[ Rezension ] Michael Robotham: Schweige still

Schweige Still

© Cover ‘Schweige still’: Goldmann
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

“Seine Kindheit birgt ein schweres Trauma, sein Leben hat er dem Kampf gegen das Verbrechen gewidmet: Der Psychologe Cyrus Haven berät die Polizei bei der Aufklärung von Gewaltverbrechen. Während er einen brutalen Mordfall untersucht, lernt Cyrus Evie Cormac kennen. Evie, die als Kind aus den Fängen eines Entführers gerettet wurde, ist zu einer hochintelligenten, aber unberechenbaren jungen Frau herangewachsen. Und sie verfügt über ein untrügliches Gespür dafür, wenn jemand lügt. Als Cyrus‘ Ermittlungen sich zuspitzen, kommt sie mit dieser besonderen Gabe der Wahrheit lebensgefährlich nahe …”

(Klappentext)

Gutes Mädchen, böses Mädchen

Mit “Schweige Still” beginnt Michael Robotham eine neue Reihe und verabschiedet sich damit von seinem populären Ermittler-Duo Joseph O’Loughlin und Vincent Ruiz. Joseph O’Loughlin leidet in den Büchern an early-onset Parkinson, und Michael Robotham sagte in einem Interview, er habe daher immer gewusst, dass er diese Reihe nicht endlos fortsetzen kann. Aber mit Cyrus Haven betritt wieder ein forensischer Psychologe die Bühne!

Charaktere

Dr. Cyrus Haven

Er ist Mitte 30, charmant, durchtrainiert und fit, bewohnt ein riesiges heruntergekommenes Haus – und hat eine traumatische Vergangenheit. Als Kind musste er die Ermordung seiner ganzen Familie durch den eigenen Bruder beobachten, und daher stammt auch seine Verbindung zu Polizistin Lenny Parvel, die ihm damals durch die schwerste Zeit half. Er berät die Polizei bei Gewaltverbrechen.

Lenny Parvel

Sie war diejenige, die den traumatisierten Cyrus damals fand und als Kronzeugen des Verbrechens an seiner Familie betreute. Sie steht kurz vor der Pensionierung und bleibt für große Teile der Handlung auch eher im Hintergrund .

Evie Cormack

Evie ist für mich bei weitem der interessanteste Charakter des Buches. Vor etwa sechs Jahre wurde sie als kleines Mädchen in einer winzigen geheimen Kammer in einer Londoner Wohnung gefunden – ausgehungert, schmutzig, schwer traumatisiert, nachdem sie aus ihrem Versteck heraus beobachten musste, wie ein Mensch zu Tode gefoltert wurde.

Da sie weder ihren Namen, noch ihr Alter oder ihre Herkunft verraten konnte oder wollte, tauften die Medien das rätselhafte Kind “Angel Face”. Ihre wahre Identität konnte vom Staat nicht ermittelt werden, und so wurde sie in den folgenden Jahren durch diverse Pflegefamilien und Heime geschleust. Sie erhielt den Namen “Evie Cormack”, und zu ihrem Schutz wird ihre frühere Identität als “Angel Face” seither geheim gehalten.

“Sie ist Legasthenikerin. Asozial. Aggressiv, Sie hat keine Freunde. Niemand kommt sie besuchen. Sie ist eine Gefahr für sich und andere.”

Sie ist ein Charakter voller widersetzlicher Facetten: sie kann charmant sein, sogar verletzlich, aber oft ist sie taff und aggressiv und hat auch kein Problem damit, Widersachern mit einem Backstein den Kiefer zu brechen. Das kommt ihr nicht unbedingt zugute, als sie versucht, sich rechtlich emanzipieren zu lassen.

Cyrus wird auf sie aufmerksam, weil er in der Vergangenheit eine These veröffentlich hat, in der es um sogenannte “Truth Wizards” ging, und ein Bekannter von ihm glaubt, Evie sei eine solche “Wahrheitszauberin”. Klingt nach Fantasy, ist aber tatsächlich etwas sehr Reales!

Diskurs: Truth Wizards

Ab dem Jahr 2006 studierten die Psychologen Paul Ekman und Maureen O’Sullivan die Fähigkeit der Menschen einerseits zur Täuschung, andererseits zur Identifizierung von Täuschung. Truth Wizard (“Wahrheitszauberer) ist ihre Bezeichnung für Menschen mit einer angeborenen Begabung dafür, unwillkürliche Gesichtsausdrücke, die nur Sekundenbruchteile andauern (sogenannte Mikroexpressionen) zu deuten und daran fehlerfrei zu erkennen, ob jemand lügt.

