#Rezension Celeste Ng: Unsre verschwundenen Herzen

Celeste Ng Unsre verschwundenen Herzen Abstraktes Buchcover in Blau- und Grautönen

Titel der Originalausgabe: Our Missing Hearts
Übersetzung von: Brigitte Jakobeit
Verlag der dtsch. Ausgabe: dtv
Verlag des Originals: Little, Brown

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Handlung
Hintergrund: Kinder als Druckmittel
Hintergrund: Antiasiatische Gewalt
Von der Dystopie zum Märchen
Kritikpunkte
Charaktere

Handlung

Der zwölfjährige Bird lebt mit seinem Vater in Harvard. Nur mit seinem Vater, denn seine Mutter hat die Familie schon vor vielen Jahren verlassen. Seine Mutter, die er vermisst. Seine Mutter, die nicht aus Eigennutz gegangen ist, sondern um ihr Kind zu schützen. Seine Mutter, von der Bird die asiatischen Gesichtszüge geerbt hat, die ihn jeden Tag aufs Neue in Gefahr bringen. Sie ist fort, ihre Gedichte indes sind immer noch allgegenwärtig, denn sie sind zum Schlachtruf des Widerstands geworden.

In Amerika herrscht das Gesetz von PACT, des Preserving American Culture and Traditions Act, das nach DER KRISE die amerikanische Kultur bewahren soll. Asiatisch aussehende Menschen werden diskriminiert, denn China ist der Feind, der Sündenbock für den Kollaps des Systems. Amerikanern asiatischer Abstammung, sowie Menschen, die als angebliche Sympathisant:innen auffallen, werden beim kleinsten Anlass die Kinder weggenommen und zur Adoption freigegeben – die titelgebenden verschwundenen Herzen.

Als Bird einen Brief seiner Mutter erhält, beginnt für ihn eine Odyssee, um ihren Spuren zu folgen. Die Märchen seiner Mutter führen ihn in die Bibliotheken, die insgeheim Horte des Widerstands sind.

Hintergrund: Kinder als Druckmittel

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CELESTE NG erzählt ein dystopisches Märchen, das leider nur allzu fest verwurzelt ist in der Realität; Kinder wurden und werden aus politischen Gründen von ihren Eltern getrennt. Mal wird es als ultimatives Druckmittel eingesetzt, als Werkzeug der Kontrolle: ‘Unterwirf dich dem System, sonst verlierst du dein Kind. Dann wieder geschieht es, um die Kinder aus rassistischer Ideologie und/oder ultranationalistischer Verblendung heraus umzuerziehen, sie in ein vermeintliches völkisches Ideal zu pressen. Der Rechtfertigungen sind viele, doch die Tragödie ist immer wieder dieselbe.

Exkurs 1

Zeichnung von drei Babys; eines lacht und spielt mit seinen Zehen, eines trägt eine Mütze mit zwei Ohren und guckt verwundert, eines sitzt etwas abseits und spielt auch mit seinen Zehen


Da sind die Kinder, die zur Zeit der Präsidentschaft Donald Trumps an der Grenze von ihren Eltern getrennt und dann in Käfige gesteckt wurden, um illegale Einwanderer davon abzuhalten, Asyl zu beantragen. Eine Unmenschlichkeit sondergleichen.

Da sind die ‘Gestohlenen Generationen’: zehntausende Kinder indigener Eltern (manche Quellen gehen sogar von hunderttausenden aus), die im 20. Jahrhundert in Australien ihren Eltern entrissen wurden, um sie als potentielle Arbeitskräfte in die weiße Gesellschaft zu assimilieren. Heranzucht einer vermeintlich niederen, aber nützlichen Klasse?

Es gibt allzu viele weitere Beispiele, in allzu vielen Ländern. Nordkorea. Die DDR. Japan. SO viele, ZU viele verschwundene Herzen, eine menschenverachtende Grausamkeit die durch den dünnen Firnis der Zivilisation blutet.

Hintergrund: Antiasiatische Gewalt

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Die Instrumentalisierung von Kindern als Mittel politischer Kontrolle ist nur ein Teil des faktischen Fundaments der Geschichte. Antiasiatische Gewalt ist eine weitere Ebene, und auch die ist leider nicht aus der Luft gegriffen; in den USA, wo der Roman spielt, hat antiasiatischer Rassismus eine lange Tradition.

Exkurs 2

Zeichnung: Frau mit Blumenkrone, die nach links schaut uns zögerlich die Hand gehoben hält

Im Jahr 1871 gab es in Los Angeles Massenlynchmorde; hunderte von weißen Menschen stürmten als wütender Mob das chinesische Viertel der Stadt und richteten ein Gemetzel an. Im Zweiten Weltkrieg wurden 120.000 Japaner und japanischstämmige Amerikaner in Internierungslager gesperrt.

Seit dem ersten bekannten Ausbruch des Coronavirus sind antiasiatische Hassverbrechen in den USA um 361 Prozent gestiegen – “China virus”, “China plague”, die Rhetorik Donald Trumps hält sich bis zum heutigen Tag.

Von der Dystopie zum Märchen

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In der Tradition der klassischen Dystopien ist »Unsre verschwundenen Herzen« nur eine Haaresbreite von unserer Realität entfernt – die Geschehnisse sind tief verwurzelt in der kollektiven Vergangenheit der Menschheit und gleichzeitig eine erschreckend plausible Zukunftsvision. Celeste Ng verleiht dem eine beklemmende Allgemeingültigkeit: Dies kann überall und jederzeit geschehen.

