[ Rezension ] Helga Schubert: Vom Aufstehen

Helga Schubert: Vom Aufstehen

#anzeige: Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Vom Aufstehen’: dtv-Verlag
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

Drei Heldentaten habe sie in ihrem Leben vollbracht, erklärt Helga Schuberts Mutter ihrer Tochter: Sie habe sie nicht abgetrieben, sie im Zweiten Weltkrieg auf die Flucht mitgenommen und sie vor dem Einmarsch der Russen nicht erschossen. Helga Schubert erzählt in kurzen Episoden und klarer, berührender Sprache ein Jahrhundert deutscher Geschichte – ihre Geschichte, sie ist Fiktion und Wahrheit zugleich. Mehr als zehn Jahre steht sie unter Beobachtung der Stasi, bei ihrer ersten freien Wahl ist sie fast fünfzig Jahre alt. Doch erst nach dem Tod der Mutter kann sie sich versöhnen: mit der Mutter, einem Leben voller Widerständen und sich selbst.

(Klappentext)

Die leise Wucht ehrlicher Worte

Lange war es still um Helga Schubert. 2003 erschien ihr Werk “Die Welt da drinnen: Eine deutsche Nervenklinik und der Wahn vom unwerten Leben”, dann folgten viele Jahre ohne neue Veröffentlichungen. Wahrscheinlich hatte ich deswegen noch nie von dieser Autorin gehört, als sie 2020 wieder auf der Bildfläche erschien.

Da wurde sie zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur nach Klagenfurt eingeladen, in deren Rahmen auch der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen wird. Mit 80 Jahren war sie die bisher älteste Teilnehmerin, trug als Prosatext die Geschichte “Vom Aufstehen” vor – und entschied den Wettbewerb damit für sich. Diese Erzählung bildet nun den Abschluss des gleichnamigen Buches, das in der Kategorie Belletristik für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Meines Erachtens zu Recht!

Bedachtsam, einprägsam, wundersam:

“Vom Aufwachen” liest sich wie aus einem Guss, obwohl die einzelnen Episoden in zahlreiche Zeitebenen und Themenbereiche zersplittern. Dabei werden die Risse, Macken und Schweißnähte dieses Lebens keineswegs versteckt oder beschönigt – gerade das hat die fragile Schönheit von japanischem Kintsugi.

Nicht alle Geschichten sind gleich ausdrucksstark oder gleich dicht; manche wirken beinahe wie Auszüge aus einem Tagebuch, das nicht für fremde Augen bestimmt ist und das man daher auch nur oberflächlich erfassen kann. Aber das Gesamtbild ist leuchtend und wirkungsvoll, ein wunderbarer Einblick in dieses Leben und diese Epoche(n) der Geschichte.

“Alles gut.”

Diese Worte fallen im Buch immer wieder, oft gerade dann, wenn eben nicht alles gut ist. Halbwaise, Kriegskind, Flüchtlingskind, später Schriftstellerin in der DDR, Tochter einer toxischen Mutter, Ehefrau eines pflegebedürftigen Mannes und mehr – Helga Schubert hat viel zu erzählen und erfüllt dabei ihre eigenen Anforderungen an gute Geschichten.

“Die guten Geschichten sind wie das Leben tragikkomisch, plötzlich reißt mich die Geschichte aus dem Mitleid in die Ironie, aus der Ironie in die Verachtung, aus der Verachtung ins Verständnis. Und alles in dem Moment, in dem ich mich auf eine Sicht eingelassen hatte.”

(ZItat)

Im Zentrum stehen meines Erachtens vor allem der Untergang der DDR und der Untergang einer von vorneherein zum Scheitern verurteilten Mutter-Tochter-Beziehung. Nebenher gewährt das Buch auch noch scheinbar wahllose Einblicke in Helga Schuberts Leben – kleine Einsprengsel, die sich aber dennoch immer ins große Ganze einfügen und dadurch als durchaus relevant erweisen.

Deutsch, aber wenig demokratisch

Da ich immer schon im Westen Deutschlands lebte, war die DDR für mich als Kind und Jugendliche ganz weit weg. An den Mauerfall kann ich mich zwar gut erinnern (da war ich 13 und fühlte mich mittendrin), an die Euphorie, die Ernüchterung, die Vorurteile – aber eben immer nur aus der Ferne. Später habe ich Bücher gelesen, Dokumentationen gesehen, Museen besucht.

