#Rezension Virginia Woolf: Mrs Dalloway

Virginia Woolf: Mrs Dalloway

Übersetzung von Kai Kilian

© Cover ›Mrs Dalloway‹: Anaconda (Penguin Randomhouse)
© Bild eBook-Reader: Pixabay

Handlung

Das ganze Buch spielt sich an einem einzigen Tag im Juni des Jahres 1923 ab, die Handlung ist schnell zusammengefasst: Mrs Dalloway, eine Dame gehobenen Alters, bereitet am Morgen und Vormittag eine Festlichkeit vor, bei der sie alte Freunde und Bekannte wieder zusammenführen will. Dabei trifft sie einen früheren Verehrer wieder, der gerade aus Indien zurückgekehrt ist. Gleichzeitig verbringt der von Halluzinationen geplagte Kriegsveteran Septimus Warren Smith den Tag mit seiner Frau im Park, bevor er am Nachmittag in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Später am Abend findet die geplante Abendgesellschaft statt, und Septimus nimmt das Schicksal seiner Erfinderin vorweg.

Der Blick nach innen

Für moderne Leser:innen mag sich dieses Buch ungewohnt lesen, denn über weite Strecken ist kein konkreter Handlungsbogen erkennbar. Was tatsächlich passiert, ist meines Erachtens zweitrangig – die Geschehnisse sind nur der Rahmen für die Innenwelt der Charaktere. Wichtig ist, was in deren Köpfen vor sich geht, wichtig sind die Themen, die dort brodeln, schwären, widerhallen:

Es geht um Vergänglichkeit und das unaufhaltsame Verstreichen der Zeit; immer wieder schlägt mit dem dröhnenden Klang des Big Ben buchstäblich die Stunde.

Es geht um die Auswirkungen des Krieges auf die Psyche eines Menschen, um das mangelnde Verständnis, das traumatisierten Veteranen und generell psychischen Erkrankungen entgegengebracht wird. Da finden sich durchaus Parallelen zum Leben der Autorin, das geprägt war von Depressionen und psychotischen Zusammenbrüchen.

Es geht um Liebe, Sexualität, gescheiterte Hoffnungen. Das Thema Homosexualität klingt auf mehreren Ebenen an, mit einem Subtext von Unterdrückung und patriarchalischer Kultur.

All das erleben die Charaktere als Produkt der Selbstreflexion, die das Tor zu Erinnerungen und persönlicher Wahrheit öffnet.

Was wäre, wenn?

Fast alle Charaktere denken wenigstens einmal darüber nach, wie ihr Leben verlaufen wäre, hätten sie andere Entscheidungen getroffen, andere Wege begangen. Tatsächlich scheinen die meisten das Gefühl zu haben, dass sie etwas verpasst haben, etwas Wichtiges in ihrem Leben vermissen; die Vergangenheit nimmt in ihren Gedanken mehr Raum ein als die Gegenwart. Bedauern ist ein schaler Beigeschmack.

Die Gedanken der Perspektivfiguren drehen sich im immer gleichen Kreise um Liebe und Verlust, Wünsche und Kümmernisse, Wahrheit und Wahnsinn. Virginia Woolf lässt diesen Strom ganz natürlich fließen, da wirkt nichts konstruiert, nichts dramatisiert. Nur feine, ironische Spitzen werden immer wieder spürbar in ihrer Schilderung der britischen Gesellschaft – eine Prise Humor, ein Hauch Verbitterung.

Ich konnte das Buch kaum einmal weglegen, weil ich wissen wollte, ob die Charaktere im Laufe des Tages zu Erkenntnissen über sich selbst und ihr Leben kommen würden, vielleicht sogar etwas daran verändern. Tatsächlich hat der innere Tumult, der sich in den Köpfen abspielt, indes erstaunlich wenige greifbare Auswirkungen – nur einer der Charaktere trifft letztendlich eine drastische und tragische Entscheidung.

Sich treiben lassen im Strom

Was dieses Buch so originell macht und gleichzeitig so fordernd, ist weniger die Handlung als die Erzählweise: „Stream of Consciousness“, Strom des Bewusstseins – eine Technik, die auch James Joyce in seinem epischen Werk „Ulysses“ einsetzte.

Die Prosa bleibt stets ganz nahe dran an den Gedanken des Charakters, aus dessen Sicht wir die Geschehnisse gerade sehen, so gut wie ungefiltert. Das ist nicht immer einfach zu lesen. Da springen die Gedanken schon mal unvermittelt von einem Thema zum nächsten, Worte und Satzfetzen wiederholen sich – aber das hat etwas unwiderstehlich Hypnotisches, entwickelt eine große Sogwirkung. Virginia Woolf zieht dich hinein ins ultimativ Subjektive, lässt dich quasi für einen Moment durch fremde Augen sehen. Ich fand den Schreibstil großartig und einzigartig – hinter scheinbaren Banalitäten verbirgt sich nicht weniger als eine Momentaufnahme der menschlichen Natur.

Fazit

Bird LB

Oberflächlich betrachtet, passiert hier nicht viel: Im Jahr 1923 plant Mrs. Dalloway eine Abendgesellschaft und trifft einen alten Verehrer, ein Kriegsveteran wird in eine Klinik eingewiesen. Im Bewusstseinsstrom der Charaktere spiegelt sich jedoch nicht nur die persönliche Innenwelt, sondern auch die britische Gesellschaft der Zwischenkriegszeit, mit all ihren Anforderungen und Erwartungen.

Vergänglichkeit, Krieg, Isolation, Leiden, Unterdrückung, Geisteskrankheit, Sexualität – da werden existentielle Themen angesprochen, und Virginia Woolf wirft Leser:innen mitten hinein in diesen Malstrom, ungefiltert. Wer sich darauf einlassen kann, sollte diesen Klassiker meines Erachtens unbedingt lesen.

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TitelMrs Dalloway
OriginaltitelMrs Dalloway
Autor(in)Virginia Woolf
Übersetzer(in)Kai Kilian
Verlag*Anaconda (Penguin Randomhouse)
ISBN / ASIN978-3-86647-770-4 (Hardcover)
Seitenzahl*208
Erschienen im*April 2013
Genre*Klassiker
bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
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