[ Deutscher Buchpreis 2021 ] Mikka liest den Buchpreis

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Runde 1: Mikka liest die Longlist

Neun persönliche Favoriten hatte ich nach Verkündung der Longlist unter den Favoriten; wie jedes Jahr wollte ich davon so viele wie möglich vor Verkündung der Shortlist lesen.

Mikka liest die Longlist

Diese Titel habe ich vorher beendet:

Yulia Marfutova Der Himmel vor hundert Jahren

Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren

In einem kleinen russischen Dorf, irgendwann ums Jahr 1918 herum, scheinen Zeit und Welt stillzustehen. Weit weg sind der Bürgerkrieg, die politischen Umwälzungen, die Machtkämpfe … Im Kleinen lassen sich im Dorf indes ähnliche Strukturen beobachten, sodass die Geschehnisse wirken wie eine Parabel, die Bewohner wie Charaktere in einem satirischen Puppenspiel.

Das Buch habe ich quasi in einem Rutsch weggelesen, ich fand es unwiderstehlich. Der Schreibstil ist außergewöhnlich, entwickelt über lange Passagen einen geradezu hypnotischen Sog. Die Autorin setzt gekonnt Stilmittel ein, die leicht zum Überdruss führen könnten (z. B. häufige Wiederholungen), bei ihr aber perfekt ein lebhaftes Bild und eine dichte Atmosphäre erzeugen. Ein leichtfüßiger Humor und schrullige Charaktere tun ihr Übriges für eine sehr unterhaltsame Lektüre, die dennoch nicht trivial ist.

[ Rezension ] Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren

Mithu Sanyal: Identitti

Mithu M. Sanyal: Identitti

Ok, Protagonistin Nivedita ist also eine Bloggerin, die unter dem Namen Identitti über Rassismus und … Titten schreibt. Sie unterhält sich in ihren Posts mit der Göttin Kali, weil sie sich mit der schon seit ihrer Kindheit verbunden fühlt, seit Kali ihr da in einem Traum erschien. Der Roman fängt direkt damit an, dass Kali Nivedita zu einem Masturbation-Wettbewerb einlädt, um zu gucken, wer weiter spritzen kann.

Puh, dachte ich. Wenn das jetzt das ganze Buch so weiter geht, wird das nicht too much?

Nee. Wird es nicht.

Denn es fügt sich alles zusammen. Nivedita hat eine deutsche Mutter und einen indischen Vater und fühlte sich schon ihr ganzes Leben lang nirgendwo zugehörig. Als Kind wurde sie von anderen, komplett indischen Kindern als Kokosnuss beschimpft – außen braun, innen weiß. Sie fühlte sich unsichtbar, übergangen, wertlos. Kali ist im Grunde ihr freches, selbstbewusstes Alter Ego, das kompromisslos aussprechen kann, was sie bewegt.

Doch dann belegt sie an der Universität „Postkoloniale Studien“ und begegnet Dozentin Saraswati, die als Erstes mal alle weißen Student:innen aus ihren Vorlesungen rauswirft. Es eröffnet sich Niv eine ganz neue Welt, ein ganz neues Leben, ein ganz neues Ich, das endlich gehört wird.

Doch dann wird Saraswati entlarvt: Sie ist gar keine POC, sondern eine weiße Deutsche, die sich Haut und Haare färbt. Echte POC sind verständlicherweise entrüstet, die Öffentlichkeit wetzt die Messer, die AfD und die BILD-Zeitung überbieten sich mit absurden Schlagzeilen.

Und Niv verliert den Boden unter den Füßen, weiß nicht, was sie denken und fühlen soll. Wenn Saraswati nicht echt ist, ist dann auch nicht echt, was Nivedita von ihr gelernt und wie sie sich entwickelt hat?

Ganze Rezension folgt

Thomas Kunst: Zandschower Klinken

Thomas Kunst: Zandschower Klinken

Ich war noch nicht weit gekommen, als ich das erste Mal dachte: “Moment. Diesen Satz hast du schon mal gelesen. Ach was, nicht nur den Satz – diese ganze Passage! Wortwörtlich.

Bald darauf das nächste Déjà-vu. Und das nächste. Und das nächste. Immer wieder die gleichen Wortbausteine, mal in völlig neuen Kontexten, mal in Wiederholungen alter Handlungsmuster. Die Erzählperspektiven wechseln, die Sätze nur bedingt, und immer verläuft alles „in umgekehrter Reihenfolge“.

Ganze Abschnitte werden bis zu 19 Mal (wenn ich mich nicht verzählt habe) wortwörtlich wiederholt.

Ich war verwirrt. Hatte das Gefühl, einer Mogelpackung aufgesessen zu sein – dass die 254 Seiten womöglich nur aus einem endlosen Fragmente-Tetris bestünden. Was soll das sein, was ist das hier? Dennoch … neugierig machte mich schon, was du so erahnen, dir an Sinn aus den Versatzstücken herauskratzen kannst.

