[ Rezension ] Chris Kraus: Scherbentanz

Chris Kraus: Scherbentanz

#anzeige: Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Scherbentanz’: Diogenes-Verlag
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

Jesko ist ein Freak, ein junger Modedesigner, der gerne Röcke trägt. Gesellschaftlichen Normen und Zwängen beugt er sich nicht – schließlich hat er Leukämie und nicht mehr lange zu leben. Unter einem Vorwand wird Jesko in die großbürgerliche Villa seiner Familie gelockt. Seine Mutter käme als Knochenmarkspenderin in Betracht. Doch Jesko verweigert sich ihrer Hilfe. Denn einst hat diese Frau ihm und seinem Bruder Furchtbares angetan.

(KLAPPENTEXT)

Liebevoll wie ein offenes Messer

Wenn ich nach Bildern für diesen Roman suche, denke ich an Dinge, die verletzen. Messer, Nadeln, Stacheln, Säure, Scherben, Feuer. Oder vielleicht ein Katana – so scharf geschliffen, dass es schon bis auf die Knochen durchs Fleisch gleitet, bevor man den Schmerz registriert.

Die Diskrepanz zwischen dem, was Familie in der Idealvorstellung bedeuten sollte, und dem, wie Familie sich hier in bitterster Konsequenz präsentiert, tut weh. Ach je, ich denke schon in Klischees, aber: mir blutete das Herz. Der instinktive Versuch, zum Trost wenigstens einen Schuldigen zu entlarven, schlug fehl; die Geschichte ist zu komplex angelegt für eine stumpfe Aufteilung in “gut” und “böse”.

Die Mutter als zentraler Charakter:

Es wäre allzu einfach, mit anklagendem Finger auf die misshandelnde Mutter zu weisen: Schande, Schande, Schande. Burn the Witch. Aber das würde die Tragik zu sehr auf das Oberflächliche reduzieren – ich hasse, was Käthe den Kindern angetan hat, aber ich kann SIE nicht hassen. Sie ist in meinen Augen nicht weniger ein Opfer dieser Situation.

Schon nach wenigen Kapiteln fragte ich mich: wieso hat diese Frau nie Hilfe bekommen, was auch die Söhne beschützt hätte? Ihre Wahnvorstellungen und bipolaren Episoden hätten deutlicher kaum sein können. Sie ist tatsächlich ein großartig geschriebener Charakter, der sich einfachen Erklärungsversuchen entzieht. Der Autor gesteht ihr den nötigen Raum zu, sich ehrlich und ungeschönt zu zeigen, lässt aber auch immer wieder ihr Potential durchscheinen, was sie umso tragischer macht.

Sie denkt sich die wildesten Geschichten aus, was sie in ihrem Leben schon alles erlebt und getan hat, was erst lächerlich klingt, geradezu armselig. Sie glaubt selber jedes Wort, als Leser*in ist man peinlich berührt – doch im Laufe des Buches klingt an, dass darin auch viel Wahrheit steckt.

Der Sohn als Spiegelbild und Kontrapunkt:

Ich habe mich binnen weniger Zeilen in Jesko verliebt, obwohl ich durchaus auch seine Fehler sehe. Er ist ein kreativer Mensch mit einer Unmenge an Potential, der aber auch ein launischer kleiner Mistkerl sein kann – besonders gegenüber von Krankenschwestern, die er als Berufsgruppe aus Prinzip hasst. Aber ich konnte den Gedanken kaum ertragen, all dieses Potential könnte vom Krebs einfach ausgelöscht werden.

Jesko ist in meinen Augen eine zutiefst verletzte Seele; er ist mitten im Fall und hat niemanden, der ihn auffängt. Doch sein Sprachwitz ist einfach kostbar, und der Humor ist tatsächlich bitter nötig, um den Schmerz zu lindern, der kontinuierlich aus den Seiten sickert. Der Humor hält die Balance und erlaubt den Leser*innen kurze Verschnaufpausen. Durchatmen, einen Schritt zurücktreten, sich für den Moment lösen von den Figuren. Sich den Anflug von Hoffnung erlauben, dass ein Happy End vielleicht noch möglich ist.

“Er öffnete die Beifahrertür. Meine Mutter schwappte heraus und fiel in den Regen. Ich erkannte sie daran, dass sie nicht wieder aufstand.”

Sterben will Jesko nicht, ans Leben bindet ihn aber scheinbar auch nichts. Doch sein Vater und Bruder wollen ihn zum Überleben zwingen, und damit zur Konfrontation mit der Mutter, die als Knochenmarkspenderin möglicherweise in Frage käme.

Damit stehen sich hier zwei Menschen gegenüber, denen der freie Wille genommen wurde – in Käthes Fall: mal wieder. Das ist nicht unbedingt der beste Nährboden für Kommunikation, geschweige denn Vergebung! Aber im erzwungenen Wechselspiel lassen sich durchaus Berührungspunkte und widerwillige Gemeinsamkeiten erkennen. Jesko als Spiegelbild lässt erahnen, wer Käthe mit psychiatrischer Hilfe möglicherweise hätte sein können.

