[ Rezension ] Anne Enright: Die Schauspielerin

Anne Enright: Die Schauspielerin

#anzeige: Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Die Schauspielerin’: Penguin-Verlag
© Foto: A.M. Gottstein

Wer ist Katherine O’Dell?

Die scheinbar offensichtliche Antwort lautet: Sie war einst Irlands bekannteste Schauspielerin und verzauberte die Massen mit ihrem charmanten Akzent und ihrem liebreizenden Auftreten.

Doch da verbirgt sich schon die erste Falltür, durch die der unbedarfte Leser stolpert – denn diese irische Volksheldin wurde als Katherine Anne FitzMaurice in England geboren und ist im Grunde so irisch wie Yorkshire Tea.

Sie hatte ihr Schauspieldebüt im Alter von zehn Jahren noch unter ihrem Mädchennamen ‘Odell’, änderte das später jedoch etwa zur gleichen Zeit in ‘O’Dell’, als sie sich die Haare rot färbte und das fortan als ihre natürliche Haarfarbe ausgab.

Ihre Tochter Norah nennt sie einmal eine ‘begabte Hochstaplerin’.

Tatsächlich ist die vorgetäuschte irische Herkunft nur der Beginn einer Karriere, die Katherines Leben zunehmend verzehrt und verzerrt. Bis ins Privatleben zieht sich die stetige Maskerade, so dass Katherine irgendwann selber nicht mehr weiß, was wirklich passiert ist und was sie sich nur als filmtauglichen Teil ihrer Legende zurechtfabuliert hat.

Norahs Erinnerungen zerstören die Hochglanz-Illusion und zeigen überdeutlich, was der Ruhm ihre Mutter kostete. Privatleben. Familie. Echte, bedeutsame Beziehungen. Katherine opfert alles dem Moloch Hollywood, bis sie scheinbar den Verstand verliert und auf einen Produzenten schießt.

“Die Leute fragen mich: »Wie war sie?«, und ich versuche zu verstehen, was genau sie damit meinen. Wie war sie als normaler Mensch, wenn sie Pantoffeln trug und Marmeladentoast aß? Als Mutter, als Schauspielerin? – das Wort »Star« verwenden wir nicht. Die meisten Leute wollen wissen, wie sie war, bevor sie verrückt wurde, gerade so, als könnte auch ihre eigene Mutter über Nacht schlecht werden wie eine Flasche Milch, die nicht in den Kühlschrank zurückgestellt wurde.”

(Zitat)

Die Leere hinter der Nahaufnahme:

Anne Enright zeigt in bestechender Klarheit die Probleme, mit denen eine erfolgreiche Frau wie Katherine zu einer Zeit zu kämpfen hatte, als Emanzipation (nicht nur in der Filmbranche) noch ein Fremdwort war. Doch sie lässt den Leser auch teilhaben an der trügerischen Magie des Rampenlichts, der Faszination des Films, dem Zauber der Verwandlung.

Nicht weniger intensiv richtet sie das Augenmerk auf die schwierige Beziehung zwischen Katherine und Norah, die notgedrungen immer nur im Schatten ihrer Mutter stand: als Vertraute, Gehilfin, Therapeutin, Requisite, doch nie wirklich als Tochter. Sie betrachtet sich gleichzeitig als das große Glück ihrer Mutter – und die Ursache für deren Ruin.

Im Alter von Ende 50 resümiert Norah das Leben ihrer Mutter, weil eine Journalistin für eine Doktorarbeit über Katherine um Auskunft bat. Aber es dauert nicht lange, bis die Bonmots, die kleinen Dramen und die Charakterstudien im inneren Monolog zum Selbstläufer werden, denn Norah hat vieles nie wirklich aufgearbeitet und sich schon ihr ganzes Leben lang entwurzelt gefühlt – besonders weil Katherine ihr die Identität ihres Vaters nie verraten hat.

Nun recherchiert sie, besucht Katherines Geburtshaus, durchwühlt den Bodenschlamm ihrer Erinnerung auf der Suche nach echter Substanz. Aus der Anfrage der Journalistin wird ein später Versuch Norahs, sich von ihrer überlebensgroßen Mutter zu befreien.

Anne Enright hat ein feines Gespür für Nuancen und Nichtausgesprochenes.

Ambivalenz ist ein ständig mitschwingender Unterton.

Sie zeichnet ihre Charaktere subtil und ungemein komplex, der Star ist jedoch immer Katherine – selbst nach ihrem Sturz aus dem Götterhimmel, als verbrauchte Frau mit Hang zu Alkohol und Opiaten.

Das Buch wird nicht chronologisch erzählt; der Leser muss sich die Geschichte aus vielen kleinen Episoden zusammensetzen. So nach und nach kann man die verschiedenen Charaktere zuordnen und bekommt ein Gespür für die unterschwelligen Spannungen, die Machtstrukturen und die Dynamiken, die Katherines Leben und damit auch Norahs beherrschen.

Das ist erst anstrengend, aber je länger man liest, desto schwerer kann man sich davon lösen – es entwickelt seine ganz eigene Spannung.

Der Schreibstil trägt viel dazu bei, das das funktioniert.

Anne Enright findet wundervolle, starke Formulierungen, viele ihrer Sätze sind zugleich prägnant und poetisch. Sie zeichnet ihre Schauplätze sehr bildlich, die Atmosphäre ist dicht, viele Nebencharaktere werden aufs Wesentliche reduziert und sind so schnell zu erfassen.

Durch die Zeitsprünge und die verschiedenen im Fokus stehenden Personen wirkte das Buch auf mich wie ein Theaterstück mit häufigen Kostüm- und Szenenwechseln. Sehr passend und gelungen für einen Roman über eine (fiktive) Schauspielerin!

Fazit

Buchliebling

Romanschriftstellerin Norah O’Dell wird von einer Journalistin um Informationen zum Leben ihrer berühmten Mutter gebeten: Katherine O’Dell, Irlands vergöttertste Schauspielerin, die ihre Karriere mit einem Schlag beendete, indem sie auf einen Produzenten schoss.

Norah springt gedanklich von Episode zu Episode und lässt das Leben ihrer Mutter sowie das schwierige Verhältnis zu ihr Revue passieren. Obwohl sie selber schon Ende 50 ist und mehrere Kinder großgezogen hat, konnte sie sich nie lösen von ihrer Mutter, die emotional nur wenig zu geben hatte – oder von der Frage, wer ihr Vater war.

Anne Enright schreibt das in einem wunderbaren, ausdrucksstarken Stil, der nicht verkitscht und weder zu viel noch zu wenig verrät. Es bleiben einige Fragen offen, aber meines Erachtens tut das dem Roman keinen Abbruch – der Weg ist hier das Ziel, und die Einblicke in diese ganz besondere Mutter-Tochter-Dynamik sind faszinierend.

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TitelDie Schauspielerin
OriginaltitelActress
Autor(in)Anne Enright
Übersetzer(in)Eva Bonné
Verlag*Penguin
ISBN / ASIN9783328601340 (Hardcover)
9783641261849 (eBook)
Seitenzahl*304
Erschienen im*März 2020
GenreGegenwartsliteratur
Zeitgeschichtliches
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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