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[ Rezension ] Dave Eggers: Die Parade

Dave Eggers: Die Parade

Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir von Netgalley im Auftrag des Verlags zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Die Parade’: Kiepenheuer & Witsch
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

In einem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land ist ein fragiler Frieden eingekehrt. Nun soll eine neue Straße gebaut werden, um den armen Süden mit dem reichen Norden zu verbinden, und zu diesem Zweck wird eine Baugesellschaft aus einem nicht näher benannten Industrieland angeheuert. Diese schickt eine hochmoderne Asphaltiermaschine sowie zwei Straßenbauer, damit schnellstmöglich eine Militärparade auf der neuen Straße stattfinden kann.

Die beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein: Der eine, “Vier” genannt, hält sich penibel an die Regeln, den Blick unerschütterlich auf den nächsten Meter Straße gerichtet, und vermeidet gemäß Firmenpolitik jegliche Interaktion mit der indigenen Bevölkerung. Der andere, “Neun”, lässt seine Pflichten schleifen und vergnügt sich derweil mit exotischem Essen und willigen Frauen, was Vier immer mehr aufbringt und aus der Bahn wirft.

Als Neun lebensbedrohlich erkrankt, droht die Situation vollends zu entgleisen. Und letztendlich müssen sich beide Männer fragen, ob sie der Bevölkerung mit der neuen Straße überhaupt helfen.

Dieser Roman schreit geradezu: ich bin eine Parabel.

Es ist subtropisch in diesem vom Bürgerkrieg geplagten Land, die Lebensbedingungen im armen Süden sind katastrophal. Das Industrieland, das die Maschine und die Straßenbauer geschickt hat, ist hingegen politisch stabil und wohlhabend – und hat Eigeninteressen bei diesem Bauprojekt.

Es geht um Krieg und dessen Nachwehen, es geht um Kriegsverlierer und Kriegsgewinnler. Dieser Grundkonflikt liest sich durchaus greifbar, doch die Details und die daraus entstehende Geschichte wirken seltsam unwirklich und gleichzeitig bestechend hyperreal.

Anonym oder mit rein symbolischen Namen ausgestattet, sind die Charaktere, die beteiligten Länder und die Baufirma wenig mehr als Platzhalter – gerade konkret genug, um den Konflikt der Geschichte tragen zu können, gerade gewichtig genug, um dem Leser 192 Seiten lang als Anker zu dienen.

Reicht das, um nicht nur stumpf zu belehren?

Reicht es, um den Leser wirklich in die Geschichte zu ziehen, ihn gleichzeitig zu unterhalten und seinen Horizont zu erweitern?

Ein weiter Horizont ist jedenfalls einer der ersten Eindrücke des Buches – gesehen aus der klaustrophobischen Enge der Fahrerkabine heraus. Es sind die Gedanken von Vier, die die Geschichte erzählen, und dieser Kontrast von Weite und Enge macht in vielerlei Hinsicht sein ganzes Wesen, sein ganzes Leben aus. Er schaut zwar voraus (räumlich und im übertragenen Sinne), stellt sich vor, was die Straße für die Menschen des Landes bedeuten wird – hinterfragt die politische Situation, die Absichten der Firma und die tatsächlichen Auswirkungen dabei jedoch kaum.

Neun hingegen ist unberechenbar, sprunghaft, genussorientiert, für ihn gibt es scheinbar keinerlei Regeln oder Einschränkungen. Er eilt in der Geschichte so oft außer Sichtweite vorweg, existiert nur noch als Echo eines steten Grolls in den Gedanken von Vier, dass man glauben könnte, Neun sei lediglich dessen personifizierter Kontrapunkt.

Passenderweise ist Vier in der Fahrerkabine an den schnurgeraden Weg der Maschine gebunden, während Neun wild und frei auf dem Motorrad voraus fährt. Bald kristallisiert sich (vorhersehbar) heraus, dass Vier und Neun sehr davon profitieren würden, sich beim jeweils anderen etwas abzuschauen. Gemeinsam ist ihnen ein sonderbarer Optimismus, dass diese Straße das Heil bringen wird.

Beide Charaktere sind so überdeutlich gezeichnet, dass sie zu reinen Sinnbildern, zu Archetypen werden.

Als Leserin konnte ich keinem der beiden zugestehen, hundertprozentig richtig zu handeln, weil sie ihre jeweiligen Lebensmodelle zu kompromisslos ausreizen – und dabei meist blind sind für die großen Fragen, die über ihren persönlichen Horizont hinausgehen.

