[ Rezension ] Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns

Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns

#anzeige: Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Die Erfindung des Countdowns’: dtv
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

“Nach dem Ersten Weltkrieg bricht das Zeitalter der Utopien an.
1920 zieht es den jungen Hermann Oberth von Siebenbürgen nach Göttingen, um Physik zu studieren – die spannendste Wissenschaft der Zeit. Hermann will den Menschheitstraum von der Mondrakete verwirklichen. Als der Durchbruch nah ist, weisen seine Professoren ihn ab.

Seine lebenslustige Frau Tilla versucht, einen gemeinsamen Alltag als Familie zu ermöglichen, als doch jemand an Hermanns Forschung glaubt: Wernher von Braun, Mitglied der SS. Doch statt der Mondrakete soll Hermann die V2 mitentwickeln, eine »Vergeltungswaffe« für die Nazis. Seine Kinder Ilse und Julius verliert er an den Krieg. Und so stellt sich ihm und auch Tilla mit voller Wucht die Frage nach der eigenen Verantwortung für die Geschichte.”

(Klappentext)

Auf zum Mond?

Zunächst ein Hinweis: es handelt sich hier um einen semi-biographischen Roman, der auf dem Leben des Physikers Hermann Oberth beruht. Der Autor strafft manche Episoden und interpretiert andere im Sinne der Literatur eher frei, über das Wesentliche gewinnt man jedoch einen guten Überblick.

Hermann wurde 1894 in Siebenbürgen geboren. Zunächst begegnet er dem Leser als hochbegabtes Kind, das mit seinem kompromisslosen Antrieb und seinen leidenschaftlichen Interessen kaum gewürdigt wird.

Der Vater, ein promovierter Arzt, ist sehr darauf versteift, dass allein die Medizin ein würdiges Fach für seinen Ältesten ist. Im Tunnelblick sieht er zwar dessen Intelligenz, nimmt aber nicht wahr, wie außergewöhnlich begabt Hermann in Interessengebieten ist, die kaum Berührungspunkte mit seinen eigenen haben. Hermann soll der Sohn sein, der das berufliche Erbe übernimmt, Punkt.

Hermann hatte mich zunächst ganz auf seiner Seite.

Ich verfolgte gespannt seinen Weg zum Physikstudium, dann seine Irrwege zur Dissertation, seine Pläne und Entwürfe, sein großes Scheitern und seine kleinen Siege, seine Kooperationen mit Fritz Lang und Wernher von Braun…

Ich fieberte geradezu mit bei seinen langjährigen beschwerlichen Versuchen, den unschuldigen Kindheitstraum einer von ihm entworfenen Rakete wahr werden zu lassen – ein langer Sisyphos-Pfad des kontinuierlichen Scheiterns. Immer wieder habe ich mir gedacht: viele hätten genau hier, genau jetzt aufgegeben, aber Hermann kämpft sich mit bewundernswerter Entschlossenheit weiter und weiter und weiter.

Der Weg von der Forschung ins Kriegsgeschehen:

Die Verwendung als Waffe war gewiss nicht Hermanns ursprüngliche Motivation für seine Mondrakete. Doch irgendwann gewinnt der friedliche Kindheitstraum eine politische Komponente – fast schon unvermeidlich in Zeiten des Kriegs. Hermann erfährt das Leid der Soldaten im Ersten Weltkrieg am eigenen Leibe, später muss er (vergeblich) um seinen jüngeren Bruder bangen, und das verändert etwas in ihm.

Bestürzend fand ich, dass Hermann anfängt, über den möglichen Einsatz von Raketen im Krieg nachzudenken, weil er Unrecht und Leiden beenden will. Bestürzend, weil es so naiv und absurd ist, und doch die Grundlage des späteren Wettrüstens.

