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[ Rezension ] Florian Scheibe: Kollisionen

Florian Scheibe Kollisionen

© Titelbild ‘Florian Scheibe: Kollisionen’: Verlag Klett-Cotta
© Foto: A.M. Gottstein


Handlung

“Carina und ihr Partner, der Journalist Tom, wohnen in einer Dachgeschosswohnung mit Blick über die Stadt. Dass der Park vor ihrer Haustür nicht der sauberste ist, stört sie genauso wenig wie die unmittelbare Nähe zur Drogenszene. Dort, unter der Hochbahn, lebt die sechzehnjährige Mona, seit sie von zu Hause abgehauen ist. Normalerweise gibt es zwischen beiden Welten nur wenige Berührungspunkte, doch nun werden sie auf schicksalhafte Weise zusammengeworfen: Denn während sich Carina und Tom seit Langem vergeblich ein Kind wünschen, ist Mona ungewollt schwanger … Scharfsichtig erzählt Florian Scheibe vom Zusammenprall sozialer Gegensätze, ohne dabei das Gespür für die inneren Nöte seiner Figuren zu verlieren. Mit einem Sinn für die bisweilen absurde Komik menschlichen Strebens entwirft er einen schillernden Gesellschaftsroman über die Konflikte unserer Gegenwart.”
(Klappentext)

Florian Scheibe: Kollisionen

Meine Meinung

Zitat:
“Erst trügerische Schwerelosigkeit: Schweben, In-der-Luft-Liegen, getragen vom Adrenalin. Dann der Aufprall: Wie ein Lappen, der in einer schnellen Bewegung über einen verkrümelten Frühstückstisch gezogen wird, schrammte sie mit ihrem Sommerkleid über die Straße, und ihre Haut griff willig nach dem winzigen Splitt der den Asphalt bedeckte.”

Kollisionen.

Zusammenprall. Zwietracht. Zwist. Zerwürfnis. Aufprall.

Der Titel des Buches und die Überschriften der fünf Teile der Geschichte lassen das Konfliktpotential bereits erahnen. Hier prallt einiges aufeinander: verschiedene Lebensentwürfe, soziale Schichten, Generationen. Und wie das so ist bei heftigen Kollisionen, geht dabei einiges zu Bruch.

Carina und Tom sind ein Paar wie aus einer Hochglanzbroschüre.

Jung, dynamisch, erfolgreich, inklusive schicker Loftwohnung mit atemberaubendem Blick über die Stadt. Ihr Leben könnte perfekter kaum sein – wäre da nicht der unerfüllte Kinderwunsch, der zunächst dazu führt, dass Sex zur Pflichterfüllung nach Zeitplan wird, dann zur klinisch sterilen Prozedur in der Kinderwunsch-Klinik.

An Mona hingegen ist nichts Hochglanz.

Sie ist 16, drogensüchtig und schwanger, lebt von Schuss zu Schuss. Das Kind war (natürlich) weder geplant noch erwünscht. Sie bewegt sich im Drogenmilieu, das paradoxerweise direkt vor Carinas und Toms Haustür liegt; das Viertel erobert sich durch Gentrifizierung mehr und mehr Wohnraum für wohlhabende Erfolgsmenschen, noch wurden die Dealer und Junkies jedoch nicht vertrieben.

Monas Leben kollidiert im wahrsten Sinne mit dem von Carina, als diese Mona mit dem Fahrrad umfährt – und das Mädchen wutentbrannt ins Gesicht schlägt, als sie den Babybauch bemerkt.

An dieser Stelle glaubt man als Leser vielleicht, man wisse, wie die Geschichte ausgehen wird.

Man kann das Happy End für alle Beteiligten schon am Horizont sehen.

Aber so einfach macht es der Autor sich und dem Leser nicht. Er erzählt seine Geschichte in zunehmend rascher wechselnden Perspektiven, die sich gelegentlich überlappen, und spielt dabei mit den Erwartungen des Lesers. Auch hier: Kollisionen.

Während die Probleme von Mona so offensichtlich sind, dass sie einem quasi ins Gesicht schreien – sie braucht Nahrung, eine Wohnung, Unterstützung für ihr Baby, Hilfe bei ihrem Kampf gegen die Drogen –, sind die Konflikte von Carina und Tom wie feine Risse in ihrem Selbstbild, die sich immer weiter ausbreiten, bis alles zersplittert und auseinander bricht.

