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[ Rezension ] Marlene Streeruwitz: Flammenwand.

Cover Flammenwand

Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir von Netgalley im Auftrag des Verlags zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Marlene Streeruwitz: Flammenwand.’: S. Fischer
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

Stockholm im März. Nach einem schweren Winter hat es immer noch minus 15 Grad, und das Eis knirscht unter Adeles Schritten. Als sie von Einkäufen zurückkehrt, sieht sie ihren Geliebten von weitem das Haus verlassen und geht ihm nach. Je näher sie ihm kommt, desto unsichtbarer wird er.

Warum laufen wir immer den gleichen Bildern hinterher? Worauf ist eigentlich Verlass? Und warum muss die Liebe zur Hölle werden? In einer Welt, in der sich die Warteschleife als Wahrheit erweist, bewegt sich Adele auf dem schmalen Grat zwischen Befreiung und Selbstverlust:

»Sie durfte sich nicht aus sich selbst verjagen lassen. Sie musste langsam und vorsichtig denken.« Durch eine verräterische Liebesgeschichte entfaltet sich in Marlene Streeruwitz’ furiosem Roman die Krise der Gegenwart.

(Klappentext)

Wenn die Welt. In Fragmente zerbricht.

Am Anfang. So während der ersten zwanzig. Dreißig Seiten. Fand ich den Schreibstil eine Zumutung. Unlesbar. Die Sätze sind meist kurz. Hektisch. Brechen manchmal mittendrin. Ab.

Sie wollte von ihm umfangen sein und ausgefüllt. In den ersten zwei Nächten war das so gewesen. Warum war das nicht. Nicht mehr. Nicht gelungen. Das sei plötzlich so gewesen, hatte er gesagt. Beim Duschen hätte er es bemerkt. Auf einmal. Geduld. Wenn es einmal gelungen sei, dann gelänge es auch wieder. Aber das war nicht so.

Und seit da. Sie hatte keine Antwort gewusst. Und keine Frage. Wenn er sie liebte. Wenn er »Ich dich.« sagte. Sagen konnte. Er musste das verantworten. Es war er. Sein Körper.

(Zitat)

Ich fand erstmal keinen Halt in der Geschichte.

Und irgendwann wurde mir klar, dass das Sinn macht. Weil auch die Protagonistin den Halt verloren hat. Die Schreibweise gibt perfekt wieder, dass alles, was ihr ihres Empfindens Sinn gab – und vielleicht sogar Glück –, von Spannungsrissen durchzogen wird. Eigentlich schon längst zerbrochen ist. Und sie läuft barfuß über die Scherben.

Und da machte es dann »klick« und ich war drin. In der Geschichte. In den Gedanken der Heldin. In ihrem Wahn, ihrer Verzweiflung, immer wieder dem kurzen Aufbäumen der Hoffnung. Den Momenten, in denen sie sich weigert, es anzuerkennen. Das Ende einer Sache. Die Verlogenheit einer anderen.

Und das tut weh, das quält beim Lesen, da geht auf dem heimischen Lesesofa jede Behaglichkeit verloren.

Sympathieschmerz. Sympathieangst. Sympathiewut.

Wie das oben genannte Zitat schon verrät, ist ein zentrales Thema die Beziehung zu einem Mann, der sie nicht nur emotional auf Abstand hält. Seine Impotenz wird zu einem immerwährenden Drama. Die Heldin fällt, wird hineingesaugt in eine Spirale der Verunsicherung und Selbstkasteiung.

Und sie ist blind. So blind für das Offensichtliche. Weil die Wahrheit unerträglich ist. Er muss sie lieben, wie sie ihn liebt. Er muss einfach. Denn sie definiert sich und ihren eigenen Wert seit jeher über die Männer in ihrem Leben. Das fing mit dem Vater an, der sie (und ihre Mutter) nur als Erweiterung seiner selbst wahrnahm. Das setzte sich fort mit jedem Partner. Eine masochistische Annahme patriarchalischer Strukturen. Maskuliner Machtfantasien.

Nichts, was ihr geschah, konnte ihr diesen Ort in der Zeit geben, an dem sie von Belang gewesen wäre. Sie hatte diesen Ort von der Liebe erwarten müssen.

(Zitat)

Sie spürt, sie weiß auf einem gewissen Level, dass er, Gustav, sie manipuliert. Die Beziehung beginnt damit, dass er ihr sein persönliches Drama aufzwingt: den Tod seiner Mutter. Die Tatsache, dass er als Kind ihre Leiche fand. Und seine Mutter dafür hasst. Das ist kein Versuch, seinen eigenen Schmerz zu lindern. Das ist eine oft gespielte Trumpfkarte, die den Partner, den Gegner, von Anfang an in ein Ungleichgewicht bringt. So wie auch seine Impotenz eine Waffe ist. Und eine Lüge.

Adeles innere Welt ist geprägt von Formen der Gewalt.

