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[ Rezension ] Kent Haruf: Abendrot

Kent Haruf: Abendrot

Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

© Cover ‚Kent Haruf Abendrot‘: Diogenes-Verlag
© Foto: A.M. Gottstein

Handlung

„Holt, eine Kleinstadt im Herzen Colorados. Jeder der Einwohner hier hat sein Päckchen zu tragen. Und jeder von ihnen ist bemüht, dem Leben einen Sinn abzutrotzen. Zwei alte Viehzüchter müssen den Wegzug ihrer Ziehtochter verkraften. Ein Ehepaar kämpft ums schiere Überleben – und um die Kinder, die man ihnen wegnehmen will. Und zwei Teenager sehnen sich nach Abenteuern fernab von Holt. Aber dann gerät das Leben aller komplett aus den Fugen – und sie begegnen einander neu.“

(Klappentext)

Hart ist das Leben im Mittelwesten

Meine Meinung

„Abendrot“ ist der zweite Band der „Plainsong“-Trilogie und gehört damit zu insgesamt sechs Büchern des Autors, die in der fiktiven Stadt Kleinstadt Holt in Colorado angesiedelt sind. Man kann das Buch ohne Vorkenntnis der anderen Bücher lesen. Ich würde die Lektüre des ersten Bands, „Lied der Weite“, dennoch dringend empfehlen, da man dort die Vorgeschichte einiger Charaktere erfährt, die in „Abendrot“ wieder eine wichtige Rolle spielen.

Außerdem ist „Lied der Weite“ ein grandioses Buch, das ich gar nicht genug empfehlen kann! Es war eines meiner absoluten Highlights der letzten Jahre.

Meine Rezension zu „Lied der Weite“.

Abendrot also – der Tag geht zu Ende, die Nacht bricht an.

Über lange Strecken des Buches ist der Name Programm: man hat das Gefühl, dass das Licht nur so aus den Zeilen blutet. Einfach hat es im ländlichen Holt ohnehin niemand – es ist eine Welt, in der stoische Menschen harte Arbeit verrichten und nach Schicksalsschlägen immer wieder aufstehen. Angeschlagen, vielleicht sogar verwundet, aber so ist nun mal das Leben, was will man da machen.

Und Schicksalsschläge gibt es in diesen Buch nicht zu knapp. Kent Haruf schreibt das Leben ungeschönt, wie es nun mal ist, mit all seinen Ungerechtigkeiten und seinen großen und kleinen Tragödien. Manchmal fällt es schwer, das zu lesen – vor allem, weil es über lange Passagen des Buches scheinbar immer nur abwärts geht, weiter und weiter.

Jeder verheißungsvolle Schimmer entpuppt sich doch nur als das Abendrot einer weiteren Hoffnung.

Dazu kommt noch, dass diejenigen, die es am härtesten trifft, hier stets die Kinder sind. Kinder, die viel zu früh die Verpflichtungen Erwachsener übernehmen müssen. Kinder, die misshandelt oder vernachlässigt werden. Das ist harter Tobak, da möchte man manchmal mit der Faust ins Buch schlagen.

„Lied der Weite“ war versöhnlicher als „Abendrot“, denn hier bleibt Einiges bis zum Ende ungeklärt – und das Leben ist am Schluss immer noch hart.

Dennoch: die richtigen Menschen sind sich schon begegnet, man spürt, dass sich da ein echter Zusammenhalt entwickelt hat oder noch entwickeln wird. Der Wille, zu helfen, ist da, jetzt muss nur noch der Weg gefunden werden.Kent Haruf schreibt gerne über Wahlfamilien, die Zusammenhalt und Hilfe bieten, und Holt ist eine kleine Stadt, in der Mitmenschlichkeit noch ein Grundwert ist.

In tiefster Nacht kann man den Sonnenaufgang am Horizont schon erahnen.

Auch, wenn das Lesen manchmal traurig stimmt, möchte ich das Buch auf jeden Fall empfehlen. Das liegt zum einen am Schreibstil, der schlicht ist, geradezu minimalistisch, und dennoch eine enorme Aussagekraft hat. In so zurückhaltender Sprache so viel zu sagen, das ist ganz große Kunst.

Genauso werden auch die Charaktere beschrieben, in kurz umrissenen, einfachen Szenen. Man weiß schon nach wenigen Sätzen, was das für einer ist, wie der so tickt. Und dennoch sind die Charaktere nicht eindimensional – im Gegenteil. Auch hier verbirgt sich unter der Schlichtheit viel, wenn man sich darauf einlässt.

Das Buch entwickelt schon nach wenigen Kapiteln einen Sog, der anscheinend typisch für Kent Haruf ist. Man will wissen, wie es weitergeht, weil man mit den Charakteren mithofft und mitleidet, trotz ihrer Schwächen, die zum Teil gravierend sein können.

Betty und Luther zum Beispiel beschützen ihre Kinder nicht und bieten ihnen auch kein sauberes, gemütliches Zuhause – aber das geschieht nicht aus böser Absicht heraus, sondern aus schierer Hilflosigkeit. Und so wünscht man sich gleichzeitig, das Jugendamt würde die Kinder dort rausholen, und leidet dennoch mit den Eltern, die genau davor panische Angst haben.

Fazit

Im kleinen Örtchen Holt ist das Leben nie einfach, aber zur Zeit ist es für viele Bewohner noch härter als sonst. Unfälle und Todesfälle, Abschiede und Abstürze – und dabei ganz viel Hilflosigkeit. Doch immer wieder reichen sich Menschen ganz selbstverständlich die Hand, um zu helfen.

Kent Haruf beschreibt das Leben in Holt in einer Sprache, die gerade wegen ihrer Schlichtheit wunderschön ist. Auch die Charaktere werden mit leichtem Strich gezeichnet und sind dennoch lebendig und komplex. Daher ist „Abendrot“ in meinen Augen ein überaus lohnendes Buch, auch wenn es oft eine sehr schmerzliche Lektüre ist.

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Titel Abendrot
Originaltitel Eventide
Autor(in) Kent Haruf
Übersetzer(in) Pociao
Verlag* Diogenes
ISBN* 9783257070453
Seitenzahl* 413
Erschienen am* Januar 2019
Genre Gegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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Liebe Grüße,
Signatur Mikka

4 thoughts on “[ Rezension ] Kent Haruf: Abendrot

  1. Hallo Mikka,

    mir hat dieser Roman auch wunderschöne Lesestunden geschenkt. Ich habe die Figuren gern begleitet, auch wenn mich ihr Schicksal manchmal traurig gemacht hat.

    Viele liebe Grüße
    Barbara

    1. Hallo Barbara,

      ja, das war manchmal schon echt starker Tobak, vor allem mit den Kindern habe ich sehr mitgelitten. Ich bin schon sehr gespannt auf die deutsche Übersetzung von „Benediction“, dem dritten Band.

      LG,
      Mikka

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