#Lesetagebuch Kalenderwoche 16 2022

Lesetagebuch

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Zuletzt rezensiert

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün, fast schwarz

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast Schwarz

Den charmanten Raffael und den künstlerisch begabten Moritz verband einst eine Kinderfreundschaft, die viel mit emotionaler Abhängigkeit und der Ausnutzung vermeintlicher Schwäche zu tun hatte und schließlich ein schmerzliches, wohl unvermeidliches Ende fand. Sechzehn Jahre später erwartet Moritz mit der Frau, die er liebt, die Geburt des ersten gemeinsamen Kindes – alles ist gut. Doch dann steht Raffael auf einmal unangekündigt vor der Tür, und die Vergangenheit bricht wieder über Moritz herein.

Dies ist ein Roman, den du als Leser:in am besten selbst entdecken solltest – nicht nur wegen der Charaktere, die geradezu leben und atmen. Er überzeugt durch eine Originalität, die ihresgleichen sucht, von Mareike Fallwickl in Worte gefasst, die sich lesen wie eine ganz neue Sprache der Zwischentöne, der Schattierungen. Da passt einfach alles: der treffsichere Rhythmus der Dialoge, die ungewöhnlichen Bilder und Metaphern, der Spannungsbogen, der sich direkt in die Leser:innenseele bohrt.

Eine ganz klare Leseempfehlung!

[ Meine ganze Rezension zu “Dunkelgrün fast Schwarz” ]

Zuletzt beendet

riley sager - verschließ jede tür

Riley Sager: Verschließ jede Tür

Auf dem Blog »Zeit für neue Genres« habe ich eine Rezension zu diesem Buch entdeckt, und die hat mich neugierig gemacht. Ich war gerade in der Stimmung für ein bisschen Spannung, vielleicht mit einer dezenten Prise Grusel, und genau das schien der Thriller zu versprechen. Deswegen habe ich ihn mir spontan gekauft und gestern, am Welttag des Buches, die 400 Seiten quasi in einem Rutsch durchgelesen. Gut, ok, zugegeben – mit ein paar (Essens-)Pausen, denn bei meinem Lesetempo schaffe ich so eine Seitenzahl nur in mindestens sieben Stunden…

Tja, worum geht’s? Das ist eigentlich schnell erzählt: Protagonistin Jules macht eine durch und durch schlimme Zeit durch. Vor kurzem hat sie überraschend ihren Job verloren und ihren Freund am selben Tag in flagranti im Bett mit einer anderen erwischt. Jetzt steht sie da ohne Arbeit, ohne Freund, ohne Wohnung, ohne Geld. Und auf ewig kann sie ja nicht auf der Couch ihrer besten Freundin schlafen. Daher kann sie ihr Glück kaum fassen, als sie sich auf eine Annonce bewirbt, in der nach einer Wohnungssitterin gesucht wird, und tatsächlich den Zuschlag erhält. Und nicht nur das: Erstens ist die Wohnung, auf die sie aufpassen soll, im Bartholomew, einem prachtvollen alten Hochhaus, in dem ihr absolutes Lieblingsbuch spielt. Zweitens soll sie für drei Monate 12.000 Dollar erhalten, was ihre Geldprobleme definitiv erstmal lösen würde.

Am Anfang kommt Jules sich vor wie in einem Märchen. Die luxuriöse Wohnung, die atemberaubende Aussicht, der Wasserspeier vor dem Fenster, den sie direkt George tauft. Und die Autorin ihres Lieblingsbuches lebt tatsächlich ein paar Stockwerke unter ihr! Aber schnell schleichen sich Misstöne ein. Warum gibt es so strenge Regeln? Warum sind viele der Bewohner (inklusive der Autorin) so abweisend? Und vor allem: Warum sind anscheinend schon mehrere Wohnungssitter vor ihr spurlos verschwunden…? Sie freundet sich mit der jungen Frau an, die auf die Wohnung ein Stockwerk unter ihrer aufpasst, und kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die vor irgendetwas Angst hat. Und dann ist sie eines Tages weg, angeblich über Nacht ausgezogen…

Bevor ich hier schon die ganze Rezension tippe, kürze ich erstmal ab: Das Buch war spannend, keine Frage, und mit der Auflösung hatte ich so nicht gerechnet. Ob die glaubhaft ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt! Sei’s drum – »Verschließ jede Tür« ist sicher keine literarische Offenbarung, aber ein netter Schmöker für Tage, an denen man Lust auf Spannung ohne großartigen Tiefgang hat. Näheres folgt!

[Link] Die Rezension von »Zeit für neue Genres«

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Percival Everett Erschütterung

Percival Everett: Erschütterung

Paläontologe Zach Wells hat sich in einem Leben ohne Höhepunkte und Besonderheiten eingerichtet. Er wird es nicht müde, die Leser:innen darauf hinzuweisen, dass er nichts Besonderes ist – langweilig sogar. Ja, gut, er ist in seinem Beruf durchaus erfolgreich, innerhalb seines Forschungsgebiets eine Koryphäe. Jedoch, so betont er, sind andere Menschen in vielerlei Hinsicht doch viel intelligenter als er. So ganz kaufte ich ihm das ja nicht ab, dieses Gegenteil von Selbstbeweihräucherung, das sich dennoch anfühlt wie Prahlerei. Zack suhlt sich förmlich in seiner vermeintlichen Gewöhnlichkeit, aber da ist immer auch eine Spur staubtrockener Humor – ein Augenzwinkern, das sagt, dass er sicher seiner eigenen Intelligenz dann doch bewusst ist.

In seiner Ehe zelebriert Zach ebenfalls die zufriedene Gewöhnlichkeit, das emotionale Understatement. Er mag seine Frau, aber er liebt sie nicht, und er glaubt, dass ihr das umgekehrt genauso geht. Aber es funktioniert doch, er vermisst da nichts; es gibt keine Höhen, aber auch keine sonderlichen Tiefen. Zugegeben, manchmal sitzt er in seinem Auto und erwägt, sich umzubringen. Aber das sind nur kurze Episoden, kein Grund zur Beunruhigung.

Nur die Liebe zu seiner Tochter überwindet das Mittelmaß, durchbricht Zachs Lethargie. Er liebt sie ohne jede Zurückhaltung; die intelligente 12-Jährige ist sein Stern, sein Lebenssinn. Daher erschüttert es seine Welt in den Grundfesten, als sie zunehmend schlechter sieht und letztendlich eine Diagnose erhält, die auf schrecklichste Art außergewöhnlich ist. Die Trauer zerreißt ihn, als habe er sie bereits verloren.

Bisher habe ich wenig mehr als 100 Seiten gelesen, bin aber mehr als angetan. Der Schreibstil lässt aufhorchen, überzeugt mit feiner Selbstironie und psychologischer Prägnanz. Das Ungesagte spricht klar und deutlich aus den Pausen, den Brüchen; es sind gerade die Leerstellen, in denen die Charaktere einen ungeahnten Tiefgang entwickeln. Trauer, Schmerz, Angst, Verzweiflung, das alles springt dich als Leser:in aus den Seiten geradezu an – ohne jegliches Pathos, ohne Betroffenheitskitsch.

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Kategorie: Lesetagebuch

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