Lesegelaber

[ Lesegelaber ] Über die Leserille

Über die Leserille

Diese Beitrag erschien zunächst im Mai 2017 auf meinem alten Blog auf Blogspot (nicht mehr online).

Erschrockenes Seufzen, weit aufgerissene Augen, vielleicht sogar ein leiser Schrei des Entsetzens… Gefolgt von einem vorwurfsvollem „Wie konntest du nur?!“

Diese Reaktion legt nahe, man habe etwas ganz, ganz Schreckliches, moralisch Verwerfliches getan (wie vielleicht einem Kindergartenkind den Lutscher geklaut oder einen niedlichen Welpen getreten – mindestens!), aber tatsächlich hat man nur schwungvoll sein Taschenbuch aufgeschlagen und es dabei kräftig gebogen, damit es auch wirklich aufgeschlagen bleibt. Und schon ist es passiert. 

Leserille, die [/’le.se.ril.le/‘]
Ausgeprägter Knick auf dem Buchrücken, der entstehen kann durch: unvorsichtiges Aufschlagen, offen mit dem Buchrücken nach oben Ablegen, beim Lesen oder Durchblättern zu weit Aufdehnen. Warnhinweis: Der Anblick der Leserille löst bei manchen Bibliophilen das LSSS (Libersulcussinus-Syndrom) aus, das sich äußern kann durch Beklemmung, Schnappatmung, Herzrasen oder plötzliche Aggression.

Ganz sachlich betrachtet ist eine Leserille etwas vollkommen Unbedeutendes; ein Buch kann noch so viele Leserillen haben, es lässt sich trotzdem problemlos lesen. Die Funktion des Buches als Gebrauchsgegenstand, als Speichermedium für das geschriebene Wort, ist also in keinster Weise beeinträchtigt.

Aber wir Vielleser und Buchliebhaber – wir investieren starke Emotionen in die Bücher, die wir lesen.

Und das macht es vielen (wenn auch nicht allen!) von uns schwer, das gegenständliche Buch vom literarischem Inhalt zu trennen. Die emotionale Reaktion auf die Macht der Worte wird auf die bloße Hülle aus Papier, Leim und Leinen übertragen, und damit erweist es sich als nahezu unmöglich, ein Buch wirklich sachlich zu betrachten und ihm keinen höheren Status einzuräumen als, sagen wir mal, einem Staubsauger oder der Kaffeemaschine. (Wobei ich auch zu meiner Kaffeemaschine eine emotionale Bindung  verspüre.)  

Da wir also über die grundlegendste Bedeutungsebene des Buches als Gebrauchsgegenstand hinausgehen, ist eine Leserille nicht mehr einfach nur eine Leserrille. sondern etwas, das durchaus Auswirkungen haben kann auf unsere Gefühle.  Grob verallgemeinert würde ich sagen, dass die meisten Reaktionen auf eine Leserille eben diese Übertragung von Emotionen gemeinsam haben, aber dennoch sehr unterschiedlich ausfallen können.

Da es unzählige Arten von Lesern gibt, möchte ich hier nur ein paar Beispiele aufführen: 

I) Der supersorgfältige Leser

Sehr weit verbreitet sind die Leser, die peinlichst genau darauf achten, dass es gar nicht erst zu einer Leserille kommt, indem sie das Buch beim Lesen nur einen kleinen Spalt öffnen und niemals – niemals! – offen hinlegen. Leserillen sind eine Katastrophe, Eselsohren ein Kapitalverbrechen! Früher gehörte ich selber zu dieser Gruppe, deswegen kann ich guten Gewissens behaupten: bequem ist das nicht, und es kann bei einem schweren Wälzer absolut nervtötend sein… Was verspürt man jedoch für ein Gefühl des Stolzes, wenn der Buchrücken 800 Seiten später immer noch tadellos aussieht, wie ungelesen! Warum tut man sich das aber überhaupt an?

a) „Das arme Buch…“

Diese Leser gehören zur gleichen Gruppe wie „Wie konntest du nur?!“ – sie anthropomorphisieren das Buch, verleihen ihm also menschliche Züge und schreiben ihm Gefühle zu. Und wenn das arme Buch Gefühle hat, dann ist es natürlich auch gemein, ihm wehzutun!

So ganz ernst ist das meist nicht gemeint; man ist sich durchaus bewusst, dass man eigentlich selber unter der Leserille leidet und es dem Buch schnurzpiepegal ist, aber man hat noch andere Gründe.

b) „Sieht das gut aus neben meiner Lieblingstasse?“

Diese Leser verbinden ihre Liebe zum Buch mit ihrer Liebe zur Dekoration und Innenarchitektur. Die Bücher werden nach Farben sortiert und neben Blumen, Schmucksteinen, Funko Pops oder der Lieblingstasse dekorativ drapiert. Oft werden sie kunstvoll fotografiert, mit ausgewogener Beleuchtung und sorgfältiger Nachbearbeitung. Eine Leserille würde sich auf so einem Foto natürlich sehr unschön ausnehmen!

