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[ Rezension ] Michael Wallner: Shalom Berlin

Shalom Berlin

#anzeige: Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Shalom Berlin’: Piper-Verlag
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

“Nach Veröffentlichung eines Artikels über die Schändung eines jüdischen Berliner Friedhofs wird die Journalistin Hanna Golden per Mail mit dem Tod bedroht. Den Fall übernimmt Alain Liebermann, Mitglied des Mobilen Einsatzkommandos Staatsschutz und Spezialist für Terrorbekämpfung. Erscheint der Tatbestand zunächst beinahe harmlos, eskaliert er doch bald. Aus Worten werden brutale, mysteriöse Taten, die Vernetzung des Falles reicht bis in die Berliner Bundespolitik. Alain kann nicht verhindern, dass seine jüdische Familie in die Sache mit hineingezogen wird.”

(Klappentext)

Immer noch oder schon wieder?

Zunächst sei gesagt: “Shalom Berlin” beschäftigt sich mit einem hochinteressanten, leider brandaktuellen Thema. Antisemitismus ist in Deutschland wieder auf dem Vormarsch, und Michael Wallner lässt in seinem Krimi den jüdischen Ermittler Alain Liebermann agieren, der durch seine Familie und ihre Geschichte einen immens relevanten Blickwinkel darauf hat.

Ich fand sehr interessant, dass hier ein Protagonist im Mittelpunkt steht, dessen Lebenswirklichkeit zwangsläufig eine ganz andere ist als meine. Der Dreh- und Angelpunkt ist hierbei, wie die eigene Familie das Dritte Reich (üb)erlebt hat: Opfer, Widerständler, Mitläufer, Täter? “Das ist doch alles so lange her, das sollte doch heute keine Rolle mehr spielen!”, sagt sicher der ein oder andere. Aber es spielt eben doch eine Rolle, gerade weil fatale Ideen immer noch und immer wieder ihr hässliches Haupt erheben.

In den Charakteren begegnet dem Leser eine andere Sicht der Dinge.

Manche davon werden komplex und glaubhaft beschrieben, viele lesen sich meines Erachtens jedoch eher wie schablonenartige Versatzstücke. Zu Alain selber konnte ich als Leserin keine rechte Bindung aufbauen – er erschien mir fast wie ein Mann ohne Eigenschaften, der agiert und auf seine Umstände reagiert, ohne dass ich das wirklich nachempfinden konnte. (Das liegt sicher auch am Schreibstil – dazu weiter unten mehr.)

Für meinen Geschmack nimmt sein Privatleben ohne echten Tiefgang zu viel Raum ein, denn das Buch ist mit 288 Seiten ohnehin eher schlank – das beschneidet die eigentliche Krimihandlung.

Die obligatorische Liebesgeschichte ging mir ebenfalls zu schnell. Nimmt man eine neue Liebe wirklich schon nach kürzester Zeit mit zur Bat Mizwa im Familienkreis, vor allem, wenn die erst vor einem Jahr verstorbene Ehefrau von der Familie sehr geliebt wurde?

Aber das Wichtigste in einem Krimi sind die Spannung und die Glaubhaftigkeit:

Einiges liest sich wirklich sehr interessant und spannend, anderes wirkte auf mich unglaubwürdig und konstruiert. Manches davon ist nebensächlich, nur Kleinigkeiten, die auf mich nicht ganz rund wirkten – anderes stieß mir indes sehr sauer auf. Wie zum Beispiel, dass die Security ein Safehouse (!!), indem eine akut gefährdete Person untergebracht ist, nur von einer Seite beobachtet, so dass jemand ganz einfach auf der anderen Seite einbrechen kann. (Nicht sehr safe, dieses Safehouse.)

Und es galt leider auch für das Ende, das mich nicht überzeugen konnte und mir in manchen Aspekten einfach zu banal erschien.

Ich konnte nicht immer nachvollziehen, wie Alain zu der ein oder anderen Einsicht kam. Ich fragte mich: ist er ein sehr intuitiver Ermittler – oder ist das nur eine praktische Abkürzung für die Handlung? Ich hatte selten das Gefühl, dass er durch tatsächliche Ermittlungsarbeit weiterkam.

