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[ Rezension ] James Baldwin: Von dieser Welt

James Baldwin Von dieser Welt

© Cover ‘James Baldwin Von dieser Welt’: dtv
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

“John Grimes ist ein schwarzer, empfindsamer Junge aus Harlem, sexuell unschlüssig, seine einzige Waffe zur Selbstverteidigung ist sein Verstand. Aber was nützt es, von den weißen Lehrern gefördert zu werden, wenn der eigene Vater einem tagtäglich predigt, man sei hässlich und wertlos, solange man sich nicht von der Kirche retten lässt. John sehnt sich danach, selbst über sein Schicksal zu entscheiden, nicht sein Vater, den er trotz allem liebt, nicht ein Gott, den er trotz allem sucht. Als am Tag von Johns vierzehntem Geburtstag sein Bruder Roy von Messerstichen schwer verletzt nach Hause kommt, wagt John einen mutigen Schritt, der nicht nur sein eigenes Leben verändern wird. “

(Klappentext)

Go tell it on the mountain

James Baldwin war eine ungemein wichtige Stimme in der schwarzen Freiheitsbewegung in den USA: er demonstrierte mit Martin Luther King und unterstützte ihn in seiner Forderung nach dem Ende der Rassendiskriminierung, er debattierte mit Malcolm X über die Schwarze Revolution und kritisierte bei aller Bewunderung seinen Separatismus. In “Von dieser Welt” hört man das vielstimmige Echo dieser Zeit, spürt das Streben nach einem besseren, gerechteren, selbstbestimmterem Leben für Schwarze.

Dieser semi-autobiographische Roman wurde erstmals 1953 veröffentlicht. Wie andere Werke von Baldwin erfuhr es nun eine zutiefst verdiente Neuübersetzung – und liest sich kein bisschen verstaubt.

Die Kernhandlung spielt sich im Laufe eines einzigen Tages ab, an dem John Grimes, der Protagonist der Geschichte, vierzehn Jahre alt wird. In seinen Erlebnissen in dieser kurzen Zeit spiegeln sich drei grundlegende Konflikte wieder:

Der offensichtlichste Konflikt ist sein problematisches Verhältnis zu seinem Vater Gabriel.

Gabriel ist Prediger, was ihn jedoch nicht davon abhält, seine Frau und Kinder brutal zu schlagen. Er ist zornig, selbstherrlich und bigott, und dennoch sehnt John sich nach seiner Anerkennung. Obwohl John im Grunde genau der Sohn ist, den Gabriel sich wünscht – intelligent, fleißig und respektvoll –, wird er von seinem Vater jedoch geradezu gehasst. Dieser bevorzugt deutlich Johns Bruder Roy.

Dafür gibt es einen konkreten Grund: John ist nicht Gabriels leiblicher Sohn, was John jedoch nicht bewusst ist. Er muss daher davon ausgehen, dass die Ablehnung in seiner Persönlichkeit, seinem Wesen begründet liegt – eine tiefgehende Verwundung in der Entwicklung eines Jungen im Teenageralter.

Ein weiterer Konflikt dreht sich um Johns religiöse Krise und seine Suche nach einem Weg zur religiösen Selbstbestimmung.

Seine religiöse Erfahrung findet in einer sogenannten Hinterzimmerkirche in Harlem statt, wo Glaube eine rauschhafte, überwältigende Erfahrung ist. Gläubige geraten bei den Predigten seines Vaters in Ekstase, stürzen zu Boden, sprechen in Zungen, haben Visionen. Die Religion bietet Hoffnung und Trost, sie erscheint die einzig mögliche Erlösung in einer Welt, die von Weißen bestimmt wird – und dennoch macht Baldwin deutlich: sie ist auch ein Instrument der Unterdrückung. Der religiöse Wahn legt die Menschen in unsichtbare Ketten, dabei entwickelte sich die schwarze Kirche in den USA aus einem Wunsch nach Freiheit und der Entwicklung einer eigenen Identität heraus. Aus vermeintlicher Macht wird Ohnmacht.

Gabriel ist quasi die Personifizierung der Religion als Mittel der Gewalt, was in der Gewalt, die er selber erfahren hat, begründet liegt.

