Rezensionen

[ Rezension ] “Dunkel Land” von Roxann Hill


| Handlung |


Gut Wuthenow, ein altehrwürdiges Anwesen im Havelland; hier soll sich Verena Hofer die nächsten drei Monate um den Neffen der Hausherrin kümmern. Überrascht stellt sie fest, dass ihr Schützling der geniale wie arrogante Dr. Carl von Wuthenow ist. Der Kriminalist wurde erst kürzlich angeschossen und leidet seitdem unter Störungen des Kurzzeitgedächtnisses. Carl lehnt den Plan seiner Tante strikt ab. Verena, die das Geld dringend braucht, geht einen Deal mit ihm ein: Er lässt sie ihren Job machen, sie hilft ihm bei der Ermittlungsarbeit. Und schon ihr erster Fall hat es in sich: Eine übel zugerichtete Leiche wird auf einem Berliner Bauplatz gefunden und die Spuren weisen in die rechte Szene …
(Klappentext)


| Meine Meinung |


Manchmal liest man den Klappentext und weiß direkt, wie das Buch ausgehen wird.

Ehrlich, ich war mir so sicher, wie sich die Dinge hier entwickeln würden – hätte unser Krimi-Lesekreis das Buch nicht für den Monat ausgewählt, hätte ich womöglich nicht danach gegriffen. Mir schwante da was von übereilter Liebesgeschichte und dem ein oder anderen Klischee…

Tja.

Manchmal liest man den Klappentext und liegt einfach komplett daneben.

Das Buch hat mich auf jeden Fall damit überrascht, dass es viel origineller und interessanter konstruiert ist, als ich erwartet hätte. Was hier wirklich großartig funktioniert, ist die Zusammenarbeit der beiden sehr gegensätzlichen Protagonisten:

Kriminalist Carl von Wuthenow leidet an einer besonders perfiden Art von Amnesie, was bedeutet, dass er immer wieder alles vergisst, was in den letzten Monaten passiert ist, und das macht seine Arbeit nicht unbedingt leichter (obwohl er sich ausgeklügelter Bewältigungsstrategien bedient). Literaturwissenschaftlerin Verena Hofer hingegen war der Meinung, ihr Sommerjob würde darin bestehen, einen 12-jährigen Jungen zu fördern, und mit Mord und Totschlag hat sie keinerlei Erfahrung und auch nicht unbedingt das Bedürfnis, das zu ändern.

Auch vom Wesen her erscheinen sie zunächst wie Feuer und Wasser: während Carl nicht immer der umgänglichste aller Menschen ist, ist Verena sehr einfühlsam und hat viel natürliches Taktgefühl. Intelligent sind sie allerdings beide mehr als genug, und so stellen sie bald fest, dass ihre Zusammenarbeit erstaunlich gut funktioniert, auch wenn die ein oder andere Situation für Verena ein echter Schock ist.

So ganz ohne zarte Gefühle läuft es nicht ab, aber erfreulicherweise gab es nicht die befürchtete kitschige Liebesgeschichte!

Die ein oder andere unerwartete Wendung sorgt zunehmend für Spannung, und der Fall stellt sich als mehr und mehr komplex heraus. Die Spuren führen in verschiedenste Richtungen: geht es um die Ausbeutung junger Migranten auf dem Straßenstrich, um Mord aus rassistischen Motiven,  oder treibt gar ein Serienmörder sein Unwesen? Viele Spuren führen ins Nichts oder verweisen auf Täter, die es unmöglich gewesen sein können.

In meinen Augen hält sich die Spannung durchweg auf einem hohen Level und es hat lange gedauert, bis ich die richtige Person verdächtigt habe. (Ehrlich gesagt noch nicht einmal deswegen, weil es so offensichtlich gewesen wäre, sondern gerade deswegen, weil ich dazu neige, genau die Person zu verdächtigen, mit der der Autor meines Erachtens den größten Erklärungsnotstand hat.)

Nicht alles fand ich hundertprozentig logisch und schlüssig, angefangen mit Carls Amnesie. Immer, wenn er einschläft, vergisst er alles, was seit der Kopfverletzung, die die Amnesie ausgelöst hat, passiert ist. Für mich klingt diese absolute Übereinstimmung zwischen Schlaf und Amnesie etwas konstruiert. Bei einer Störung des episodischen Gedächtnisses handelt es sich oft um eine retrograde Amnesie (man vergisst Dinge VOR dem traumatischen Ereignis) oder eine antegrade Amnesie (man vergisst Dinge NACH dem traumatischen Ereignis), aber bei letzterem ist es meines Wissens eigentlich nicht an den Schlaf gekoppelt, sondern Betroffenen können sich Dinge oft nur für wenige Minuten merken.

Aber ich bin ja (zugegeben) keine Neurologin!

Manchmal ging es mir ein bisschen schnell, wie mühelos sich Verena in ihre neue Karriere einarbeitet. Klar, bei der ersten Autopsie wird ihr schon ein bisschen schlecht, aber sie steckt das meiste wirklich gut weg und teilt in gefährlichen Situationen auch schon mal aus.

Der Schreibstil ist leicht, locker und liest sich unterhaltsam, mit einer Prise Humor.


| Fazit |


Ein Kriminaler mit gravierender Amnesie, eine Literaturwissenschaftlerin, die sich eigentlich nur als Sommerjob um ihn kümmern soll… Natürlich endet es damit, dass beide zusammen als ungewöhnliches Team in einem Mordfall ermitteln, der es in sich hat, und das ist wirklich mal eine spannende Grundsituation.

Die Kombination hat mir sehr gut gefallen, ich würde gerne mehr Krimis mit den beiden lesen!


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Wertung4 von 5 Sternen
TitelDunkel Land
Originaltitel
Autor(in)Roxannn Hill
Übersetzer(in)
Verlag*HarperCollins
Seitenzahl*384
Erschienen am*13. November 2017
GenreKriminalroman
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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4 thoughts on “[ Rezension ] “Dunkel Land” von Roxann Hill

  1. Hey,
    da ich neuerdings wieder mehr Lust auf Ermittlerteams habe und deine Rezensionen richtig interessant klingt, setz ich es mir auf die Merkliste.
    Ein paar Klischees stören mich gar nicht und etwas Romantik darf es meinetwegen auch sein. 😉
    By the Way, irgendwie klingt es nahc guter Unterhaltung und sehr interessanten Figuren.
    Ich wünsch dir einen schönen Abend,
    Ela

  2. Auch wenn ich es gerne gesehen hätte, wenn Carls Gedächtnisprobleme präsenter gewesen wären und mehr Probleme in den unmöglichsten Situationen gebracht hätten (so hatte ich mir das im Vorhinein vorgestellt und nicht ganz bekommen, was ich mir erhofft hatte), fand ich diesen Krimi lesenswert. Wenn es eine Fortsetzung geben sollte, dann lese ich den auf jeden Fall. Dieses Ermittlerteam ist nämlich klasse.
    LG Gabi

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