Inzwischen hat das Projekt über 20.000 Menschen getestet, aber nur wenig mehr als 50 Truth Wizards gefunden – es ist also eine eher seltene Begabung.

Robothams Idee, eine junge Wahrheitszauberin zur Protagonistin zu machen, eröffnet meines Erachtens viel Raum für echtes Charakterwachstum und spannende Entwicklungen im Laufe der Reihe! Cyrus und Evie sind ein unwahrscheinliches, aber sehr interessantes Team.

Beide haben traumatische Geschehnisse überlebt, beide sind hochintelligent, beide haben eine sehr intuitive Art, an Probleme heranzugehen. Robotham erlaubt es seinen Charakteren, in wechselnden Perspektiven ihre Stärken und Schwächen sehr deutlich und eindringlich zu zeigen, so dass du als Leser:in schnell einen guten Eindruck von ihnen erhältst.

Spannungsbogen und Plot

Die Handlung ist intelligent geschrieben, komplex und geschickt konstruiert. Die Geschichte wird auf mehreren Ebenen erzählt: zum einen spielt die jeweilige Vergangenheit von Cyrus und Evie eine Rolle, zum anderen geht es um den Fall, in dem Lenny ermittelt und für den Cyrus als Berater dient.

Nach und nach verweben sich die verschiedenen Erzählstränge und ergeben ein kohärentes Bild. Am interessantesten finde ich, wie Robotham durch Cyrus psychologische Elemente einfließen lässt. Es baut sich schnell Spannung auf, auch wenn es eher eine ruhige ist, und diese hält sich dann auch bis zum großen Finale.

Logik und Glaubhaftigkeit

Wie sage ich es, ohne zu viel zu verraten… Sagen wir mal so: an einem Punkt der Handlung würde die Geschichte komplett stillstehen, die Ermittlung möglicherweise im Sande verlaufen, wenn nicht ein Charakter rein zufällig einen Verwandten des Opfers treffen würde. In einer großen Stadt. Mitten in der Nacht. Ohne vorheriges Wissen, das es ermöglichen würde, diesen Verwandten zu erkennen.

Autsch. Das gibt Abzüge in der B-Note! Aber da mir das Buch ansonsten sehr gut gefiel, bin ich gewillt, das mal durchzuwinken.

Schreibstil

Der Schreibstil liest sich flüssig und unterhaltsam, baut viel Atmosphäre auf und führt in flottem Tempo durch die Handlung. Cyrus’ Gedanken nehmen zwischendurch einen philosophischen, geradezu poetischen Klang an.

“Das Herz von Menschen, die ihre Kinder verlieren, wird aufs Merkwürdigste verbogen. Ein Kind zu verlieren, widersetzt sich der Biologie. (…)

Es führt den gesunden Menschenverstand in die Irre. Es verletzt die Zeit. Es schafft ein großes, schwarzes, bodenloses Loch, das die Hoffnung schluckt.”

Fazit

Der Mord an einer 15-jährigen Eiskunstläuferin. Ein forensischer Psychologe mit einer traumatischen Kindheit. Und eine junge Frau, die von den Medien “Angel Face” getauft wurde und mit 100%iger Sicherheit sagen kann, ob jemand lügt oder nicht.

“Schweige Still” ist der erste Band einer Reihe und ein sehr vielversprechender Einstieg. Die Handlung ist vielschichtig und sehr intelligent konstruiert, der Schreibstil liest sich süffig – aber es sind vor allem die Charaktere, die mich für sich eingenommen haben und von denen ich gerne mehr lesen möchte.

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TitelSchweige still
OriginaltitelGood Girl, Bad Girl
Autor(in)Michael Robotham
Übersetzer(in)Kristian Lutze
Verlag*Goldmann
ISBN / ASIN978-3-442-49145-2 (Taschenbuch)
Seitenzahl*512
Erschienen im*Dezember 2020
Genre*Thriller
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2 Replies to “[ Rezension ] Michael Robotham: Schweige still”

  1. Hallo Mikka,
    “Schweige still” ein toller Beginn der neuen Reihe, die ich damals sofort bei Erscheinen gelesen habe (Band 1). Band 2 habe ich auch schon gelesen, aber noch nicht rezensiert. Cyrus und Evie sind zwei tolle und interessante Protagonisten.
    Liebe Grüße
    Martina

    • Hallo Martina,

      bisher habe ich noch eine definitive Aussage darüber gefunden, ob es denn noch weitergehen oder bei zwei Bänden bleiben wird. Hast du das Gefühl, dass da wahrscheinlich noch was kommt?

      LG,
      Mikka