Ja, wenn man es wirklich ganz nüchtern betrachten könnte, ergäbe es rein theoretisch sogar einen bitteren Sinn: die Menschen leiden, solange der Krieg weitergeht – nur die nicht, die ihn verschuldet haben. Eine Rakete verkürzt dieses Leiden, und womöglich würden sogar mehr Menschen sterben, wenn der Krieg noch Jahre oder gar Jahrzehnte weiter ginge. Aber das Heilmittel ist hier der Tod, da müsste man die ganz konkreten Opfer schon ausblenden und ihren Leben damit jeden Sinn absprechen.

Und Hermann geht diesen Schritt, er lässt seiner Idee Taten folgen.

Als Leser fragt man sich: inwieweit realisiert Hermann das Ausmaß dessen, was er in Gang setzt? Ist ihm klar, was das ganz konkret bedeuten wird und wieviel Schuld er sich damit auflädt?

Tatsache ist: er beteiligt sich am Bau der “Vergeltungswaffe” V2, die durch ihren Einsatz im Zweiten Weltkrieg über 8.000 Menschenleben kosten wird, und bei ihrer Produktion indirekt das Leben von 16.000 bis 20.000 KZ-Häftlingen.

Hier möchte ich einen Kritikpunkt äußern.

Meines Erachtens ist dies die große Schwachstelle des Romans: Hermanns politisches Verständnis bleibt für einen Großteil des Buches ein Rätsel. Hier und dort passiert etwas, woraus man seine Ansichten erahnen oder bis zu einem gewissen Punkt ablesen kann. Doch das überaus wichtige, in seinem Leben doch so zentrale Thema Holocaust wirkt dennoch wie eine Leerstelle, ein gähnendes Loch im Gewebe der Erzählung…

Dass da etwas schwärt, steht außer Frage, doch ist Hermanns Schuld bloß eine der stillschweigenden Duldung aus Ignoranz – oder mehr? Erst gegen Ende, als die Geschichte die Zeit des Zweiten Weltkrieges schon hinter sich gelassen hat, erfährt man Dinge, die im Rückblick ein ganz anderes Licht auf die Ansichten dieses brillanten Sonderlings werfen und unschöne Aspekte seines Denkens enthüllen.

Ein herber Schlag, der unerwartet kommt.

Das Thema der wissenschaftlichen Ethik hätte für mich in diversen Passagen gerne deutlich mehr in den Mittelpunkt gerückt werden können

In meinen Augen wäre die Geschichte schlüssiger und authentischer, hätten die Leser*innen schon viel früher mehr über Hermanns politische Gesinnung und seine Gedanken zum nationalsozialistischen Gedankengut erfahren – jeweils im direkten Bezug der Erzählzeit, nicht aus der hehren Distanz einiger Jahre.

In diesem Leseabschnitt habe ich die Diskrepanz zwischen dem “echten” und dem literarischen Hermann das erste Mal als störend empfunden.

Letztlich kam mir Hermann vor wie einer, der immer wieder gescheitert ist, der von Menschen wie Wernher von Braun nur noch mitgeschleift wurde. Man sieht im Buch kaum echte Erfolge, im Sinne von: hier ist ein ganz konkretes Resultat, ein funktionierendes XYZ. Hermann ist zwischenmenschlich inkompetent und in allem, was er nicht berechnen oder empirisch nachweisen kann, unglaublich blind. Er tat mir lange leid, doch am Schluss hatte ich das Gefühl, ihn nicht wirklich zu kennen.

Hermanns familiäres Leben:

Der Vater drängt relativ am Anfang des Buches darauf, dass Hermann heiratet. Die bald darauf folgende Ehe mit der forschen Tilla dient sicher zumindest zum Teil dazu, den Vater zu beruhigen – damit Hermann sich wieder den in seinen Augen wichtigeren Dingen widmen kann.

