#Rezension Trent Dalton: Der ganze Himmel

Trent Dalton: Der ganze Himmel

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Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir von NetGalley im Auftrag des Verlags zur Verfügung gestellt.

Titel der Originalausgabe: All our shimmering Skies
Übersetzung von: Alexander Weber
Verlag der dtsch. Ausgabe: Harper Collins
Verlag des Originals: The Borough Press

All unsre schimmernden Himmel

»Armes kleines Totengräbermädchen. Irres kleines Totengräbermädchen.«

Birdies

So nennen die Leute in der Stadt die 12-jährige Molly Hook. Molly, die ihre Mutter früh verloren hat. Molly, die mit den Tieren und den Dingen redet. Molly, die ihrem Vater und ihrem jähzornigen Onkel beim Ausheben der Gräber hilft. Ihr bester Freund ist der Himmel, ihr zweitbester Freund ist ihre Schaufel Bert.

»Wie ist dieser Ort, Molly?«
Molly kennt die Frage, und sie kennt die Antwort. »Dieser Ort ist hart, Mum.«
»Wie ist Stein, Molly?«
Molly kennt die Frage, und sie kennt die Antwort. »Stein ist hart, Mum.«
»Wie ist dein Herz, Molly?«
»Mein Herz ist hart, Mum.«
»Wie hart ist es?«
»Hart wie Stein«, sagt Molly, die Augen immer noch gen Himmel gerichtet. »So hart, dass man es nicht brechen kann.«

Auf ihrer Familie liegt ein Fluch, weil ihr Großvater dem mysteriösen »Longcoat Bob« einen Batzen Rohgold gestohlen hat.

Seither passieren den Hooks schlimme Dinge, und wenn sie nicht früh sterben, werden sie hart und böse. Molly weiß, dass das wahr ist, denn sie sieht, wie ihr Vater Horace und ihr Onkel Aubrey die Wertsachen aus den Gräbern stehlen. Sie sieht, wie in ihrem Onkel eine schwarze Gier glüht, eine Gier nach Gold und eine Gier nach Gewalt, die sie zu oft zu spüren bekommt.

Buch 4

Molly beschließt, in die Wildnis zu ziehen und Longcoat Bob zu finden, um ihn zu bitten, den Fluch rückgängig zu machen. Doch da kommen die Japaner und legen mit ihren Bomben die halbe Stadt in Schutt und Asche, und Molly entkommt gerade noch so mit ihrem Leben. In Greta, einer deutschen Schauspielerin, und Yukio, einem japanischen Kampfflieger, der nicht mehr töten will, findet sie unverhoffte Mitstreiter für ihre große Reise.

Dieses Buch ist ein wahres Kleinod.

Es ist das Originellste, was ich seit langem gelesen habe, ein buntes Abenteuer mit einem Hauch von magischem Realismus und so vielen Wendungen, dass dir schwindlig werden kann. Aber es ist auch ein Panorama der menschlichen Natur in all ihren Aspekten und Nuancen.

Pastel Bird 6

Es ist tragisch und herzzerreißend und lotet die tiefsten Tiefen der menschlichen Seele aus, mit unbarmherzigen Schilderungen des Kriegsgeschehens und der erbärmlichen alltäglichen Grausamkeiten. Mollys Onkel zum Beispiel war schon vor dem Krieg ein furchtbarer Mensch, der seine Freundin und Molly brutal schlug.

Und dennoch ist der Roman hoffnungsvoll und sogar sehr witzig, denn Molly ist eine forsche kleine Person, die sich von nichts unterkriegen lässt. Die Geschichte ist ein Kaleidoskop der Emotionen.

»Grab, Molly, grab«, sagt der Taghimmel.

Buch 1

Molly spricht mit dem Nachthimmel und dem Taghimmel, liest Shakespeare und hat einen Blick für das Wunderbare – sei es ein besonders schöner Schmetterling oder eine erstaunlich schmackhafte Ameise. Obwohl sie den Krieg in unvorstellbarer Härte erlebt und um ihre Mutter trauert, gibt sie nie auf: Sie singt, sie lacht, sie liebt, sie hört nie auf zu reden. Ich glaube, sie ist für mich tatsächlich der beste kindliche Charakter, den ich je in einem Buch erlebt habe.

Greta und Yukio haben ebenfalls einen Platz in meinem Herzen gefunden.

Greta erlebt alles sehr intensiv und träumt von einer Karriere als Schauspielerin. Ihr ganzes Leben ist eine Performance, und trotzdem liest es sich stets authentisch und wahr. Yukio hingegen ist erschöpft auf jede erdenkliche Art: Er kann nicht mehr, er will nicht mehr, er hat zu viel verloren und selber im Krieg zu viel getötet. Als er jedoch auf Greta und Molly trifft, die sich trotz ihrer eigenen Verluste ungebrochen ins Abenteuer stürzen, entzündet das in ihm einen kleinen Funken Lebensmut.

Pastel Bird 2

Diese drei sind auf ihre jeweilige Art Lichtgestalten. Im Kontrast dazu ist Onkel Aubrey “nur noch Schatten”, wie Molly es ausdrückt, eine Figur wie aus einem klassischen Märchen. Der böse Wolf, der Nachtmahr, der Erlkönig. Und dennoch wirkte er auf mich nicht eindimensional.

Fazit

Lieblingsbuch

Australien im Jahr 1942: Japanische Bomben treffen die Stadt Darwin, und ein kleines Mädchen, eine verhinderte Schauspielerin und ein japanischer Deserteur machen sich auf den Weg ins Outback, um einen Fluch zu brechen.

Trent Dalton erweckt Schauplätze und Charaktere mit poetischen, ausdrucksstarken Worten zum Leben. Das Ergebnis ist eine tiefgründige und zauberhafte Geschichte, die an Originalität kaum zu überbieten ist und das ganze Spektrum der Emotionen abdeckt: tragisch, lustig, herzzerreißend, hoffnungsvoll.

Rezensionen zu diesem Buch bei anderen Blogs

Schreiblust Leselust
(Zum Zeitpunkt dieser Rezension gibt es tatsächlich noch nicht viele deutsche Artikel zum Buch!)

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