[ Rezension ] Kent Haruf: Lied der Weite

Kent Haruf Lied der Weite

Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Kent Haruf Lied der Weite’: Diogenes
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

In einer ländlich gelegenen Kleinstadt wird die schwangere Victoria von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Durch einen Akt der Hilfsbereitschaft verändert sich daraufhin das Leben von sieben verschiedenen Menschen – vor allem das der beiden alten Viehzüchter, die das Mädchen bei sich aufnehmen, obwohl sie ihr ganzes Leben lang alleine gelebt haben und sie diese neue Aufgabe in hilflose Panik versetzt.

„Plainsong“ heißt das Buch im Original: Choralgesang.

Es lässt den Leser teilhaben am Leben grundverschiedener Menschen, die sich zwar kennen, weil in der Kleinstadt jeder jeden kennt, die aber ansonsten auf den ersten Blick kaum etwas gemeinsam haben. Er gibt ihnen authentische Stimmen, die sich zunächst nur wenig harmonisch zusammenfügen, als ihre Leben sich auf einmal überschneiden.

Jeder bringt seine eigenen Missklänge ein in diesen Choral: Einsamkeit. Depression. Das unerfüllte Bedürfnis nach Akzeptanz und Liebe. Die Annäherung beginnt nur vorsichtig, manchmal misstrauisch, aber man spürt sofort: da ist Resonanz. Da bringt einer im Leben des anderen etwas zum Schwingen. Die Missklänge verstummen nicht über Nacht, am Ende wird das „Lied der Weite“ jedoch zu einem Choral der Hoffnung und des gegenseitigen Respekts.

Die 17-jährige Victoria setzt in der Kleinstadt einiges in Bewegung.

Aufgenommen wird sie ausgerechnet von den Brüdern McPheron, zwei alten Viehzüchtern, die ihr ganzes Leben lang Junggesellen waren und nicht die geringste Ahnung davon haben, wie sie mit einem Teenager umgehen sollen. Für diese beiden Charaktere allein hätte es sich schon gelohnt, das Buch zu lesen!

Sie fühlen sich erst heillos überfordert von ihrer neuen Aufgabe, stürzen sich aber dennoch mit einer so schroffen wie herzzerreißenden Liebenswürdigkeit hinein – als hätten sie genau das ihr Leben lang vermisst. Dabei entbehren ihre Szenen nicht einer gewissen Komik, wenn sie versuchen, sich ihre neue Situation mit  Dingen zu erklären, die sie kennen und von denen sie etwas verstehen.

So vergleicht Harald zum Beispiel einmal Victorias Situation mit der einer schwangeren Kuh, zum Entsetzen seines Bruders.

“Herrgott noch mal, sagte er, das ist eine Kuh. Du redest von Kühen.
Ich mein ja nur, sagte Harold. Denk doch mal drüber nach.
Du sagst praktisch, dass sie eine Kuh ist, das sagst du doch.
Das will ich damit überhaupt nicht sagen.
Sie ist ein Mädchen, um Himmels willen. Keine Kuh. Du kannst doch nicht Mädchen und Kühe in einen Topf werfen.
Ich hab ja nur gemeint, sagte Harold. Machst du dir eigentlich nie Gedanken?
Doch. Ich denk auch manchmal nach.
Na also.
Aber ich muss nicht gleich drüber reden.
Na gut. Ich hab geredet, bevor ich nachgedacht hab. Willst du mich gleich erschießen, oder wartest du, bis es finster ist?”

Auch die anderen Charaktere erweckt Kent Haruf zum Leben.

Er schildert sie mit all ihren Marotten, Wünschen, Stärken und Schwächen – und das, ohne dem Leser jemals unmittelbar ihre Gedanken zu verraten. Man beobachtet ihr Verhalten sozusagen von außen, aber das beschreibt der Autor so prägnant, dass man schnell ein Gefühl für sie bekommt.

Harufs einfache, bedächtige Sätze entfalten ihre ganz eigene Poesie. Sie treffen den Kern der Dinge, das Wesen der Menschen, die er so liebevoll beschreibt. Über lange Strecken erzählt das Buch vom ganz gewöhnlichen Alltag in einer ländlich gelegenen Kleinstadt, ruhig und mit sorgsamer Langsamkeit. Hundert Seiten ziehen am Leser vorbei, ohne dass viel passiert, ohne nennenswerten Spannungsbogen.

Aber das ist nicht trivial, das ist das Leben.

Fazit

Man könnte sagen, dass in diesem Buch strenggenommen nicht viel passiert. Der Autor lässt sich viel Zeit, den ganz normalen Alltag seiner Charaktere zu beschreiben, bis ins Detail und ohne Drama. Aber die Klarheit der Sprache und die Komplexität der Charaktere haben mich dennoch an das Buch gefesselt.

Für mich ist “Lied der Weite” ein Herzensbuch, an das ich oft denke.

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Wertung5 von 5 Sternen
TitelLied der Weite
OriginaltitelPlainsong
Autor(in)Kent Haruf
Übersetzer(in)Rudolf Hermstein
Verlag*Diogenes
Seitenzahl*384
Erschienen am*12. Januar 2018
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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