[ Rezension ] Ambrose Parry: Die Tinktur des Todes

Ambrose Perry: Die Tinktur des Todes

Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir von Netgalley im Auftrag des Verlags zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Die Tinktur des Todes’: Piper-Verlag
© Bild Smartphone / Twitter-Symbol: Pixabay

Handlung

“1847: Eine brutale Mordserie an jungen Frauen erschüttert Edinburgh. Alle Opfer sind auf dieselbe grausame Weise gestorben. Zur gleichen Zeit tritt der Medizinstudent Will Raven seine Stelle bei dem brillanten und renommierten Geburtshelfer Dr. Simpson an, in dessen Haus regelmäßig bahnbrechende Experimente mit neu entdeckten Betäubungsmitteln stattfinden. Hier trifft Will auf das wissbegierige Hausmädchen Sarah, die jedoch einen großen Bogen um ihn macht und rasch erkennt, dass er ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt. Beide haben ganz persönliche Motive, die Morde aufklären zu wollen. Ihre Ermittlungen führen sie in die dunkelsten Ecken von Edinburghs Unterwelt und nur, wenn es ihnen gelingt, ihre gegenseitige Abneigung zu überwinden, haben sie eine Chance, lebend wieder herauszufinden.”

(Klappentext)

Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt

Der Schreibstil liest sich durchaus unterhaltsam, geradezu süffig, und lässt das historische Edinburgh in Bildern voll dichter Atmosphäre vor dem Leser auferstehen. Schnell wird klar: diese Stadt hat zwei Gesichter, denn die dekadente Welt der reichen Oberschicht hat nur wenig gemein mit der von harter Arbeit geprägten Welt der Bediensteten – oder gar dem Überlebenskampf der Bettler und Dirnen.

Die Krimi-Handlung des Buches beginnt damit, dass eine dieser blutjungen Dirnen tot aufgefunden wird, so schrecklich verrenkt, als sei sie unter unsäglichen Schmerzen gestorben. Der Unglückliche, der ihre Leiche findet, ist Protagonist Will Raven, der zwar ihre Dienste in Anspruch nahm, ihr aber auch in echter Freundschaft zugetan war. Um nicht ihres Mordes beschuldigt zu werden, nimmt er Reißaus… Doch im Laufe des Buches wird sich herausstellen, dass Evie bei weitem nicht das einzige Opfer war, und sein Gewissen lässt ihm keine Ruhe.

Die Besetzung dieses Historiendramas:

Das Buch zieht den Leser schnell hinein in diese vielschichtige Gesellschaft, die noch gar nicht so lange her ist und doch aus heutiger Sicht so fremdartig erscheint. Da trifft es sich gut, dass verschiedene Charaktere als Sympathieträger fungieren und die Lesenden in ihre jeweiligen Kreise mitnehmen – allerdings fand ich die Protagonisten nicht immer hundertprozentig glaubhaft und zum Teil auch etwas stereotyp.

So entspricht das Hausmädchen Sarah zum Beispiel dem in Historienromanen altbekannten Klischee der ‘Feministin vor ihrer Zeit’: sie ist intelligent und selbstbewusst, würde lieber Studieren dürfen als Wäsche falten und findet neben ihren zahlreichen Pflichten noch die Zeit und Muße, die medizinischen Fachbücher ihres Arbeitgebers zu lesen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie eine niedere Angestellte dieser Zeit das alles bewerkstelligen sollte.

Liebe zu Zeiten des Chloroform:

Die Liebesgeschichte scheint unvermeidlich, sorgt aber für etwas unfreiwillige Komik, da sie sich allzu sehr in die Gefilde der Historienschmonzette verirrt. Natürlich können Will und Sarah sich anfangs nicht ausstehen, natürlich werden sie immer wieder aus unerfindlichen Gründen irgendwo zusammengepfercht, so dass sie auf Tuchfühlung gehen müssen, natürlich zeigt der kleine Will dann in einer hochgefährlichen Situation noch sein Stehvermögen.

Der interessanteste Charakter war für mich Dr. James Young Simpson, den es im echten Leben tatsächlich gab, und der die erfundenen Charaktere wunderbar ergänzt. Seine Selbstversuche mit Anästhetika sorgen auch für eine Prise Humor.

Mord und Medizin:

Da ich mich ungemein für Medizin und Medizingeschichte interessiere und außerdem gerne Krimis lese, schien dieses Buch wie für mich höchstpersönlich geschrieben. Hier kamen also zwei ganz unterschiedliche Erwartungen zusammen, und leider wurde nur eine davon vollständig erfüllt – im gewissen Sinne sogar über das Maß hinaus.