Bald entwickelten die Wiederholungen eine merkwürdige, geradezu hypnotische Sogwirkung.

Mal scannen deine Augen nur noch die Buchstaben, weil du ja schon weißt, was da steht, während Sinn oder Unsinn leise dröhnen wie ein unterschwelliger Chorgesang. Mal wirkt diese Zerpflückung der Sprache, das Herausreißen aus dem Zusammenhang, beinahe dadaistisch. Du suchst nach Unterschieden, nach Sätzen, die du noch nicht kennst, dem magischen Schlüssel, der dir die Handlung erklärt. Denn natürlich gibt es sie, die Sätze, die einmalig sind. Sie leuchten geradezu heraus aus dem Dickicht des Altbekannten.

Aber ein Handlungsgerüst erschließt sich nicht, denn eine fortlaufende Handlung gibt es nur in Ansätzen. Diese Ansätze nimmst du quasi in mentaler Osmose auf, zum Beispiel: Eine problematische Vater-Kind-Beziehung. Leben in einer abgehängten Region. Selbstverwirklichung an der Armutsgrenze. Manches liest sich wie ein Märchen, anderes erkennt man jäh und überraschend als Gedicht.

Was soll das sein, was ist das hier? Dennoch … neugierig machte mich schon, was du so erahnen, dir an Sinn aus den Versatzstücken herauskratzen kannst.

Ganze Rezension folgt

Drei Kameradinnen

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

Die Erzählerin verweigert den Leser:innen ausdrücklich die Information, aus welchem Land die drei Kameradinnen und ihre Familien kommen – sie sind offensichtlich POC, nicht aus Deutschland, mehr musst du für den Kontext eigentlich nicht wissen. „Offensichtlich“ in diesem Sinne: Von wohlmeinenden Menschen werden sie gönnerhaft auf Englisch angesprochen, in der Annahme, sie sprächen kein Deutsch. In der Schule loben manche Lehrer ihre Leistungen, verweigern ihnen aber stillschweigend die Bestnote. Bei anderen spult sich direkt ein Zyklus der Vorverurteilung ab, den auch noch so viel Fleiß nicht sprengen kann. Später findet die Protagonistin trotz Studium nur schwer Arbeit, im Jobcenter wird sie automatisch unter „schwer vermittelbar“ verbucht, ideal nur für stupide Callcenter-Jobs – der 1,0 Abschluss interessiert gar nicht. Überall die Blicke, die Sprüche, der stete Zwang, sich die eigene Existenzberechtigung immer und immer wieder zu verdienen, und das Gaslighting: das bildest du dir nur ein, übertreibst du nicht, Deutschland hat kein Rassismus-Problem.

Die Gratwanderung: wem kann ich trauen, wer meint es ehrlich mit mir? Will er oder sie mich ehrlich unterstützen, oder benutzt si:er mich nur, um den eigenen “White Saviour”-Komplex zu füttern, sich als guter Mensch zu fühlen? Das frisst Energie, Lebensfreude und Chancen. Die Erzählerin konfrontiert dich manchmal mit deinem eigenen Dünkel: Ach, du hast dich nach dem NSU-Bekennerschreiben gar nicht näher mit den Morden und den Opfern befasst? Was sagt das über dich?

Die drei Kameradinnen gehen sehr unterschiedlich damit um. Hani ist in einem Grad angepasst und bemüht, der beim Lesen schmerzt; alles, was sie nicht positiv sehen kann, blendet sie krampfhaft aus. Kasih, die Erzählerin, ist nur schwer greifbar: sie ist eine unzuverlässige Erzählerin, die ihre Gefühle und ihre Erinnerungen ganz bewusst relativiert, manchmal sogar negiert oder auf den Kopf stellt. In Saya brodelt bei jeder Mikroaggression, bei jedem beiläufigen Alltagsrassismus, die Wut. Und der stete Tropfen höhlt den Stein …

Aber di:er Leser:in fragt sich: hat Saya wirklich getan, was die einschlägigen Skandalblättern schäumen lässt vor selbstgerechter Wut, was sie schrei(b)en lässt, man habe schon zu lange “solche Menschen” ins Land gelassen? Ist sie eine Attentäterin, eine Brandstifterin?

Ganze Rezension folgt

Interessanterweise stehen die mittleren drei auf der Shortlist, meine Vorauswahl hatte also den richtigen Riecher! (Oder ich hatte einfach ein glückliches Händchen.)

Runde 2: Mikka liest die Shortlist

Von meinen neun Favoriten der Longlist stehen fünf nun auf der Shortlist (zwei davon bereits gelesen). Dieses Jahr hatte ich mit meinen Favoriten also ein erstaunlich glückliches Händchen! Jetzt werde ich bis zur Preisverleihung versuchen, die noch ungelesenen nominierten Titel zu lesen.

Runde 2: Mikka liest die Shortlist

Hast du einen oder mehrere der nominierten Titel gelesen?

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