Ihre übersteigerten Eigenschaften und der Konflikt, der aus dem Zusammenstoß ihrer Persönlichkeiten entsteht, ergeben jedoch einen sehr lebendigen Nährboden, damit der Leser sich genau diese Fragen stellen und ein Stück weit beantworten kann.

Die Sprache ist überwiegend knapp, dicht und sinnorientiert. Insofern entspricht sie genau dem Naturell von Vier und verfällt nur manchmal in erstaunlich altmodische, fast schon blumige Formulierungen. Vielleicht soll es dem Leser zeigen, dass auch hinter Viers rigidem Verhalten ein Mensch mit unerwarteten Eigenheiten und Vorlieben steckt – dass er sich vielleicht doch ein wenig des kindlichen Staunens bewahrt hat, das auch Neun antreibt.

Die Geschichte verläuft so gradlinig wie die Straße – um dann doch mehrmals in unerwarteten Ereignissen auszubrechen.

In diesen Brüchen entlädt sich das ganze Spannungspotential des Romans.

Obwohl ich meist eine gewisse Distanz zu den Ereignissen und Charakteren empfand, verspürte ich doch einen enormen Drang, weiterzulesen und über das Gelesene nachzudenken. Dieser Drang wurde nur selten unterbrochen – nicht einmal in den Passagen, in denen die Handlung sich träge voranwälzt wie die Maschine. Die Stärke des Romans liegt meines Erachtens nicht in der konkreten Handlung von A bis Z, sondern in seinen Denkanstößen.

Das Ende fegt die Erwartungen des Lesers dann gnadenlos vom Tisch.

Das wirkt zunächst wie ein genialer Schachzug, am Schluss blieb für mich jedoch ein bitterer Beigeschmack bei dem Gedanken: ‘Aber das weiß ich doch schon.’

Die neue Situation transportiert eine Botschaft, die man aus Büchern und Filmen kennt, die man sich aus der Realität schon tausendfach hergeleitet hat. So verpufft in meinen Augen ein Teil des Potentials, weil es im Verlauf der Geschichte aufgebaut, aber vom Ende nicht solide getragen wird.

Dennoch: es ist auch so immer noch ein lohnender Roman, der Denkanstöße gibt.

Fazit

Wegbegleiter

Die Charaktere sind Archetypen, die Handlung ist in manchen Abschnitten etwas vorhersehbar. Dennoch ist der Roman sehr interessant und regt zum Nachdenken an, was von einem Ende wie ein Paukenschlag scheinbar gesteigert wird – auch wenn der Leser dann vielleicht feststellt, dass die Botschaft im Endeffekt keine neue ist.

Aber es lohnt sich dennoch, sie noch einmal auf sich wirken zu lassen, daher gebe ich gerne eine Leseempfehlung.

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TitelDie Parade
OriginaltitelThe Parade
Autor(in)Dave Eggers
Übersetzer(in)Ulrike Wasel
Klaus Timmermann
Verlag*Kiepenheuer & Witsch
ISBN / ASIN9783462053579 (Hardcover)
9783462320336 (eBook)
Seitenzahl*192
Erschienen im*April 2020
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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3 thoughts on “[ Rezension ] Dave Eggers: Die Parade

  1. Schönen guten Morgen!

    Eine tolle Rezension die mich sehr neugierig auf das Buch macht – ich hab sie deshalb auch gerne heute in meiner Stöberrunde verlinkt 🙂

    Von Dave Eggers hab ich ja Der Circle gelesen, was ich vom Schreibstil und einigen Details her ja jetzt nicht umwerfend fand, aber die Botschaft dahinter schon sehr eindringlich war. Deshalb interessiert mich das hier auch sehr muss ich sagen – es klingt ziemlich abgefahren und das mag ich ja 😀

    Liebste Grüße, Aleshanee

    1. Hallo Aleshanee,

      den “Circle” will ich ja eigentlich schon ewig lesen… Aber nach dem, was ich so gehört habe, ist der wirklich ganz anders als “Die Parade”, wo alles sehr gradlinig verläuft und sehr sachlich erzählt wird!

      Danke fürs Verlinken,
      LG,
      Mikka

  2. Ahoi Mikka,

    was für eine starke Rezension, deren Aufbau ich zudem genial finde!!
    Ich scheine schon länger nicht mehr hier gewesen zu sein, ich erinnere mich noch an ein ganz anderes Design… *shameonme* aber jetzt kommst du definitiv in meinen Blogroll 🙂

    Liebe Grüße
    Ronja von oceanloveR

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