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[ Jubiläum ] 200. Geburtstag Herman Melville

Herman Melville, gemalt von Joseph O Eaton

[Public domain], via Wikimedia Commons

Dieses Portrait wurde im Mai 1870 von Maler Joseph Oriel Eaton (1829 – 1875) fertiggestellt. In Auftrag gegeben wurde es von Melvilles Schwager, John Hoadley. Das Portrait hängt inzwischen im ‚Edison and Newman‘-Zimmer der Houghton Library, die zur Harvard-Universtät gehört.

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Wer kennt nicht Moby Dick?

Auch wer nicht viel und gerne liest oder in Schule und Studium mit diesem Klassiker der Weltliteratur in Berührung gekommen ist, kennt die Geschichte zumindest in Grundzügen. Der cholerische Kapitän Ahab, der besessen ist von der Jagd auf den großen weißen Wal, der ihm ein Bein abgerissen hat, ist über den Roman hinausgehend eine Präsenz – wobei sicher auch die zahlreichen Verfilmungen, Comics und Hörspiele eine Rolle spielen. Der Name Herman Melville klingelt daher bei den meisten wohl zumindest leise (Nicht-Leser) bis sehr laut (Leser) im Hinterstübchen.

Der Wikipedia-Eintrag zu „Moby Dick“

Aber während Herman Melville heute als einer der bedeutendsten amerikanischen Autoren gilt, wurde ihm diese Anerkennung überwiegend posthum zuteil. Zwar hatte er zu Lebzeiten eine kurze Phase, in der er eine gewisse Bekanntheit erreichte, geriet dann aber zunehmend in Vergessenheit. Im Jahre seines Todes sprach fast niemand mehr über Melville oder seinen weißen Wal.

Ein kurzer Einblick in Herman Melvilles Leben

(Für eine ausführlichere Biografie verweise ich auf den Wikipedia-Artikel.)

Geboren wurde Herman als drittes von acht Kindern am 1. August 1819. Sein Vater Allan Melvill war ein wenig erfolgreicher Importkaufmann, der sich in massive Schulden stürzte und letztendlich Konkurs anmelden musste. Seine Mutter Maria Gansevoort Melvill war es, die das „e“ an den Namen „Melvill“ anhängte – was die Schuldner aber nicht davon abhielt, die unter dem alten Namen aufgenommenen Schulden einzutreiben. Wegen der finanziellen Misslage seiner Eltern erhielt Herman nur eine mäßige Schuaubildung und musste schon mit 12 Jahren die Schule verlassen.

Zehn Jahre später heuerte er als Matrose auf einem Walfänger an.

Allerdings desertierte er etwa anderthalb Jahre später wegen der furchtbaren Lebensumstände an Bord, bei erster Gelegenheit während eines Zwischenhalts auf der Pazifikinsel Nuku Hiva. Dort wurde er vom Eingeborenenstamm der Typee gefangen genommen und lebte einige Wochen als gut behandelter ‚Gast wider Willen‘ unter ihnen, bevor ihm die Flucht gelang.

Wie diese Zeit in seinem Leben die Grundlagen für sein späteres Meisterwerk (und weitere seiner Werke) legte, ist wohl offensichtlich. Möglicherweise begegnete er vor seiner Desertation einem Despoten wie Kapitän Ahab, sah sich selbst als Ismael, und unter den Eingeboren befand sich sicher ein Urvater der Figur des Queequeg, der zu Ismaels Blutsbruder wird. Allerdings bezog sich Melville auch stark auf Begebenheiten, die über sein eigenes Erleben hinausgingen – wie zum Beispiel Berichte über verschiedene Schiffsbrüche, die Angriffen durch einen Pottwal zugeschrieben wurden.

Bevor er sein bekanntestes Werk schrieb, vergingen indes noch einige Jahre.

Zunächst arbeite er eher halbherzig in der Anwaltskanzlei seiner älteren Brüder und schrieb derweil an seinem Erstlingsroman „Typee“. Das Buch erschien 1846, im gleichen Jahr starb Hermans Bruder Gansevoort und führte die väterliche Familientradition fort, indem er eine Unmenge an Schulden hinterließ.

