Rezensionen

[ Rezenson ] Herman Melville: Moby Dick

Buchcover Moby Dick

Ich las vor einigen Jahren sowohl eine englische Version des Buches als später auch eine deutsche Version zum Auffrischen meiner Erinnerung. Beide Bücher sind inzwischen nicht mehr in den gleichen Ausgaben erhältlich, in denen ich sie besaß, weswegen Titelbild und bibliographische Angaben sich stattdessen auf eine aktuelle deutsche Neuausgabe von Diogenes beziehen.

Diese Rezension schrieb ich 2015 für meinen damaligen Buchblog auf Blogspot, der inzwischen nicht mehr online verfügbar ist. Anlässlich des 200. Geburtstages von Herman Melville möchte ich sie euch noch einmal vorstellen.

Auch wenn der Stil meiner Rezensionen sich seitdem verändert hat, stehe ich immer noch hinter meiner Meinung.

Handlung

„Das gewaltige Epos vom großen weißen Wal und Kapitän Ahab, abenteuerliche Reisen durch alle stürmischen Meere und die Geschichte von Ismael, der sich, des Festlands müde, auf den Ozean der Möglichkeiten begibt, indem er auf dem Walfänger >Pequod< anheuert. Nach abenteuerlichen Reisen durch alle stürmischen Meere findet er als einziger der Mannschaft nach Hause zurück – im Sarg seines Freundes Queequeg.“

(Klappentext)

Hat auch nach all den Jahren nicht an Faszination verloren

Wer hat nicht zumindest schon von diesem Klassiker gehört? Verbitterter alter Mann jagt durchtriebenen alten Pottwal, mit fast schon dämonischer Besessenheit.

Also eine Abenteuergeschichte – wildes Seemannsgarn, das nur eingefleischte Fans des Genres interessiert? In meinen Augen hat das Buch mehr zu bieten. Ja, man erfährt sehr viele Details über die Seefahrt, Walkunde und das abenteuerliche Leben an Bord eines Walfangschiffes, aber es geht auch um grundlegende Themen der menschlichen Natur: die wütende Auflehnung des Menschen gegen das Schicksal, wobei er gar nicht mehr merkt, dass es eigentlich hauptsächlich gegen sich selber kämpft, das Hadern mit Religion und ethischen Grundwerten, aber auch Freundschaft, Loyalität, Tapferkeit.

Also immer noch brandaktuelle Themen.

Besonders interessant fand ich, dass an Bord der Pequod Seefahrer der unterschiedlichsten Religionen und Hautfarben zusammenkommen, und Mitte des 19. Jahrhunderts war Toleranz gegenüber dem, was einem fremd ist, ja beileibe nicht selbstverständlich. Aber unter den harten Arbeitsbedingungen zählt bald nicht mehr, woher jemand kommt, wie er aussieht oder an was er glaubt – es zählt nur noch, ob er seine Arbeit zuverlässig und fleißig verrichtet.

Der Ich-Erzähler Ismael stellt sich schnell als tolerant weit über seine Zeit hinweg heraus. Ja, er reagiert erst verängstigt und unsicher auf den Harpunier Quiqueg, der ihm als wilder Kannibale gegenüber tritt, aber schnell legt er seine Angst ab und geht vorurteilsfrei auf den Mann zu, woraus sich eine tiefe, rührende Freundschaft entwickelt:

„Mein wundes Herz wütete nicht mehr gegen diese Welt. Dieser Wilde hatte mich durch seine Sanftheit mit ihr ausgesöhnt. Wie er so gleichmütig dasaß, enthüllte sich sein Wesen, das frei war von aalglatten Heucheleien und süßtuenden Falschheiten.“

Er spricht öfter davon, dass die Menschen doch unter der Oberfläche alle gleich sind, was ich sehr bewundernswert von ihm fand. Für mich war er damit der weltoffene Gegenpol zu Ahab, der sich in seiner rasenden Wut verbissen hat und keine Freude mehr am Leben empfindet.