Für einen Großteil des Buches sehen wir die Ereignisse aus der kindlichen Sicht von Bird, der aufgewachsen ist mit den Märchen, die seine Mutter ihm erzählte. Unbewusst und unterschwellig setzt er die Dinge, die ihm geschehen oder die er beobachtet, daher auch in den Rahmen eines klassischen Märchens, einer kindlichen Heldenreise, und das ermöglicht ihm Hoffnung in scheinbar hoffnungslosen Zeiten: Denn am Schluss gewinnt doch immer das Gute, oder nicht?

Celeste Ng findet leise, oft geradezu poetische Worte für das Unerträgliche. Immer wieder verwendet sie atmosphärisch dichte Bilder und sprechende Namen, um den Eindruck eines dystopischen Märchens noch zu verstärken, und das hatte für mich einen enormen emotionalen Widerhall, ohne billige Sentimentalität. Fein dosiert lässt sie die ein oder andere Szene jäh herausbrechen aus der dichterischen Distanz, in schonungsloser Nahaufnahme, und das Gesamtbild ist in meinen Augen ein sehr überzeugendes.

Kritikpunkte

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Das Märchenhafte tut dem realistischen Fundament der Geschichte meist keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Es sind gerade die realistischen Passagen, die manchmal abrutschen ins nicht mehr hundertprozentig Plausible.

Ein Beispiel: In der beschriebenen Gesellschaft wird alles kontrolliert, jeder noch so kleinste Verstoß direkt geahndet. Dennoch kann man Protestaktionen anscheinend problemlos mit dem Smartphone filmen, ohne dass herbeigeeilte Ordnungshüter:innen die Geräte direkt einkassieren oder die Besitzer:innen einsperren. Dadurch wird die Glaubhaftigkeit meines Erachtens überstrapaziert, denn in vielen anderen Szenen wird deutlich, dass schon ein falsches Wort ausreicht, um in den Mahlstrom des Systems zu geraten.

Aber das sind meines Erachtens seltene Misstöne, die sich noch verschmerzen lassen. Ja, es wird manches offen gelassen. Nein, es ist nicht immer alles überzeugend. Aber das fügt sich ein in die Erlebnisse eines Kindes, für das die Welt der Erwachsenen ohnehin fundamental unverständlich ist. Die kindliche Perspektive gereicht dem Buch hier zum Vorteil. Dennoch mache ich dafür leichte Abstriche in meiner Bewertung.

Charaktere

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Jeder Charakter zeigt die Problematik aus einer anderen Perspektive.

Bird ist noch sehr kindlich und begreift erst im Verlauf des Buches, dass schon die Form seiner Augen ihn in Gefahr bringt. Für einen Großteil des Romans ist er der Perspektivcharakter und wird daher auch am differenziertesten gezeichnet. Kindercharaktere misslingen nur allzu leicht, doch Celeste Ng gelingt es, seine kindlichen Gedanken authentisch und glaubhaft wiederzugeben. Auch Birds Freundin Sadie, die selber eines der Kinder ist, die ihren Familie entrissen wurden, und daher im Zentrum der Ereignisse steht, ist großartig geschrieben. Zornig und entschlossen macht sie sich schon lange vor Bird auf die Suche nach ihren Eltern, doch die beiden werden sich im Verlauf der Handlung noch wiedersehen – ganz märchenhaft im Haus einer Herzogin.

Birds Vater ist das Sinnbild eines Elternteils, das alles tun würde, um das eigene Kind zu schützen. Er unterwirft sich einem ungerechten System, damit Bird ihm nicht weggenommen wird, hält auch den Jungen zur bedingungslosen Anpassung an. Trag deine Mütze tief in die Augen gezogen, schau den Menschen auf der Straße nicht ins Gesicht, benutze ausschließlich diese Straßen und komm nach der Schule direkt nachhause, schreibe in deinen Schulaufsatz, wie toll du PACT findest und wie sehr es die Gesellschaft schützt.

An Birds Mutter Margaret wiederum zeigt die Autorin, wie einfach es ist, wegzuschauen, solange es einen nicht selbst betrifft, und wie schnell sich das ändern kann. Ich möchte hier noch nicht zu viel verraten, aber Margaret gerät ins Visier von PACT, ohne auch nur mit dem Widerstand zu sympathisieren. Doch sie weiß, dass ihr das niemand glauben wird. Dass es sie dass nicht schützen wird. Dass es Bird nicht schützen wird. Sie kann die Augen nicht mehr vor dem Unrecht verschließen, und so entscheidet sie sich dafür, abzutauchen, und macht danach ein enormes inneres Wachstum durch.

Fazit

Gern gelesen

Nach einer vernichtenden nationalen Krise trat in Amerika PACT in Kraft, der Preserving American Culture and Traditions Act – im Grunde wenig mehr als gesetzlich festgeschriebene Weiterreichung der Verantwortung und Schuld an einen Sündenbock: China. Die Diskriminierung von Amerikaner:innen mit asiatischen Wurzeln wird als Ventril für die Frustration der Bevölkerung nicht nur gebilligt, sondern sogar angeheizt. Kinder werden ihren asiatischen oder ‘problematischen’ Eltern weggenommen, umbenannt und in ausgewählte Familien weitergereicht – dies sind die ‘verschwundenen Herzen’.

Celeste Ng verwebt Themen mit realen Grundlagen zu einer Dystopie mit märchenhaftem Flair und findet dafür eine Sprache, die gut zu Bird, dem kindlichen Protagonisten, und seinem Versuch, aus einer angsteinflößenden Realität Sinn zu machen, passt. Das einzige Manko ist in meinen Augen, dass nicht alle Dinge sauber durchkonstruiert erscheinen, was ich durch das Märchenhafte aber noch für verzeihlich halte.

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