Das Ende ist dann so unerwartet wie konsequent.

Die Geschichte entwickelt einen unwiderstehlichen Spannungsbogen – obwohl ‘Bogen’ vielleicht das falsche Wort ist. Die Spannung setzt sich zusammen aus vielen kleinen und großen Konflikten, Katastrophen und fatalen Entscheidungen. Ein Spannungsmosaik, vielleicht. Ein Spannungspuzzle.

Ich war begeistert von “Kollisionen”. Nur manchmal schlich sich nach meinem Empfinden ein Misston ein, wenn die Geschichte dann doch in Klischees verfällt: Der frustrierte Tom, der sich entmannt fühlt von seiner Unfruchtbarkeit, wird bezirzt von der blutjungen Praktikantin Soph. Mona kommt aus einer reichen Familie, wurde von einer emotional kalten Mutter aber in die Drogensucht getrieben.

Aber abgesehen von diesen kleinen Misstönen sind die Charaktere wunderbar gezeichnet.

Sie sind nicht immer sympathisch, aber immer glaubhaft und authentisch. Ich konnte ihre Wünsche und Ängste nachvollziehen und ihr Verhalten verstehen, selbst wenn ich ihre Entscheidungen nicht für die besten hielt. Am Schluss, wenn alle Beteiligten ihr Leben aus den Scherben wieder zusammensetzen, sind sie veränderte Menschen mit drastisch veränderten Lebensstilen. Von außen betrachtet vielleicht beschädigt, aber auch gewachsen an ihren persönlichen Kollisionen.

Was die einzelnen Splitter der Geschichte zusammenhält ist der Schreibstil.

Denn der ist grandios: bildgewaltig findet er die ungewöhnlichsten, gewagtesten Metaphern, selbst für das Alltägliche oder gar Profane. Manchmal ist das vielleicht ein wenig zu viel, ein kleines bisschen bemüht, aber meist macht er in meinen Augen aus diesem Buch ein literarisches Kleinod.

Fazit

Lebenswelten prallen aufeinander: Carina und Tom sind erfolgreich, wohlhabend und leiden unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Mona ist 16, drogensüchtig und schwanger. Das Happy End scheint offensichtlich, doch der Autor erzählt seine Geschichte jenseits des Offensichtlichen – in großen und kleinen, inneren und nach außen getragenen Konflikten.

Ich habe das Buch an nur zwei Abenden gelesen und  war sehr angetan von den rund geschriebenen Charakteren und vor allem dem außergewöhnlichen Schreibstil.

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Wertung 90 Prozent

TitelKollisionen
Originaltitel
Autor(in)Florian Scheibe
Übersetzer(in)
Verlag*Klett-Cotta
ISBN*3608980318
978-3608980318
Seitenzahl*377
Erschienen am*27. August 2016
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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3 thoughts on “[ Rezension ] Florian Scheibe: Kollisionen

  1. Hallo Mikka,
    da hat der jeweils andere etwas, was man selber nicht hat – und allen geht es nicht gut. Sehr spannend rezensiert, wobei ich mich frage, was das offensichtliche Happy-End wäre..
    Liebe Grüße
    Daniela

    PS: Irgendwie hatte ich deinen neuen Blog falsch abgespeichert, deshalb war ich so lang nicht mehr auf Besuch. Ich hoffe, es geht dir gut?

    1. Hallo Daniela,

      wenn ich dir sage, was für mich das offensichtliche Happy End gewesen wäre, dann würde ich dich vielleicht spoilern! 😉

      Schön, dich wieder hier zu sehen! Mir geht es soweit wieder ganz gut, nachdem das Jahr 2018 für mich bisher eine ziemliche Achterbahnfahrt war. Ich habe vor kurzem aus gesundheitlichen Gründen aufgehört, zu arbeiten, und jetzt muss ich mich erstmal daran gewöhnen, dass ich mit 42 Jahren quasi Rentnerin bin. (Der Antrag auf Frührente steht noch aus.) Ich hoffe, bei dir ist alles ok?

      LG,
      Mikka

      1. Hi Mikka,
        ja, soweit alles im üblichen Bereich.
        Ich hoffe, dass die Frührente komplikationsfrei durchgeht. Geld ist zwar nicht alles, aber eine gewisse finanzielle Sicherheit erleichtert vieles. Auch wenn es nicht viel sein mag, aber die Gewissheit, nicht um sein Geld kämpfen zu müssen, das ist so viel Wert…

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