Spannend fand ich die Geschichte wirklich sehr, auch wenn sich ruhige Passagen, in denen viel erklärt wird, mit rasanten Szenen abwechseln. In diesen ruhigen Passagen erzählt Ismael von wissenschaftlichen Themen, versinkt in philosophische Betrachtungen und geht dabei sehr ausführlich in die Details.

Gerade die philosophischen Aspekte machen aus dem Buch in meinen Augen mehr als einen Abenteuerschmöker!

Geht es erstmal los mit dem harten und blutigen Alltag auf einem Walfangschiff, mit all den Verrichtungen von der Jagd bis zum Ausweiden des erlegten Tiers, wird Kapitän Ahab schnell zu einer bedrohlichen Gegenwart im Dunkeln, denn er kommt zunächst kaum einmal aus seiner Kajüte. Dennoch wirkt seine Besessenheit, als er dann doch endlich zu seiner Mannschaft spricht, auf intensive Art charismatisch, so dass auch die Mannschaft beginnt, dem Tod des weißen Wals entgegen zu fiebern…

Aber es wird immer deutlicher, wie wahnsinnig Ahab tatsächlich ist, und dass es hier eigentlich keine Gewinner geben kann – denn Ahab hat sich im Grunde schon lange selbst zerstört.

Der Schreibstil hat mich damit überrascht, dass er oft einen erstaunlichen schrulligen Humor aufweist.

So gibt es neben den düsteren Szenen, in denen Ahabs Wahnsinn im Mittelpunkt steht, auch viele lustige Szenen, in denen Ismael und Quiqueg über ihre kulturellen Unterschiede stolpern.

„Ich war neugierig, wo er sein Rasiermesser haben mochte. Doch siehe da, er holte die Harpune aus der Ecke am Bett, und nachdem er die hölzerne Scheide entfernt hatte, wetzte er die Stahlspitze am Leder seiner Stiefel. Nun trat er vor die Glasscherbe, die den Spiegel ersetzte, und schabte, vielmehr harpunierte sich beide Wangen. Quiqueg, dachte ich, du hast es heraus, wie man mit hochwertigen Stahlwaren umgeht.“

Fazit

Für mich ist „Moby Dick“ weit mehr als ein Abenteuerroman – es ist auch eine Parabel auf die menschliche Natur, ein Stück in Literatur gefasste Grundangst des Menschen. Wem die Sprache zu langatmig und altmodisch ist, und die philosophischen und wissenschaftlichen Anmerkungen zu ausführlich, der hat die Auswahl zwischen verschiedenen gekürzten und leichter zu lesenden Ausgaben!

 
TitelMoby-Dick 
OriginaltitelMoby-Dick
Autor(in)Herman Melville
Übersetzer(in)Thesi Mutzenbecher
Ernst Schnabel
Karin Polz
Verlag*Diogenes
ISBN*3257244983
Seitenzahl*754
Erschienen im*Juni 2019
GenreAbenteuerroman / Amerikanische Belletristik
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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Liebe Grüße,
Signatur Mikka

2 thoughts on “[ Rezenson ] Herman Melville: Moby Dick

  1. Hallo Mikka,

    mein Respekt! „Moby Dick“ stelle ich mir schon als Herausforderung vor. Eine sehr schöne Rezension. Wobei ich mir das Philosophische etwas zäh vorstelle, daher hatte ich diesen Klassiker bisher noch nie im Blick.

    Liebe Grüße,
    Nicole

    1. Hallo Nicole,

      das Philosophische ist nicht trocken geschrieben, sondern fließt halt mehr so in die Handlung ein. Was es mir streckenweise etwas schwerer gemacht hat, waren die sehr vielen ausführlichen Ausführungen über den Walfang! Ich las erst eine ungekürzte englische und dann eine gekürzte deutsche Ausgabe (zu dem Zeitpunkt waren die meisten deutschen Ausgaben gekürzt), und in der gekürzten fehlten dann auch einige dieser Walfang-Passagen. Aber im Ganzen fand ich die ungekürzte Fassung sehr lohnend!

      LG,
      Mikka

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