Das Pseudonym ‘Ambrose Parry’ teilen sich tatsächlich der Schriftsteller Chris Brookmyre und die beratende Anästhesistin Dr. Marisa Haetzman. Die besten Voraussetzungen also für gründlich recherchierte, fundierte Szenen mit medizinischem Hintergrund, und tatsächlich habe ich da nichts zu meckern – ich habe sehr viel über die Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Zeit erfahren, was ich noch nicht wusste, sowie über die Anästhesie und deren Erforschung.

In vielen Szenen erlebt man das ganze Elend hautnah und ungeschönt mit, am liebsten würde man sich danach das imaginierte Blut von den Fingern waschen.

*** Triggerwarnung brutaler Kindstod ***

Wenn man das Buch liest, könnte man den Eindruck gewinnen, dass damals jede zweite schwangere Frau in Edinburgh ein zu enges Becken hatte, um das Baby auf normalem Wege ans Tageslicht zu befördern. Und mangels anderer Optionen musste das Baby dann oft bei lebendigem Leibe im Geburtskanal zerkleinert werden… Das wird schonungslos bis ins Detail beschrieben und liest sich so grauenvoll, wie man sich das nur vorstellen kann.

Bei allem medizinischen Interesse fragte ich mich, ob ich wirklich direkt mehrere solcher Szenen brauchte, um zu verstehen, dass die Geburt für Frauen damals ein enormes Risiko darstellte. Überhaupt kommen Frauen hier in großer Zahl auf allerschrecklichste Weise zu Tode.

*** Triggerwarnung Ende ***.

Als Krimi leider enttäuschend:

Schon recht früh im Buch schien mir die Lösung allzu offensichtlich, ich hoffte jedoch darauf, dass es sich dabei um eine falsche Fährte handelte. Je weiter die Handlung voranschritt, desto öfter dachte ich mir mit leiser Verzweiflung: lass das bittebitte nicht wirklich die Antwort sein… Leider vergeblich.

Besonders bitter fand ich, dass das Buch beworben wird als ‘so genial wie Sherlock Holmes’, jedoch keinem der als so intelligent dargestellten Protagonist*innen das Offensichtliche in den Sinn kommt.

Fazit

Durchwachsen

Edinburgh, 1847: die Leichen mehrerer junger Frauen werden gefunden – sie sind anscheinend auf grausamste Art gestorben. Der junge Medizinstudent Will, das Hausmädchen Sarah und der brillante Dr. Simpson geraten mitten hinein in die Aufklärung der Morde.

Der Roman liest sich unterhaltsam runter, kann mit Atmosphäre punkten und ist sicher vor allem für Leser*innen spannend, die sich für die Geschichte der Medizin interessieren. Als Krimi ist das Buch für mich aber leider ein Flopp, weil die Lösung meines Erachtens schon sehr früh im Buch offensichtlich ist.

Rezensionen zu diesem Buch bei anderen Blogs

VeraLitera
modernhousehold.de
Giselas Lesehimmel
Die Wortspielerin
Zwischen den Zeilen
Tii & Anas kleine Bücherwelt
Zeitfäden
Mixed World
Booknaerrisch
Sarahs Lesereise
Histolicious
Martins Buchgelaber
Buchmagie
Tanzschrift
KaJas WortRausch
Irve liest…
Bücherkessel
Luckyside
Nicht noch ein Buchblog!
Fluchtpunkt Lesen
Im Buchwinkel

Empfehlungen aus dem gleichen Genre

Frank Goldammer: Der Angstmann
Beate Sauer: Das Echo der Toten
Mechthild Borrmann: Trümmerkind

TitelDie Tinktur des Todes
OriginaltitelThe Way of All Flesh
Autor(in)Ambrose Parry
Übersetzer(in)Hannes Meyer
Verlag*Piper
ISBN / ASIN978-3-86612-472-1 (Klappenbroschur)
Seitenzahl*464
Erschienen im*August 2020
Genre*Hist. Krimi
bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

Das Buch auf der Seite des Verlags
Das eBook auf der Seite des Verlags

Sei der Erste, der diesen Beitrag teilt:

2 Replies to “[ Rezension ] Ambrose Parry: Die Tinktur des Todes”

  1. Pingback: Die Tinktur des Todes von Ambrose Parry - Tii & Ana's kleine Bücherwelt

  2. Pingback: [Rezension] Die Tinktur des Todes – Mein Lesezeichen Blog