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[ Rezension ] “Sag den Wölfen, ich bin zu Hause” von Carol Rifka Brunt

Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

| Handlung |


Manche Verluste sind so schwer, dass sie nicht wiedergutzumachen sind. So geht es June Elbus, als ihr Onkel Finn stirbt, der Mensch, mit dem sie sich blind verstand, der ihr alles bedeutete. Doch mit ihrer Trauer ist sie nicht allein. Schon bald nach der Beerdigung stellt June fest, dass sie sich die Erinnerung an Finn teilen muss – mit jemandem, der sie mit einer schmerzhaften Wahrheit konfrontiert. Der sie aber auch lehrt, dass gegen die Bitternisse des Lebens ein Kraut gewachsen ist: Freundschaft und Mitgefühl.
(Klappentext)


| Meine Meinung |


Es gibt Romane, in denen geht man so rettungslos verloren, dass man eine grundlegende Tatsache vergisst: die Charaktere sind nicht mehr und nicht weniger als das – nur Charaktere, in Worte gepresste Fiktion.

Der Verstand weiß natürlich, dass sie genauso wenig ‘echt’ sind wie ihre Emotionen, aber das Herz spürt dennoch den Widerhall erdachten Glücks und erdachten Leids, wie Vibrationen einer tief tönenden Glocke.

Ich habe mitgefiebert, mitgelitten, mitgehofft, mitgetrauert. Ich habe mich über Ungerechtigkeiten empört. Und ja, ich habe geweint. Bitterlich. Untröstlich. Wenn ich jetzt an bestimmte Szenen denke, spüre ich immer noch das heiße Brennen hinter den Augen.

Wenn eine fiktive Geschichte dermaßen starke Emotionen beim Leser auslöst, dann sind diese mehr als fiktiv – dann nimmt man etwas mit in sein Leben, das bleibt. 

Vor allem aber habe ich das Buch geliebt, weil es so unglaublich authentisch ist. Die Emotionen, die es erzeugt, erzeugt es nicht durch billige Effekthascherei. Es drückt nicht mit kitschigem Pathos auf die Tränendrüsen – die Szene, die mich am meisten mitgenommen hat, wird in ruhiger, fast schon schlichter Sprache erzählt.

Auch, wenn das Buch manchmal wehtut, ich würde es nicht umschreiben wollen. So, wie es ist, ist es für mich perfekt.

Obwohl es auf den ersten Blick hauptsächlich um Trauer geht, kristallisieren sich nach und nach andere Themen heraus:Vergebung. Freundschaft. Familienzusammenhalt.  Nicht nur für June und ihre Schwester Greta ist es ein Entwicklungsroman, auch die Erwachsenen in ihrem Leben müssen wachsen an dem, was sie erleben. Fast jeder muss Dinge loslassen und sich in anderen Dingen neu erfinden

Und es geht um Aids, denn die Geschichte spielt zu einer Zeit, als man noch kaum etwas darüber wusste. Ich kann mich an diese Zeit erinnern: es gab keine wirksamen Medikamente, die Menschen waren verunsichert, viele glaubten, man könne sich schon durch einen Händedruck anstecken… Manche waren sogar der Ansicht, die Krankheit sei die ‘gerechte Strafe’ für Homosexuelle.

“…bevor ich mich versah, hatte sie den Mistelzweig hervorgeholt und hielt ihn mit einer Hand hoch. Sie zog damit einen Bogen über unsere Köpfe, als schneide sie die Luft, als halte sie mehr in der Hand als ein Stückchen Ast aus Weihnachtsgrün und Beeren. Finn und ich blickten beide nach oben, und mein Herz zog sich zusammen. Für einen kurzen Augenblick, der vielleicht so lange währte wie ein Sandkorn im Stundenglas oder ein Tropfen in einem undichten Wasserhahn, trafen sich unsere Blicke, und Finn, mein Onkel Finn, durchschaute mich – zack – einfach so. In diesem winzigen Sekundenbruchteil erkannte er, dass ich Angst hatte, und er senkte meinen Kopf leicht nach unten und küssste mich mit einer so sanften Berührung auf den Scheitel, dass es sich eher anfühlte wie ein landender Schmetterling.” 

Die Charaktere zeigen mehr und mehr eine große Tiefe. Die Geschichte wird aus Sicht der 14-jährigen June erzählt, die einen erstaunlich feinen Blick auf das Leben hat. In glasklaren Worten erklärt sie sich im Grunde selber ihre Welt, und das liest sich mal poetisch, mal spannend. 

Junes Schwester Greta und die Mutter der Mädchen machen es dem Leser manchmal nicht leicht. Ich habe mehr als einmal wütend umgeblättert, aber je besser June ihre Beweggründe versteht, desto deutlicher konnte ich  sie nachvollziehen. Die Fassade bricht nach und nach auf, und dahinter zeigen sich alte emotionale Wunden und verletzte Einsamkeit.

Auch, wenn es nach einem Klischee klingt: ich konnte das Buch kaum weglegen. Manchmal hätte ich mir gewünscht, in die Geschichte eingreifen oder die Zeit für die Charaktere zurückdrehen zu können. Für ein paar Stunden waren diese mehr für mich als Zeichen auf Papier – und sogar jetzt ertappe ich mich bei dem Gefühl, Freunde zu vermissen.


| Fazit |


Die 14-jährige June liebt ihren Onkel Finn – mehr, als eine Nichte ihren Onkel lieben sollte, sie versucht jedoch, sich das nicht anmerken zu lassen. Aber Finn hat Aids, und als er stirbt, fühlt June sich vollkommen verloren mit ihrer Trauer; keiner scheint zu verstehen, wie tief Finns Tod sie erschüttert hat. Und der eine Mensch, dem es genauso geht, wird von ihrer Familie gehasst…

Coming of Age, Familienroman, ein Buch über Trauer, Freundschaft und Liebe. Dieser Debütroman ist einiges, vor allem aber zutiefst bewegend und bittersüß.


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Wertung5 von 5 Sternen
TitelSag den Wölfen, ich bin zu Hause
OriginaltitelTell the wolves I’m home
Autor(in)Carol Rifka Brunt
Übersetzer(in)Frauke Brodd
Verlag*Eisele
Seitenzahl*448
Erschienen am*23. Februar 2018
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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4 thoughts on “[ Rezension ] “Sag den Wölfen, ich bin zu Hause” von Carol Rifka Brunt

  1. Schon Deine Rezension reißt einen förmlich mit, wenn sie die Wirkung des Buches auf Dich beschreibt. Das klingt mach einem wirklich intensiven Leseerlebnis und hat mich sehr neugierig gemacht.

    LG Gabi

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