#Lesetagebuch Kalenderwoche 10 2022

Lesetagebuch

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Zuletzt rezensiert

Thomas Arzt: Die Gegenstimme

Thomas Arzt: Die Gegenstimme

Wir befinden uns im April 1938. In Österreich soll eine Volksabstimmung nachträglich den Anschluss ans Nazi-Regime legitimieren – inszeniert, durchgeplant, mit Demokratie hat das nichts mehr zu tun. Eine Welle der Propaganda und Verblendung überflutet das Land; wer dagegen ist, hält aus Angst meist den Mund. In einem kleinen Dorf herrscht am Wahltag eine perverse Festtagsstimmung: Die eine jubelt im Hitler-Wahn, der andere ersäuft sein Gewissen im Schnaps. Nur Karl, der Sohn des Schusters, kehrt extra heim aus Innsbruck, wo er studiert, um seine Gegenstimme abzugeben.

Das kleine Dorf wird zum Brennglas für diesen Teil der deutsch-österreichischen Geschichte. In kleinem Rahmen zeigt sich die gesamte Bandbreite der menschlichen Fehlbarkeit, der menschlichen Hoffnung, des menschlichen Mutes – auch wenn letzterer eher durch ein verzweifeltes Aufbäumen als durch strahlende Heldentaten Ausdruck findet. Das ist schlüssig und spannend, regt zum Nachdenken an und überzeugt auch sprachlich durch eine gekonnte Mischung aus Hochdeutsch und Dialekt.

[ Meine ganze Rezension zu “Die Gegenstimme” ]

Zuletzt beendet

(Rezension folgt noch)

Lola Randl: Der große Garten

Lola Randl: Der große Garten

Das Buch muss ich noch ein wenig sacken lassen. Viele der kurzen Kapitel sind auf schlichte Art ungemein charmant und sprühen vor feinem Humor, andere entpuppen sich als wahre Schatzkästchen des Gartenwissens. Blumen, Gemüse, Setzlinge, Schädlinge, verschiedene Bodenarten – für jemanden, der (wie ich) keinerlei Ahnung von Gartenbau hat, sind das böhmische Dörfer. Zwischendurch beschlich mich immer wieder der Gedanke, dass dieser Teil des Buches an mich verschwendet war – oder dass diese Kapitel sich womöglich besser als Teil der Gartenkolumne einer Tageszeitung eignen würden.

Gott sei Dank ranken sie sich verspielt um die Menschen herum, die Lola Randl zu Wort kommen lässt: Da ist die Ich-Erzählerin (Lola Randl selber?), die keine Ahnung hat vom Landleben, aber zurückwill zur Natur. Jedenfalls irgendwie. Da sind ihr Mann und ihr Liebhaber – und ihr Analytiker, der irgendwie ebenfalls ihr Liebhaber ist, und die alte Künstlerin, deren Liebhaberin sie manchmal gerne wäre. Und ihre Therapeutin, die nicht mehr weiterweiß. Da ist ein altes Ehepaar, das Herzblut in die Bestellung von Saatgut steckt und sich jetzt damit auseinandersetzen muss, dass er zum Pflegefall wird. Dann gibt es noch die jungen Japanerinnen, die wieder alle Erwartung sehr viel Erfolg damit haben, mitten in der Uckermark ein japanisches Café aufzuziehen. Und, nicht zu vergessen, da ist die Kommune, die der Liebhaber aus Versehen beherbergt – inklusive seines selbsterklärten Sklaven, der die Freiheit darin sucht, keine Entscheidungen treffen zu müssen.

Alles klar so weit?

Aktuelle Lektüre

Dreams and the Ways to Direct Them

Léon d’Hervey de Saint-Denys: Dreams and the Ways to Direct Them

Da muss ich erst eine Infobox einschieben:

Klartraum, auch “Lucid Dream” genannt: ein Traum, in dem sich di:er Träumer:in bewusst wird, dass si:er träumt. Das kann mit mehr oder weniger Kontrolle über den Verlauf des Traums einhergehen. Das Phänomen wurde schon in den 70ern wissenschaftlich bewiesen und erklärt; an der Gehirnaktivität lässt sich nachweisen, ob sich jemand im bewussten oder im unbewussten Traumschlaf befindet. Die Fähigkeit zum Klarträumen kann als natürliche Veranlagung auftreten, lässt sich aber auch trainieren und für verschiedene Zwecke einsetzen. So trainieren manche Spitzensportler zum Beispiel im Klartraum Bewegungsabläufe!

