[ Rezension ] Julie Estève: Ich, Antoine

Ich, Antoine

#anzeige: Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Ich, Antoine’: dtv-Verlag
© Bild eBook-Reader: Pixabay

Ein tristes, tragisches Leben

Die Autorin schmeißt dich ohne Vorwarnung mitten rein: in einem Dorf in den Bergen Korsikas wird Antoine Orsini beerdigt, die Leute vergießen Krokodilstränen, eine alte Frau spuckt hasserfüllt ins Grab. Zack. Was für ein Anfang für einen Roman! Wir fangen von hinten an, bekommen direkt gezeigt, dass Antoines Leben offensichtlich kein friedvolles war.

Danach sind wir dann in einer Zeit, in der Antoine noch lebt und selber zu Wort kommt – er erzählt einem kaputten Stuhl, den er mit sich herumschleppt, von seinem Leben. (Mein Gott, denkst du dir da vielleicht, wie einsam kann ein Mensch sein?) Man merkt binnen weniger Sätze: Antoine hat ein sehr schlichtes Gemüt, spricht mit derber Sprache und hat auch kein Problem damit, von seinen diversen Ausscheidungen zu erzählen, denn er kennt keine persönlichen Grenzen. Igitt. Aber er ist ein armer Kerl, der es wirklich nie leicht hatte.

Was er so aus seinen frühen Jahren erzählt, ist ernüchternd: In der Schule verprügeln ihn die anderen Kinder, denn er stinkt und hat Läuse, weil sich keiner um ihn kümmert. Die Mutter ist tot, der Bruder baut Autobomben, die Schwester ist nach Paris abgehauen, der Vater ist Alkoholiker und donnert Antoine auch manchmal die Faust ins Gesicht. Die Menschen im Ort verspotten und beschimpfen ihn.

Ist es da ein Wunder, dass er als Erwachsener später viel Wut in sich trägt und die auch manchmal ausbricht? Wo sollen Feingefühl und Empathie herkommen? Er kann gemein und hinterhältig sein, weil die Menschen zu ihm gemein und hinterhältig waren. Später, in den 80ern, halten ihn alle für den Mörder der 16-jährigen Florence, er wird auch seitens der Justiz vorverurteilt – und als er nach langer Haftstrafe ins Dorf zurückkehrt, weil er sonst keinen Ort hat, an dem er leben könnte, wird er allgemein verachtet und gehasst.

Du, Antoine

Antoine tut mir leid, es macht mich so wütend, wie er behandelt wird – aber ich glaube, mögen kann ich ihn nicht. Er ist zu verkorkst durch die Art, wie er sein Leben lang als Außenseiter, fast schon Pariah, am Rand der Gesellschaft leben musste. Zu wütend, zu aggressiv, zu erfüllt von einem schwärenden Groll. Ich trau ihm den Mord zu, aber ich will nicht dran glauben.

Das ist tragisch, denn aus ihm hätte durchaus ein glücklicher Mensch mit einem ganz normalen Beruf und Freund:innen werden können – er ist sicher intelligent genug für einfache Tätigkeiten. Hätte sich nur jemand um ihn gekümmert. Hätte ihm nur jemand eine Chance gegeben. So verläuft sein Leben als selbst-erfüllende Prophezeiung: er wird zu dem Menschen, als der er all die Jahre geächtet wurde. Oder sieht sich Antoine da nur selber durch die wenig wohlmeinenden Augen des Dorfes?

Ich will ihn gleichzeitig umarmen und von mir weisen, doch immer muss ich anerkennen: er ist ein großartiger Charakter, unglaublich authentisch und gut geschrieben.

Der Weg zur Lösung ist ein beschwerlicher

Antoine ist ein unzuverlässiger Erzähler, durch dessen Augen wir die Geschichte nur verzerrt wahrnehmen. Daher müssen wir Leser:innen uns von Hinweis zu Hinweis hangeln wie bei einer schrecklichen Schatzsuche, an deren Ende nur Leid und Elend stehen kann. Aber ich zumindest wollte unbedingt wissen, was wirklich geschehen war, und einige der Wendungen haben mich ins Rätseln gebracht. Ist Antoine der Mörder, oder ist er es nicht? Was hat es mit seinem besten Freund “Magic” auf sich?

