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[ Rezension ] Simone Schönett: Das Pi der Piratin

Das Pi der Piratin

#anzeige: Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Das Pi der Piratin’: Edition Atelier
© Foto: A.M. Gottstein

Handlung

Können Frauen in der männlich gefärbten Sprachwelt ihre eigene, die weibliche Begierde zum Ausdruck bringen? Die Ich-Erzählerin in Simone Schönetts rasanter Prosa begibt sich auf die Suche nach einer weiblichen Sprache der Lust. Sie will ihrer Libido Ausdruck verleihen, forscht nach den ihr gerechten Worten, merkt aber bald, dass es nicht genügt, nur aus dem Fundus der Männer Ausdrücke für das zu nehmen, worum es eigentlich geht. Etwas Neues muss entstehen. Denn solange das Wort einer Frau nicht gilt, bleibt die mögliche Eintracht zwischen den Geschlechtern immer nur Utopie …

(Klappentext)

Auf der Suche nach einer Sprache der weiblichen Lust

Mit nur 104 Seiten ist dieses schlanke Büchlein entgegen aller Erwartung keineswegs schnell zu lesen.

Kein Werk der Prosa, das man flüchtig liest, zwischen Tür und Angel. Kein Werk der Erotik, dass man atemlos verschlingt, zwischen Schenkel und Schenkel. Dazu erzeugen Ideen und Sprache zu viel Nachhall, mitnichten einfach, mitnichten ein billiges Schrittchen auf dem Weg weiblicher Emanzipation.

“Es verschlug mich dorthin, wo es mir das Wort verschlug, wo ich verschlagen wurde und über den Bordstein sprang, und nicht die Schwalbe machte, keinen einzigen Sommer lang, sondern, ohne viel Federlesens, aus der Asche ging; und nicht ins Detail gehen wollte, aus Scham oder weil die richtigen Worte dafür fehlten?”

Mal ist die Sprache martialisch, anarchistisch, vaginale Revolution – mal zart poetisch oder albern ausgelassen; dann schleicht sich ein leiser Ton der Verzweiflung ein ob der Unmöglichkeit einer ultimativen Sprachfindung.

Ungemein aussagekräftig ist die Sprache jedoch immer, auch in den leisen, lyrischen Momenten eine Urgewalt.

Die Autorin findet ungewöhliche Bilder.

Sie spielt mit den Vieldeutigkeiten der Sprache, probiert Wörter an, als seien es Schuhe. Mal leiht sie sich probehalber Versatzstücke aus der männlichen Sprache der Lust, dann wiederum begibt sie sich auf der Suche nach einer gänzlich neuen Sprache in verschiedene Metapherngefilde. Wassermetaphern. Jagdbilder. Steinfruchtvergleiche.

Auf jeder Seite strich ich mir Wörter und Passagen an – nur auf den ersten findet sich noch das ein oder andere Fragezeichen ob des empfundenen Bruchs in einer Metapher. Leichtes Unbehagen meinerseits, wenn ein Bild meines Empfindens aus dem Bedeutungszusammenhang fiel, wenn bunte Vorstellungen ineinander flossen, um sich als scheinbar unbekömmliche Mischung zu entpuppen.

Gerade dieses Unbehagen hat meines Erachtens jedoch Methode .

Simone Schönetts Prosa ist zu stark, zu gekonnt in ihren Wagnissen, als dass dieses gelegentliche Metaphernfiasko etwas anderes als reine Absicht sein könnte. Was sie hier darstellt, in Form und Bedeutung, ist ihr Kampf um eine weibliche Sprache der Lust.

In den Ungereimtheiten spürt man ihre Frustration, wenn ein Ansatz sich als Kampf gegen Windmühlen entpuppt, im Sande verläuft, in Sackgassen führt, für Hohngesänge und polterndes maskulines Getöse sorgt.

Verbaler Ausdruckstanz, weil Worte nicht mehr genügen?

Letztendlich bleibt die versprochene lustvolle Revolution der weiblichen Sprache jedoch aus.

“Meine Lüsternheit entzog sich dem Wort, sie verwehrte sich, türmte, machte sich aus dem Staub. Und ich schrieb ihr hinterher, ihr, die sich gar nicht fassen lassen wollte.”

Der Text ist eine Ansammlung von Ansätzen, die im Ansatz stecken bleiben, die im Ansatz stecken bleiben müssen, weil eine Revolution sich nicht so einfach auf 104 Seiten bewerkstelligen lässt. Nicht, wenn sie das Thema der Gleichberechtigung neu aufrollen müsste, alte (Macht-)Strukturen aufbrechen – eine neue Sprache kann nicht auf ausgelaugtem Grund erblühen.

Aber muss es denn mehr sein als ein mutiger Ansatz, ein lustvoller Anfang, ein Aufzeigen der Möglichkeiten?

Sprache verändert sich nicht über Nacht, gerade weil sie die Gesellschaft verändern und Machtverhältnisse erschüttern kann – sie ist ein immerwährender Prozess. Man muss der Autorin sicher nicht in jedem einzelnen Punkt zustimmen, aber es lohnt sich, wenigstens über das nachzudenken, was sie schreibt.

Fazit

Simone Schönett sucht nach einer weiblichen Sprache der Lust.

Sie wildert dafür in altbekannten Gefilden und beansprucht neue, spielt mit Begriffen und Ausdrucksformen, sagt der Kleinmachung der weiblichen Libido den Kampf an. Noch steht die versprochene Revolution der Sprache indes am Anfang – das Buch ist mehr eine Ansammlung von Denkanstößen als ein Kampftraktat.

Es ist aber dennoch lohnenswerte Lektüre, wenn man sich für das Thema im Speziellen und Emanzipation im Allgemeinen interessiert.

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TitelDas Pi der Piratin
Originaltitel
Autor(in)Simone Schönett
Übersetzer(in)
Verlag*Edition Atelier
ISBN / ASIN978-3-99065-028-8 (Hardcover)
Seitenzahl*104
Erschienen im*März 2020
GenreProsa
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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