Rezension: »The Chosen and the Beautiful« von Nghi Vo

»The Chosen and the Beautiful« von Nghi Vo

Bisher gibt es noch keine deutsche Übersetzung!

Stimmungsvolle, elegante Nacherzählung

Diese Neuerzählung des modernen Klassikers »Der große Gatsby« von F. Scott Fitzgerald ist in meinen Augen eine sehr gelungene. Die Essenz des Originals ist in jedem Satz spürbar und die Geschichte folgt der Handlung des Originals recht eng. Dennoch verleiht Nghi Vo ihrer Version neue Bedeutungsebenen und macht daraus etwas ganz Eigenes, zutiefst originelles; vor allem rückt sie die Charaktere in ein neues Licht, um ihre Motive aus einem anderen Blickwinkel zu hinterfragen.

Atmosphärisch, fesselnd, queer

Statt dem bodenständigen Nick Carraway lässt sie die pansexuelle Society-Lady Jordan Baker durch die Geschichte führen. Anders als im Original ist Jordan hier vietnamesischer Herkunft. Sie wird aufgrund ihrer angesehenen Adoptivfamilie zwar toleriert, ist wegen ihrer Schönheit und Freizügigkeit auch ein gerne gesehener Gast auf Partys – doch sie ist klug genug, zu wissen, dass sie sich bestenfalls in einem liminalen Raum bewegt.

Indem Nghi Vo sie zur Erzählerin macht, eröffnet sie der Geschichte natürlich eine ganz andere Perspektive: queer, feministisch, divers. Jo hadert mit ihrer Identität, sehnt sich insgeheim nach Zugehörigkeit und weiß doch nicht so recht, wo sie sich selber sieht. Dies ist ein zeitloses Thema, das auch für moderne Leser:innen auf vielerlei Arten relevant ist, zum Beispiel im Kontext von Immigration oder internationaler Adoption.

Üppig, dekadent, magisch

Doch es ist nicht nur die Erzählperspektive, die »The Chosen and the Beautiful« vom Original unterscheidet: Ja, wir sind in Amerika, ja, es sind die Roaring Twenties – aber wir befinden uns in einer alternativen Realität, in der Magie mehr ist als nur ein Bühnenakt. Gatsby hat buchstäblich seine Seele verkauft, die Prohibition verbietet nicht nur Alkohol, sondern auch ‘Demoniac’ – Dämonenblut, das einem Drink einen ganz besonderen Kick verleiht –, und Jo hat ein angeborenes Talent für die vietnamesische Papiermagie.

Es ist der atmosphärische, oft geradezu lyrische Schreibstil, der diesen Balanceakt zusammenhält: Mit mehr als einer Spur magischem Realismus verwandelt Nghi Vo den großen Klassiker der amerikanischen Literatur in ein ganz neues Werk, das tiefgängig und wunderschön geschrieben auf eigenen Füßen stehen kann – und das mit offensichtlichem Respekt und Wertschätzung.

Fazit

Lieblingsbuch

Neuerzählungen von Klassikern müssen in meinen Augen sowohl die Essenz dessen einfangen, was das Original so zeitlos macht, als auch etwas ganz Eigenes einbringen, das darauf aufbaut. Und das gelingt Nghi Vo in meinen Augen hervorragend.

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