#Rezension Simone Lappert: Der Sprung

Simone Lappert Der Sprung

© Cover ‘Der Sprung’: Diogenes-Verlag
© Bild Smartphone: Pixabay

Das Buch steht zum Zeitpunkt dieser Rezension auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises.

Noch steht sie da.

Noch wütet sie und schreit, noch schmeißt sie Dinge vom Dach oder sitzt da nur und umklammert ihre Knie. Und unten stehen die Gaffer und warten. Worauf? Auf Katastrophe oder Rettung – die eigene oder die der Frau auf dem Dach.

Aber im Endeffekt geht es gar nicht um sie. Sie ist nur der Stein des Anstoßes, der die glatte Oberfläche der vermeintlichen Normalität durchschlägt. Der Wellen aufwirft, die sich immer weiter ausbreiten und in vielen Leben spürbar werden.

Die Grundsituation ist hochinteressant – hier kann alles passieren.

Wo einmal Bewegung reinkommt, werden noch viele andere Dinge aufgewühlt und neu angeordnet.

Das Buch beginnt mit einer rauschhaften Sequenz, in der der Sprung mit allen Sinnen beschrieben wird und sich die Wahrnehmung immer weiter zersplittert – eine Szene wie ein Blick ins Kaleidoskop. Was soll da noch kommen? Ist das nicht das Ende? Erstmal spult das Buch einen Tag zurück.

Der erste Eindruck des Lesers wird direkt relativiert, seine Erwartung komplett auf den Kopf gestellt: man muss sich lösen von der Vorstellung, der Sprung an sich sei das Wichtigste. Erst wenn man den Blick abwendet von der vermeintlichen Selbstmörderin, nimmt man es wahr:

Da steht eine Selbstmörderin auf dem Dach, aber was wirklich interessant ist, sind die anderen.

Denn in denen bewirkt die Frau auf dem Dach etwas, das in irgendeiner Form einen Dominoeffekt in ihrem Leben auslöst, nicht immer zum Positiven. Sie treffen Entscheidungen, die sie sonst nicht getroffen hätten, werden mit lange verschütteten Traumata konfrontiert oder durchleben noch einen allerletzten goldenen Tag. Es sind Momentaufnahmen aus dem Leben ganz normaler Menschen – mit ganz normalen Wünschen, Ängsten und Problemen –, die manchmal am Alltag zerbrechen.

Jeder von ihnen, geht einem irgendwann auf, hätte seine Gründe, da oben zu stehen.

Über die Frau auf dem Dach selber erfährt man nur, was man absolut wissen muss, um die Reaktionen, die sie in anderen Charakteren auslöst, zu verstehen: Sie lebt alternativ. Sie ist kreativ. Sie passt nicht in die Norm. Vielleicht ist das überhaupt die zentrale Frage des Buches: wie gehen wir um mit dem, was aus der Norm fällt? Die Gaffer, die das Haus umzingeln, geben darauf eine ernüchternde Antwort: »Spring doch!«

Der Schreibstil sorgt für Kopfkino.

Der überfüllte Platz, das Raunen der Spekulationen, der gelegentliche Schrei eines gelangweilten Jugendlichen, der die Geschehnisse für Youtube filmt und für den das alles nicht schnell genug geht… Simone Lappert schreibt atmosphärisch dicht und mit Sinn für Details. Gelegentlich schleicht sich in dem ein oder anderen Satz jedoch etwas Pathos herein…

Die Handlung verläuft für einen Großteil des Buches sehr offen.

Sie springt zwischen den Personen hin und her, auf die die Autorin sich konzentriert und deren Leben nicht mehr dasselbe sein wird, wenn die ganze Sache vorbei ist. Es gibt nicht immer Verbindungen zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und Perspektiven – und wenn es sie gibt, ergeben sie sich oft eher zufällig und sind nicht sofort ersichtlich. Das ist spannend, weil es den Leser fordert, und wird von der Autorin meist sehr gekonnt eingesetzt.

Manches verzettelt sich, anderes bleibt ungeklärt, und letzteres fand ich beim Lesen erst sehr unbefriedigend. Mit etwas Abstand kann ich es jedoch akzeptieren, habe mich sogar damit angefreundet: das ist das Leben, da bekommt man selten alle Antworten. Eine gewisse Frustration gehört dazu, wurde für mich sogar zum Antrieb, noch einige Zeit über das Buch nachzudenken.

Man kann sich darüber streiten, ob Literatur alles auflösen muss. Die Autorin selber sagte in verschiedenen Interview, es sei eine Besänftigung des Lesers, alle offenen Fragen zu beantworten, und das wolle sie nicht. »Zu beruhigen ist nicht die Aufgabe der Kunst.«

Meines Erachtens ergibt sich da jedoch eine Diskrepanz:

Manche Dinge lösen sich zu glatt auf, um noch realistisch zu sein, wodurch ein Handlungsstrang nur sehr knapp am Kitsch vorbeischrammt, während andere recht oberflächlich bleiben. Auch der Zufall wird gelegentlich überstrapaziert. Dies ist in meinen Augen eine wesentlich deutlichere Besänftigung des Lesers, die die Wirkung schmälert.

Auch an anderen Stellen bricht das Buch mit dem unverfälschten Realismus:

Bis zu einem gewissen Punkt spielt sich alles rund um das Gebäude ab, auf dessen Dach die Frau steht, und alle Charaktere haben eine Beziehung zu ihr oder der Gegend. Dann wird ein Charakter eingeführt, der komplett aus diesem Schema herausfällt – was eine sehr interessante Wendung hätte sein können, die anderen Handlungssträngen neue Impulse gibt. Tatsächlich wird er aber stark überzeichnet und wirkt dadurch wenig glaubhaft, beinahe wie eine Karikatur.

Zu guter Letzt: Manche Charaktere stagnieren meines Erachtens gerade dann in ihrer Entwicklung, wenn ein Wendepunkt unvermeidlich scheint, was Tiefgang und Widerhall des Buches nicht gut tut. Es muss keine Auflösung geben, kein Happy End, aber für mich ist unabdingbar, dass die Charaktere aus der letzten Seite nicht mehr dieselben sind wie auf der ersten, und das ist hier meines Eindrucks nach bei einigen, aber nicht bei allen gegeben.

Fazit

Nicht ganz überzeugt

Das Buch beginnt mit dem Sprung und spult dann einen Tag zurück. Da steht eine Frau auf dem Dach und schreit, schmeißt Ziegel auf die Gaffer hinunter und will nicht mit dem Polizisten sprechen, der sie vom Dach reden soll. Man weiß, wie es enden wird oder man glaubt es zumindest zu wissen. Was die Geschichte dennoch interessant macht, sind die Leute, in denen die Situation irgendetwas auslöst, für die die vermeintliche Selbstmörderin zur Projektionsfläche wird.

Letztendlich hinterlässt “Der Sprung” bei mir allerdings gemischte Gefühle: eine großartige Idee, in vielem grandios umgesetzt – aber leichte Anflüge von Kitsch und mein Eindruck, dass die Entwicklung mancher Charaktere im Sand verläuft, gaben der Geschichte für mich einen bitteren Beigeschmack.

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TitelDer Sprung
Originaltitel
Autor(in)Simone Lappert
Übersetzer(in)
Verlag*Diogenes
ISBN*978-3-257-07074-3 (Print)
Seitenzahl*333
Erschienen im*August 2019
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
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