Diese Art von Glauben lässt wenig Raum für andere Dinge, weswegen John sehr damit hadert. Er will mehr vom Leben, und er erkennt die Schwierigkeit darin, dass mit seiner Religion zu in Einklang zu bringen.

Hier eröffnet sich auch ein Konflikt, der nur angedeutet wird: John hegt starke Gefühle für Elisha, einen älterem Jungen, der in der Kirche aushilft. Ausgesprochen wird es nicht, möglicherweise ist es John nicht einmal bewusst, aber da schwingt auf jeden Fall eine romantische oder sogar sexuelle Anziehung mit – ein deutlich autobiographisches Element, da auch Baldwin als schwuler Teenager in Harlem aufwuchs.

Der umfassendste Konflikt liegt jedoch in der Tatsache, dass John als schwarzer Jugendlicher in einem System lebt, das von Weißen bestimmt wird.

Der Rassismus ist allgegenwärtig, auch wenn John selber das noch nicht vollends erkennt. Er ist nicht Ausnahme, er ist Alltag; er ist so grundlegend präsent in jedem Aspekt des Lebens, dass das Buch es nur selten direkt aussprechen muss. Man merkt auch so, dass sich vieles zurückführen lässt auf den Rassismus: Gabriels Zorn und Gewalttätigkeit, die Macht der schwarzen Kirchengemeinden über ihre Gläubigen.

In Rückblenden erfährt man einiges über die Lebensgeschichten von Florence, Gabriel und Elizabeth, Tante, Vater und Mutter von John. Ihre Schicksale sind geprägt von Rassismus, Gewalt und Hass, was sich in Johns Gegenwart widerspiegelt und die Wurzel seiner Konflikte ist. Die Sklaverei ist in seiner Familie nur zwei Generationen entfernt.

In prägnanten Szenen, in knappen Momentaufnahmen im Leben seiner Charaktere, spricht Baldwin Bände.

Ein kurzer Moment wird zum Symbol für eine schwarze Lebenswirklichkeit, und man spürt, dass Baldwin diese Wirklichkeit selber gelebt hat. Passend zur religiösen Thematik ist die Sprache oft durchdrungen vom Duktus der Bibel, ohne dabei ihren eigenen Klang zu verlieren. Das Buch ist spürbar authentisch, sogar für den Leser, dessen Leben nur wenige Berührungspunkte mit dem Leben des Protagonisten hat.

Was in der Übersetzung unweigerlich ein wenig verlorengeht ist der schwarze Slang, dennoch gibt die Übersetzung die Sprachmelodie und den grundlegenden Tonfall Baldwins gut wieder.

Fazit

Der Roman hat auch 65 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nichts an Aktualität und Relevanz verloren.

Baldwin erzählt die Geschichte eines einzigen Tages im Leben eines schwarzen Jugendlichen im Harlem der 30er Jahre und in Rückblicken die Geschichten seiner Mutter, seines Vaters und seiner Tante. Zentrale Themen sind die Identitätsfindung des 14-Jährigen, seine zwiespältige religiöse Erfahrung in der schwarzen Hinterzimmerkirche, in der sein Stiefvater predigt, sein schwieriges, von Gewalt geprägtes Verhältnis zu diesem Mann – und unter all diesen Konflikten unterschwellig immer der Rassismus.

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TitelVon dieser Welt
OriginaltitelGo tell it on the mountains
Autor(in)James Baldwin
Übersetzer(in)Miriam Mandelkow
Verlag*dtv
ISBN*9783423281539
Seitenzahl*320
Erschienen im*März 2018
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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3 thoughts on “[ Rezension ] James Baldwin: Von dieser Welt

  1. Hallo Mikka,
    das Buch kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich habe keine Ahnung, wo es mir schon begegnet sein könnte.
    Deine Rezension hat mir sehr gut gefallen und mich neugierig auf das Buch gemacht. Das wandert auf jeden Fall auf meine Wunschliste.

    Liebe Grüße
    Julia

    1. Hallo Julia,

      die Originalausgabe des Buches ist schon ziemlich alt, und in den 80ern ist es auch mal verfilmt worden. Hast du den Film vielleicht gesehen?

      LG,
      Mikka

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