Aber “Vom Aufstehen” gibt mir das Gefühl, jetzt erst zumindest leise erahnen zu können, wie sich das Leben in der DDR anfühlte – insbesondere für eine intelligente kreative Frau, deren Tätigkeit als Schriftstellerin sich notwendiger Weise beißen musste mit Zäsur und Propaganda.

“Wenn du doch damals nach der Flucht gestorben wärst.”

Das sagt die Mutter einmal ganz ruhig. Sie ist ihrer Tochter gegenüber meist eiskalt und verbittert; sie schlägt, straft und ätzt. Und doch hat Helga auch eine Erinnerung daran, wie sie als kleines Mädchen lebensbedrohlich erkrankt war und die Mutter mit der Waffe an ihrem Bett saß: “Wenn du jetzt stirbst, erschieße ich mich.” An diesem Widerspruch reibt sich Helga ihr ganzes Leben lang.

Meist werden die Episoden aus der Ich-Perspektive erzählt. Nur manchmal tritt die Autorin einen Schritt zurück und spricht in Episoden, die besonders das Verhältnis zur Mutter thematisieren, von sich selber in der dritten Person als “ihre Tochter”. Will sie uns damit zeigen, wie wenig Halt dieses Familiengefüge ihr gab, wie wenig verwurzelt sie darin war? Sie nimmt ihre Identität ganz heraus aus diesem Konstrukt, in dem sie sich selber den Namen verweigert und sich nur auf ihre Rolle als Tochter reduziert.

“Ihre Tochter, die von meiner Mutter geschlagen wurde, manchmal einfach, weil sie da war oder hustete oder abends im Bett weinte als kleines Kind. “

(Zitat)

Diese Beziehung schmerzt beim Lesen.

Die Tochter trägt sie mit sich wie ein ewig blutendes Stigma. Selber schon eine alte Frau, sucht sie nach dem Tod der Mutter schließlich geistlichen Rat, weil sie das vierte Gebot nicht befolgen könne. Doch die Pastorin sagt ihr, sie habe sich da ganz umsonst bekümmert – das Gebot verlange lediglich Achtung, Liebe sei freiwillig und immer ein Geschenk.

So ganz leise schwingt da ein Aufatmen in den Worten mit, ein Abschluss, vielleicht sogar ein Stück weit Vergebung. Überhaupt kann die Autorin das gut, ganz lebensklug mit leisen Tönen auch Versöhnliches transportieren.

Generell ist die Sprache eher schlicht.

Sie ist glasklar und prägnant, bar jeden Kitsches oder unnötiger Verschnörkelung. Kein Pathos, keine emotionale Anklage – und doch hat der Text keine Kälte, keine Sterilität. Die Themen kommen und gehen, und doch schwingt jedes davon lange nach, so dass sie sich zu einem großen Themenkomplex vermischen.

Schön ist das, rührend, aber nicht rührselig. Der Rhythmus ist organisch, hypnotisch, da ist nichts zu viel oder zu wenig. Es wird auf schlichte Art ganz viel Atmosphäre aufgebaut, und das ist großartig!

Fazit

Buchliebling

Helga Schubert erzählt ganz unspektakulär, mit ruhigen Worten, und die 81-Jährige hat viel zu berichten: von Krieg und Flucht, vom Leben als Schriftstellerin in der DDR, vom Altwerden, von der konfliktbehafteten Beziehung zu ihrer Mutter… Das liest sich flüssig und unterhaltsam, ganz ohne Pathos sehr bewegend. Das Buch springt von Thema zu Thema, und dennoch kommt alles zusammen zum Bild eines langen Lebens.

Für mich ein Buch, das sich lohnt, und ein Buch, das wichtig ist. Es ist für den Leipziger Buchpreis nominiert und ich drücke ihm die Daumen!

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TitelVom Aufstehen
Originaltitel
Autor(in)Helga Schubert
Übersetzer(in)
Verlag*dtv
ISBN / ASIN978-3-423-28278-9 (Hardcover)
978-3-423-43897-1 (eBook)
Seitenzahl*224
Erschienen im*März 2021
Genre*Autobiographische Kurzgeschichten
bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
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