[LINK: Artikel aus der “FIT FOR FUN”] Luzides Träumen: So verbesserst du mit Klarträumen deine Leistung

Vor ein paar Monaten erst ist es Wissenschaftlern im Schlaflabor gelungen, über eine Art Morsecode mit Menschen zu kommunizieren, während diese träumten! Man darf jetzt aber nicht hingehen und zum Beispiel glauben, dass alles möglich ist, was im Film “Inception” gezeigt wird – das ist Science Fiction, vieles wurde übertrieben, um es kinotauglicher zu machen! (Nein, es ist bis dato NICHT möglich, dass mehrere Menschen einen gemeinschaftlichen Traum träumen.) Manches hat aber durchaus Basis in der Realität.

Ich bin Klarträumerin.

Nein, nicht jede Nacht. Meist auch nicht jede Woche. Manchmal habe ich mehrere Klarträume im Monat, dann gibt es monatelange Durststrecken. Den letzten hatte ich am 4. Februar. Aber ich beschäftige mich eigentlich immer mit dem Thema Klartraum, weil ich es so faszinierend finde. Und da kommt dieses Buch ins Spiel, denn es ist wahrscheinlich das erste Buch, das jemals über das Klarträumen geschrieben wurde! (Leider kann ich es nicht im französischen Original lesen, mein Schulfranzösisch ist dem nicht gewachsen.)

Saint-Denys lebte im 19. Jahrhundert und begann schon als Kind damit, seine Träume aufzuschreiben und geradezu wissenschaftlich zu analysieren. Damals war das Klarträumen noch vollkommen unbekannt; es gab keine Techniken, geschweige denn Anleitungen. Aber durch die ständige Beschäftigung mit seinen Träumen wurde er immer öfter im Traum “klar” und versuchte, herauszufinden, was da vor sich ging. Er entwickelte und erprobte Möglichkeiten der Traumkontrolle, und als er älter wurde, suchte er in den Erkenntnissen der wenigen Schlafforscher seiner Zeit nach Erklärungen. Erstaunt musste er feststellen, dass nicht ein einziger dieser Wissenschaftler sich mit dem Thema befasst hatte – oder auch nur zu wissen schien, dass es so etwas gab.

Je m’incline devant vous, Marquis!

Ich habe erst wenige Kapitel gelesen, aber ich bin immens beeindruckt von seinem klaren Verstand und seinem Forschergeist. Was muss es für eine Disziplin erfordert haben, als einsamer Pionier ein komplett neues Gebiet zu erforschen! Oft vergesse ich fast, wann er lebte, so modern lesen sich seine Ansichten. Er erliegt nie der Versuchung, übernatürliche Erklärungen zu akzeptieren, sondern sagt stets: Noch lässt sich dies nicht wissenschaftlich erklären; vielleicht wird diese Erklärung auch nicht mehr zu meinen Lebzeiten gefunden werden. Aber die Wissenschaft WIRD irgendwann so weit sein, denn es ist real und muss daher eine natürliche Ursache haben. Tatsächlich erlebte Saint-Denys es nicht mehr, dass viele seiner Theorien bewiesen wurden.

Es sind nicht nur heutige Klartraumforscher, die sich vor Saint-Deny verneigen – selbst Sigmund Freud bezog sich in seinem Werk “Die Traumdeutung” auf ihn.

Übrigens war Saint-Denys “nebenher” auch noch Professor für Chinesisch und übersetzte Werke aus dem Chinesischen ins Französische. (Stufe 1) Manche dieser Übersetzungen wurden später von Kunstjournalist Hans Heilmanns ins Deutsche übertragen (Stufe 2), und der Dichter Hans Bethge dichtete einige dieser Übersetzungen für seine Gedichtsammlung “Die chinesische Flöte” um (Stufe 3). Diese Gedichte flossen wiederum in den symphonischen Liederzyklus “Das Lied von der Erde” des Komponisten Gustav Mahler ein (Stufe 4). So gelangten Gedichte aus dem China der Tang-Zeit über einen französischen Dichter des 19. Jahrhunderts ins Werk eines österreichischen Komponisten. Die Welt ist klein.

Nachdem ich im Februar nur EIN Buch gelesen und nur EINEN Blogbeitrag geschrieben habe, gelobe ich Besserung!

Ein Grund, warum ich zurzeit so wenig zum Lesen komme, ist tatsächlich, dass ich ein Buch des verstorbenen deutschen Klartraumpioniers Paul Tholey ins Englische übersetze. Unterstützt werde ich dabei von seinem Freund, Schüler und Co-Autor Kaleb Utrecht. Tatsächlich hat Paul einiges schon vor den Schlafforschern Keith Hearne und Stephen LaBerge, die als diejenigen gelten, die das Klarträumen bewiesen haben, erforscht. Wir hoffen, dass wir Paul posthum ein wenig Anerkennung verschaffen können, indem wir sein Buch einem internationalen Publikum zugänglich machen!

Aber da wir dabei ja keinen Zeitdruck haben, werde ich versuchen, wieder mehr Lese- und Blogzeit einzulegen.

Kategorie: Lesetagebuch

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