Melville schrieb „Omoo“, „Mardi“ und Redburn“, dann folgte erst „Moby Dick“. Aber je mehr er veröffentlichte und je mehr er sich abwandte vom naturalistischen Stil seiner Erstlingswerke, desto schlechter wurden die Bücher vom Publikum aufgenommen.

Und „Moby Dick“ machte es dem damaligen Leser nicht leicht.

Eine Unmenge an Charakteren, ein düster-manischer Antagonist, ein Erzähler, der sich selbst nicht zensiert, sondern allwissend redet und redet und redet… Das Stilmittel des Bewusstseinsstroms war damals literarisch noch gar nicht etabliert. Und für den damaligen christlich geprägten Literaturgeschmack enthielt das Buch auch zu viele religionskritische Passagen. Der Stil war seiner Zeit voraus.

Das Buch erlebte erst seine Renaissance, als Autoren wie James Joyce auf ganz ähnliche Stilmittel zurückgriffen.

Drei Romane folgten noch nach dem Erscheinen von „Moby Dick“, alle wurden gnadenlos von Kritikern heruntergemacht. Entmutigt und ausgelaugt kehrte Melville der Autorenkarriere den Rücken, begab sich auf Reisen und machte Versuche, eine neue Karriere als Vortragsredner zu beginnen – scheiterte daran jedoch ebenso. Schließlich trat er 1866 eine Stelle als Zollbeamter an und schrieb noch eine Reihe von Gedichtbänden, denen auch kein Erfolg beschieden war.

Ironischerweise schrieb Melville diese Zeilen in einem Artikel, den er über den Schriftsteller Nathalie Hawthorne verfasste:

„Es ist besser, in Originalität zu scheitern, als in der Nachahmung erfolgreich zu sein. Der Mann, der niemals irgendwo gescheitert ist, kann nicht groß werden. Scheitern ist der wahre Prüfstein für Größe.“

Nach dem Selbstmord zweier Söhne arbeitete Melville neun Jahre lang an „Clarel“ – einem 18.000 Zeilen umfassenden Versepos über eine Pilgerreise ins Gelobte Land –, während er zunehmend an Rheuma litt, in Depressionen verfiel und es seiner Familie sehr schwer machte.

Als das Buch endlich erschien, verkauften sich nach neun Jahren harter Arbeit gerade mal 120 Exemplare.

Eine Erbschaft seiner Frau ermöglichte es Melville, 1886 in Rente zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt begann er – nach mehr als drei Jahrzehnten, in denen er dieser literarischen Form den Rücken gekehrt hatte! –, die Arbeit an einem weiteren Roman. „Billy Budd“ wurde allerdings erst posthum veröffentlicht.

Melville starb am 28. September 1891.

Anlässlich des 200. Geburtstagsjahres wurden in den letzten Monaten einige der Werke von Herman Melville neu herausgegeben.

Bei Diogenes erschienen zum Beispiel am 26. Juni 2019 die folgenden Neuausgaben:

Buchcover Moby Dick
Übersetzt von Thesi Mutzenbecher und Ernst Schnabel, mit einem Essay von W. Somerset Maugham.
Buchcover Billy Budd
Übersetzt von Richard Moering, mit einem Essay von Albert Camus.
Buchcover Melville Meistererzählungen
Übersetzt von Günther Steinig, mit einem Nachwort von Hans-Rüdiger Schwab.

Sehr schön finde ich auch diese Ausgabe von „Typee“ aus dem Mare-Verlag:

Herman Melville Typee
Leineneinband mit Lesebändchen im Schuber.

[ Abschließend möchte ich euch noch eine Rezension verlinken, die ich 2015 zu „Moby Dick“ geschrieben habe. ]

Habt ihr schon Romane von Herman Melville gelesen? Falls ja, welche?

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Liebe Grüße,
Signatur Mikka

1 thought on “[ Jubiläum ] 200. Geburtstag Herman Melville

  1. Hallo Mikka,
    Moby Dick fehlt mir noch. Ein Fehler, dieses Fehlen …
    Danke für die Vorstellung des Autors. Ein recht tragisches Leben. Mir tut es immer Leid, wenn Künstler erst posthum Ruhm erfahren. Oft sind das aber die, die dann wegbereitend sind. Vielleicht wäre es Melville ein Trost, wenn er das wüsste.
    LG
    Daniela

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