Die beiden Eheleute haben so rein gar nichts gemein. Er scheint wenig interessiert an ihr, auch nicht am Sex, die im Laufe der Jahre folgenden vier Kinder sind da fast schon erstaunlich… Was hält Tilla also bei Hermann? Mal erweckt sie den Eindruck, sie müsse Herman wohl sehr lieben und seine Marotten daher tolerieren, dann spricht aus ihren pointierten Bemerkungen wiederum Bitterkeit und Enttäuschung. Vielleicht ist es für sie nicht weniger eine Pflichtehe als für ihn: als selbstbewusste, intelligente Frau hat sie einen Mann gefunden, der sie schalten und walten lässt, ohne sich einzumischen.

So oder so ist Tilla ein großartiger Charakter, vielleicht sogar die stärkste Identifikationsfigur des Romans. Ihre Bemerkungen sind bissig und bringen die Dinge immer haargenau auf den Punkt, was für eine sehr willkommene Prise Humor sorgt – auch wenn Hermann das mangels emotionaler Intelligenz gar nicht mitbekommt.

Dem Schreibstil gelingt (meist) der Balanceakt:

Hermann ist ein Mann von eher sprödem, nüchternem Naturell, und dennoch wirkt der Schreibstil nicht steril oder langweilig. Man kann der Geschichte wunderbar folgen, ohne viel von Physik zu verstehen, obwohl ein gewisses Grundverständnis die Lektüre bestimmt noch interessanter machen würde.

Als Charakter bleibt Hermann hingegen oft etwas blass und wirkt durch seine Fixierung auf die Forschung so emotional distanziert wie schwer zu fassen. Dennoch bin ich froh, mehr über diesen Mann erfahren zu haben, über den heute nur noch wenig gesprochen wird.

Fazit

Daniel Mellem erzählt in seinem semi-biographischen Roman die Geschichte eines gescheiterten Lebens mit deutlich mehr Tiefen als Höhen. Als kleiner Junge wollte Hermann Oberth nur eine Mondrakete bauen, entwickelte später bahnbrechende Theorien und Methoden und widmete sein ganzes Leben der Forschung.

Letztlich wurde er indes immer wieder übergangen und aufs Abstellgleis verbannt. Rückschlag nach Rückschlag nach Rückschlag. Und doch: er schuf als Begründer der wissenschaftlichen Raketentechnik die Grundlagen für so Vieles – ohne ihn wären später wohl einige Entwicklungen nie oder erst sehr viel später möglich geworden.

Der Roman liest sich durchaus interessant und lehrreich. Gegen Ende des Romans erfährt man jedoch Dinge über Hermann, die mich ernüchtert und meinem bisherigen Mitgefühl einen empfindlichen Dämpfer verpasst haben – und die meines Erachtens schon früher hätten zur Sprache kommen müssen, weil sie ein wichtiges Element dessen sind, was Hermann als Mensch ausmacht.

Rezensionen zu diesem Buch bei anderen Blogs

Mit Büchern um die Welt
SL Leselust
AstroLibrium
Lauschige Lesezeit
Bücherweltenwanderer
DieBedra
Fantasyguide
Irve liest
Circlestones Books
Aufklappen
Lieslos!
Buchsichten

Empfehlungen aus dem gleichen Genre

Uwe Timm: Morenga
Norbert Scheuer: Winterbienen
Felix Weber: Staub zu Staub

TitelDie Erfindung des Countdowns
Originaltitel
Autor(in)Daniel Mellem
Übersetzer(in)
Verlag*dtv
ISBN / ASIN978-3-423-43767-7 (eBook)
978-3-423-28238-3 (Hardcover)
978-3-7424-1703-9 (Hörbuch)
Seitenzahl*288
Erschienen im*September 2020
Genre*Zeitgeschichtliches
bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

Die folgenden Links kennzeichne ich gemäß § 2 Nr. 5 TMG als Werbung :

Das Buch auf der Seite des Verlags
Das eBook auf der Seite des Verlags
Das Hörbuch auf der Seite des Verlags

Sei der Erste, der diesen Beitrag teilt:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*