Interessanterweise bekommt Antoine sehr viel mehr mit, als die Leute ihm zutrauen – gerade WEIL sie ihn abgestempelt haben als hirnlosen Idioten, gibt sich auch keiner Mühe, etwas vor ihm zu verstecken. Er bekommt alles mit, er speichert es ab, nur versteht er es nicht unbedingt. Das erlaubt es der Autorin, die Geschichte sehr geschickt zu konstruieren.

Die Wahrheit liegt im Dreck

Die Sprache ist derb, vulgär und unschön, aber das passt, das macht die Geschichte authentisch und glaubhaft. Es wäre mehr als fragwürdig, wenn die Autorin Antoine in manchen Dingen auf einmal als feinfühlig und zartbesaitet darstellen würde. Ein personaler Erzähler, der eine angenehmere Sprache ermöglicht, hätte aus “Ich, Antoine” ein ganz anderes Buch gemacht – doch so, wie es ist, ist es stimmig und spannend.

“Bin ich aufs Mäuerchen gestiegen. Und hab geschrien. Hab meinen Rüssel rausgeholt und hab runtergeschifft! Florence hat mir dabei vom Fenster aus zugeschaut und winke, winke gemacht. Hat mich zu sich hergewinkt.”

Nur manchmal stechen Formulierungen heraus wie Steinchen im Schuh, weil sie zu gewählt klingen für Antoine, zu komplex. Die Frage ist, inwiefern das möglicherweise daran liegt, dass wir eine Übersetzung lesen – obwohl ich Christan Kolb auf jeden Fall meinen Respekt dafür aussprechen muss, dieses Buch so stimmig übersetzt zu haben, das war sicher nicht einfach!

Was Antoine erzählt, ist sicher keine “schöne” Geschichte, es ist alles sehr deprimierend – aber für mich stellt sie einen sehr überzeugenden Einblick in eine Lebenswirklichkeit dar, die für die meisten Leser:innen sehr fremd ist. Alles wird sehr konsequent durcherzählt und die Auflösung ist in meinen Augen auf unerwartete Art sehr schlüssig.

Fazit

Wegbegleiter

In einem Dorf in den Bergen Korsikas ist der vermutlich geistig behinderte Antoine Orsini der Dorftrottel – und als ein 16-jähriges Mädchen tot aufgefunden wird, wird er zum Sündenbock. Nach langer Haftstraße kehrt er zurück und nimmt sein Leben am Rande der Gesellschaft wieder auf, immer noch verhasst und verhöhnt. Seine Geschichte erzählt er nicht den Mitmenschen, die ihn verstoßen haben, sondern einem kaputten Plastikstuhl.

Es bleibt lange offen, ob Antoine schuldig ist oder nicht – aber die Menschen im Dorf, die haben sich auf jeden Fall schuldig gemacht, in dem sie diesen offensichtlich hilfsbedürftigen Menschen gnadenlos ausgegrenzt haben. Er ist der Schwachkopf, der Spasti, das Ungeheuer, das macht es einfacher, ihn nicht als Mitbürger zu sehen, dem man zumindest ein Grundmaß an Respekt und Mitgefühl schuldet.

“Ich, Antoine” ist mit Sicherheit keine Wohlfühllektüre, denn Antoine erzählt ungeschönt und ohne Filter, aber es ist ein Roman, dem ich mich nicht entziehen konnte oder wollte.

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TitelIch, Antoine
OriginaltitelSimple
Autor(in)Julie Estève
Übersetzer(in)Christian Kolb
Verlag*dtv
ISBN / ASIN978-3-423-28271-0 (Hardcover)
978-3-423-43863-6 (eBook)
Seitenzahl*160
Erschienen im*April 2021
Genre*Gegenwartsliteratur
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