Andere Charaktere:

Die Menschen, die um Käthes Misshandlung von Jesko und Ansgar wussten, legten deren Leid auf die Waagschale – doch der Status Quo wog offenbar schwerer als Striemen und blaue Flecken auf Kinderhaut. Der Vater, der dominante Patriarch im Hintergrund, bleibt dabei seltsam farblos, was ich als bewusste Entscheidung sehe; die zentralen Figuren in diesem Kammerspiel sind Käthe und Jesko.

Was man über den Vater erfährt, macht ihn aber ohnehin nicht gerade zum Sympathieträger: er hegt und pflegt den Standesdünkel und redet sich die Nazivergangenheit der Familie schön. Jeskos Bruder Ansgar wandelt derweil mit ererbter Arroganz in den väterlichen Fußstapfen, was zwischen den beiden Brüdern steht. Ohnehin ist da anscheinend viel zu Bruch gegangen seit dem gemeinsam durchlebten Trauma – und am Schluss zeigt sich Ansgar auf schlimmste Art als Produkt dieser Kindheit.

“Seit Jahren leben wir in dieser geflügelten Bitterkeit, die im Rhythmus der Zugvögel verlässlich entkommt, an südlichen Gestaden überwinternd, und wenn sie fast vergessen ist, verdüstert sich der Himmel, sie kehrt zurück und baut sich in unseren Herzen ihr Nest.”

Der sympathischste Charakter ist wohl “Zitrone”, wie Ansgar seine Freundin nennt. Sie ist Krankenschwester und damit automatisch Jeskos Nemesis, und sie soll sich um ihn und seine Mutter kümmern, bis diese zur Knochenmarksspende überredet / gezwungen / genötigt werden kann. Sie ist ein Lichtblick, ein Leuchtfeuer der Normalität in dieser kaputten, alles andere als normalen Familie — doch dann zeigt sich, das auch Zitrone Dinge verbirgt.

Das klingt alles nach einem deprimierenden Trauerspiel…

Tatsächlich ist der Roman aber auf ganz eigene Art unterhaltsam und spannend. Die Geschichte funktioniert immer wieder “obwohl” – trotz diverser Stolpersteine, die einen weniger begabten Autor sicher zu Fall gebracht hätten. Es hat mir Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen, auch wenn der Tanz über die Scherben oft eine schmerzliche Erfahrung war.

Über den Schreibstil:

Beim Lesen habe ich mir einige Notizen zu dieser Geschichte einer dysfunktionalen Familie gemacht. Die erste davon war: “Ich habe mich direkt in den Schreibstil verliebt: tolle Sogwirkung, interessante Bilder, und die Sprache hat auf jeden Fall eine ganz eigene Note. Mehr gute Zitate, als man für eine Rezension gebrauchen kann.” Daher kommt hier jetzt noch ein letztes dieser Zitate:

“Ich glaube, Heimat kann eine ziemlich endlose Fläche sein, eine bösartige Wüste, durch die du stapfst, ohne jemals anzukommen. Heimat kann überall aufplatzen, egal wo du dich aufhältst. An den Schmerzen erkennst du, ob du zu Hause bist. Nicht am Türschild.”


Fazit

Buchliebling

Der junge Modedesigner Jesko hat sich bis zu einem gewissen Punkt von seiner toxischen Familie gelöst. Dummerweise stirbt er gerade an Krebs und weder Vater noch Bruder sind als Knochenmarkspender geeignet. Bleibt nur noch seine physisch und psychisch kranke Mutter, die kurzerhand im Auftrag des Vaters von der Straße gekidnappt wurde, wo sie als Obdachlose lebte – von der will Jesko aber nichts annehmen, nachdem sie seine Kindheit zur Hölle gemacht hat. Doch dann findet er sich quasi als Gefangener in der väterlichen Villa wieder und wird genötigt, sich ein Zimmer mit seiner Mutter zu teilen, um diese zu überreden, Knochenmark zu spenden.

Der Roman nimmt den Leser mit auf eine tragikomische Gratwanderung durch die Abgrunde einer dysfunktionalen Familie, in der nur noch der schöne Schein stimmt – wenn man nicht zu genau hinschaut. Jesko und seine Mutter Käthe sind großartige komplexe Charaktere, die sich binären Vorstellungen von gut oder böse entziehen, und das Buch punktet darüber hinaus mit einem wunderbaren Schreibstil.

Rezensionen zu diesem Buch bei anderen Blogs

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TitelScherbentanz
Originaltitel
Autor(in)Chris Kraus
Übersetzer(in)
Verlag*Diogenes
ISBN / ASIN978-3-257-07135-1 (Hardcover)
978-3-257-61129-8 (eBook)
978-3-257-69367-6 (Hörbuch)
Seitenzahl*256
Erschienen im*Oktober 2020
Genre*Gegenwartsliteratur
bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
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