Sie denkt über den Holocaust nach. Wie er sie belanglos macht. Über Massenvergewaltigungen im Krieg. Was das mit den Männern macht. Sie hat Wahnvorstellungen, meist verstörende, brutale. Manchmal reißt der Faden, der sie an die Realität bindet.

Die aktuelle Politik ist als Hintergrundrauschen immer präsent. Österreich. Deutschland. Der allgemeine Rechtsruck. Adele nimmt wahr, hinterfragt jedoch nur zögerlich. Dass er, Gustav, gegen die AfD ist, aber auch gegen Ausländer. Dass das heute die Normalität ist, auch im Land des Holocausts. Da tut sie, Sprachlehrerin für Migranten, sich schwer mit. Aber nicht schwer genug. Um die Beziehung zu beenden.

Die Fußnoten verwurzeln das Buch in den Absurditäten der türkis-blauen Regierung und geben ihm eine zweite Bedeutungsebene. Die Ibiza-Affaire fand jedoch erst nach Veröffentlichung statt – so passend ein Zusammenhang auch gewesen wäre.

Adele kommt aus Wien. Gustav kommt aus Berlin. Das Drama des Buches spielt sich ab in Stockholm, wo sie sich eine Wohnung teilen. Ein Niemalsland, für eine Niemalsliebe.

Erst im Nachwort wurde mir klar, dass sich die ganze Handlung im Rahmen von nur fünf Stunden abspult.

Da darf man sich nicht täuschen lassen von den Datumsangaben. Diese spiegeln nicht die Handlungszeit wider, sondern die Schreibzeit: wann hat die Autorin dieses Kapitel geschrieben.

Fünf Stunden also. In diesen fünf Stunden durchläuft sie, die Heldin, ein persönliches Inferno. Getrieben von ihren Dämonen wandert sie durch die Stadt. Reizt ihre empfundene Bedeutungslosigkeit aus, indem sie sich kleidet wie eine Roma und deswegen ausgegrenzt wird. Bis zu einem Ende, das überrascht und doch konsequent ist. Und im Grunde noch kein Ende.

Es macht keinen Spaß, dieses Buch zu lesen.

Es entfaltet jedoch eine ungeheure Sogwirkung. Der man sich als Leser. Kaum entziehen kann. Aber man muss sich darauf einlassen. Erst mal alles hinnehmen und glauben. Nicht hinterfragen: Ist das logisch? Ist das schlüssig? Das hat keinen Platz im Malstrom ihrer Emotionen. Der Heldin.

Adele. Ihr Name ist Adele.

Ich konnte ihr Verhalten kaum nachvollziehen. Aber die Emotionen dahinter. Die sind Zerrbilder der Emotionen, die jeder Mensch in einer unglücklichen Beziehung kennt. Oder allgemein einer schwierigen Situation. Wenn das eigene Leben aus irgendeinem Grund aus dem Ruder läuft.

Würde ich das Buch empfehlen? Schwierig. Ja und nein. Ja, weil es außergewöhnlich ist. Einzigartig. Nein, weil dies kein Buch ist, das sich leicht lesen lässt. Oder nebenher. Das Buch hat Zähne und Klauen, das verlangt vom Leser sein Pfund Fleisch. Da muss man sich schon drauf einlassen, und weiß man, wem man das zumuten kann? Ich bin froh, es gelesen zu haben. Das zumindest kann ich mit Gewissheit sagen.

Fazit

Wegbegleiter

Nach den ersten Seiten habe ich den Schreibstil gehasst. Denn der. Ist geprägt von kurzen Sätzen. Von Satzfragmenten. So kurzen Bruchstücken dass man ständig rausgerissen wird. Aus dem Fluss. Aber das muss so sein. Das soll so. Denn die Heldin verliert gerade alles. Jeden Halt. Jede Gewissheit. Man steht als Leser daneben und beobachtet, wie sie sich mehr und mehr verstrickt in Wahn, Angst und Wut.

Wenn man die Handlung zusammenfasste, käme dabei etwas raus wie: eine Frau ist besessen von ihrem impotenten Liebhaber und muss hinterfragen, ob er ein falsches Spiel treibt. Aber das ist nur die Oberfläche, unter der es brodelt.

Der Titel ist sehr passend: Flammenwand. Bei Dante brennen darin die Wollüstigen. Letztlich müssen jedoch alle Sünder die Flammenwand durchschreiten, bevor sie den Läuterungsberg verlassen können. Ob es Marlene Streeruwitz’ Heldin gelingt, ihre eigene Flammenwand zu durchschreiten, liegt im Auge des Betrachters.

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TitelFlammenwand
Originaltitel
Autor(in)Marlene Streeruwitz
Übersetzer(in)
Verlag*S. Fischer
ISBN / ASIN9783103973853 (Hardcover)
9783104908878 (eBook)
Seitenzahl*414
Erschienen im*Mai 2019
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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