Manche Passage des Buches ist für die Handlung an sich oder auch für das Ambiente überflüssig – wie zum Beispiel die Erwähnung, dass ein Nebencharakter, der keine tragende Rolle spielt, leidenschaftlicher Briefmarkensammler ist, das aber verschweigt, weil es als unzeitgemäß gilt. Auch das summiert sich und knabbert an den 288 Seiten, die dem Kriminalfall zur Verfügung stehen.

Mit dem Schreibstil habe ich ein ganz großes Problem.

Oder eigentlich zwei. Das erste: auch der Schreibstil ist einfach – oft sehr, sehr einfach, gewürzt mit dem ein oder anderen Klischee. Vieles wird im Detail beschrieben, aber nicht lebendig gezeigt, anderes wird auf stakkatoartige Kurz-Sätze reduziert. Das kann als Stilmittel funktionieren, wenn es dosiert zur Hervorhebung eingesetzt wird, hier folgt es jedoch keinem nachvollziehbaren Prinzip.

“Er trug weder Pyjama noch Unterwäsche, Hesse war nackt. Er hatte gerade Sex gehabt. Man fand in seinem Bett einen Mann und eine Frau.”

(Zitat)

Manche Szenen, insbesondere ein paar Sexszenen, wirken dadurch fast schon steril. Darin liegt sicher auch begründet, dass mir Alain und ein paar andere Charakteren so oberflächlich vorkamen, ihr Verhalten so schwer nachzuvollziehen.

Aber mein Hauptproblem:

Mehr als einmal dachte ich mir: “Moment, das hast du doch genau so schon mal gelesen?! Diese Metapher, diese Redewendung, diese Szene?” Da ich das Buch als eBook besitze, fand ich mittels der Suchfunktion schnell heraus, das mich mein Gefühl nicht trog und manche Passagen mit nur leichten Änderungen mehrmals vorkamen.

Hier ein Beispiel:

»Leons Mutter wird von ihm wie eine Madonna verehrt. Die wenigen Male, als er von ihr gesprochen hat, verklärte sich sein Gesicht, zugleich wurde er wieder zu dem kleinen Jungen, der dieser Frau alles zu verdanken hat.« (…) »Mama Vinter zahlte alles. (…) Er wollte komponieren, worauf die Mama ihm ein komplettes Studio einrichtete. (…) Er musste einsehen, dass er alles besaß, um zu komponieren, alles außer Talent. Das hat ihn umgehauen. Sein Ego war gekränkt. Mama Vinter zahlte ihm eine Therapie.«

Leons Mutter genoss die Verehrung einer Madonna. Die seltenen Male, als Leon von ihr gesprochen hatte, verklärte sich sein Gesicht, er wurde zu dem kleinen Jungen, der dieser Frau so viel verdankte. Mama Vinter zahlte alles. Leon Vinter wollte nach London, er wollte komponieren. Er besaß alles, um zu komponieren, außer Talent. Mama Vinter zahlte die Therapie, um sein Ego wieder auf Vordermann zu bringen.

Auch wenn ich mich jetzt anhöre wie eine gesprungene Schallplatte: das Buch hat nur 288 Seiten, und da geht zusammengenommen Einiges von ab, was nicht hätte sein müssen.

Fazit

Hier ermittelt ein jüdischer Ermittler in einem Fall, in dem Antisemitismus eine Rolle spielt. So weit, so interessant!

Leider konnte mich das Buch im Laufe der Lesezeit immer weniger überzeugen. Die Charaktere erschienen mir zum Teil zu flach, die Handlung nicht immer schlüssig und glaubhaft… Der Schreibstil ist sehr einfach, und manche Passagen wiederholen sich mit nur leichten Änderungen.

Ich werde die Reihe nicht weiterverfolgen, obwohl sie an sich viel Potential hat.

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Friedrich Ani: Ermordung des Glücks
Antti Tuomainen: Die letzten Meter bis zum Friedhof
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TitelShalom Berlin
Originaltitel
Autor(in)Michael Wallner
Übersetzer(in)
Verlag*Piper
ISBN / ASIN9783492061919 (Taschenbuch)
9783492994866 (eBook)
Seitenzahl*288
Erschienen im*Februar 2020
GenreKriminalroman
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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Liebe Grüße,
Signatur Mikka

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