacht, während die angehenden Hinterbliebenenschlafen.«

»Wir sind die Fakten. Strafbar oder nicht, die beste Möglichkeit, sich uns zu nähern,bieten die Lügen. Alle Unwahrheiten eliminieren, bis wir als nackte Tatsachen übrigbleiben.«

»Wir sind die Erzählung. Langsam und vorhersehbar steuern wir auf unser Ende zu — aufdie Klimax, oder die Antiklimax, das ist noch fraglich. Wenn die Autorin so weitermacht,wird es wohl eine Antiklimax. Wir sehnen uns nach einem kleinen Schubs, einer unerwartetenWendung, einer neuen Figur, die Sachen weiß, die alles, was zuvor geschehen ist, inein anderes Licht rücken, doch die Autorin hat wohl gerade Besseres zu tun.«

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Mit leichtem Strich und prägnanten Worten zeichnet Gerda Blees Charaktere, die nicht mehr viel zu geben haben, weil sie in jeglicher Hinsicht am Ende ihrer Kräfte sind. Die Tiefe ihrer Gedanken- und Gefühlswelt lässt sich mehr erahnen als erfassen, und dennoch wirken sie vielschichtig und gut ausgearbeitet. Überhaupt ist der Schreibstil eine Freude: anspruchsvoll, kreativ, fesselnd und klar – kurz gesagt: einzigartig.

Fazit

Lieblingsbuch

Dieses originell inszenierte Drama entfaltet eine subtile, fein nuancierte Wirkung – ein beeindruckendes Debüt!

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