Es klingt vielleicht so, als würden diese Leser das Buch doch wieder reduzieren auf einen bloßen Gegenstand, aber ich denke, es ist schlichtweg ein spezieller Ausdruck für eine große Liebe zur Literatur.

c) „Meeeeein Schaaatz…“

Eng verwandt mit Typ b), aber dieser Leser macht keine Fotos, sondern verspürt einfach eine große persönliche Zufriedenheit, wenn alle Bücher im Regal sauber und ordentlich aussehen. 

d) „Der Autor hat so viel Herzblut in das Buch gesteckt…“

Für diesen Leser ist es eine Frage von Respekt und Wertschätzung, das Buch sorgfältig zu behandeln und quasi druckfrisch zu erhalten. Nein, der Autor wird wahrscheinlich nie davon erfahren, aber man selber weiß es, und das ist das Wichtigste.

Ich würde sagen, ich war früher eine Mischung aus a), c) und d). Inzwischen zähle ich mich aber eher zur nächsten Art Leser:

II) Der Leser, der die Leserille zu schätzen weiß

Für diesen Typ Leser ist die Leserille ein Zeichen, dass das Buch ausgiebig gelesen wurde und damit seinen Zweck erfüllt hat und wertgeschätzt wurde, während ein Buch ohne Leserille fast schon vernachlässigt wirkt und ein trauriger Anblick ist. Womöglich finden sich in seinen Büchern auch Eselsohren, Markierungen und Notizen.

Man könnte meinen, dieser Leser wäre weniger oberflächlich aus der Leser vom Typ I und würde stattdessen mehr Wert auf den Inhalt legen. Tatsächlich hat auch er eine emotionale Bindung an das Buch als Gegenstand – nur zeigt er das anders.

Ich denke, man kann nicht sagen, dass einer der beiden Typen ein ernsthafterer / gebildeterer / in irgendeiner Form besserer Leser ist als der andere.

Denn auch wenn sich der Umgang mit dem Gegenstand Buch unterscheidet, ist die Liebe zum Inhalt doch vergleichbar. Es gibt supersorgfältige Leser, die nur sehr oberflächlich lesen, und es gibt Leser, denen Leserillen nichts ausmachen, die aber größten Respekt vor dem Inhalt haben, und umgekehrt.

Ich gehöre inzwischen eher zu Typ II als zu Typ I…

…obwohl ich das einschränken muss: ich verkaufe ziemliche viele meiner gelesenen Bücher weiter, deswegen lese ich diese nach wie vor supersorgfältig. Aber die, von denen ich schon weiß, dass ich sie behalten will (oder muss, weil es unverkäufliche Leseexemplare sind), werden gnadenlos geknickt, markiert und mit Notizen versehen. Ich liebe es, ein Buch nach einem Jahr wieder in die Hand zu nehmen, und meine alten Markierungen und Notizen zu sehen.

Wie sieht es bei auch aus? Was haltet ihr von Leserillen?

Würdet ihr euch einem dieser Typen zuordnen, oder seid ihr ein ganz anderer Typ?

Bisherige Beiträge in der Rubrik ‚Lesegelaber‘:

Über den Hype
Über das Belesensein
Über das Abbrechen
Über die Schande
Über die Trennung
Über das Verfallsdatum
Über das Lesezeichen
Über das soziale Lesen
Über den Leistungsdruck
Über die Leserille
Über die Diversität
QualiFiction – Innovation oder Ende der Originalität?

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Liebe Grüße,
Signatur Mikka

17 thoughts on “[ Lesegelaber ] Über die Leserille

  1. Ganz herrlich zu lesen! 🙂

    Ich gestehe, ich gehöre dem Typus I c) an, aus meiner Sicht ist es schlechterdings nicht möglich, Leserillen sachlich zu betrachten. Leserillen sind ein Beispiel für die Barbarei unserer Zeit! Wer Leserillen fabriziert, zerkratzt auch fremder Leute Blu-rays! Wer Leserillen fabriziert, öffnet der Anarchie Tür und Tor! Wer Leserillen fabriziert, stellt damit die Weichen zum Untergang der Zivilisation!

    Nein, sachlich betrachten kann ich das tatsächlich nicht. 😉

    1. Asche über mein Haut – ich gestehe, ich bin eine Barbarin! Aber ich muss protestieren: ich habe noch nie Blu-Rays zerkratzt, das ist eine völlig unfundierte, haltlose Aussage. Tststs….

  2. Hihi, musste jetzt erst mal lachen und meinen Kopf schütteln, also ganz so extrem bin ich nicht, jedoch mag ich keine Eselsohren mehr, früher war das egal, heute nicht, dafür hab ich zu viele tolle Lesezeichen.
    Aber Leserillen sind nicht tragisch. Sie machen das Buch erst einmal lebendiger. Solange die Seiten im Buch bleiben und alles schön lesbar ist ;).
    Ach Mikka du hast manchmal Ideen 😉

    1. Also bei Eselsohren ziehe ich für mich normal auch die Grenze… Dafür schreibe ich heute manchmal in Bücher rein, von denen ich weiß, dass ich sie auf jeden Fall behalten will.

  3. Also ganz ehrlich?
    Ich hasse Leserillen und bekomme halbe Nervenzusammenbrüche, wenn ich bei Janna die Bücher seh. Dann will ich immer hinfahren und sie „retten“ XD
    Man findet also bei mir kaum Bücher mit Leserillen, die kommen bei meinen Büchern eher davon, dass der Rücken blöd geleimt ist.
    Warum ich so bin? Optik, Wertschätzung, denke mal die Richtung. Meine kleinen Schätze :3

    ABER
    Wenn ich auf der Suche nach alten Büchern bin.
    Gerade SciFi, dann stört mich das nicht die Bohne. Sind ja schon drin die Rillen, ist nicht von mir und alt sind die auch noch und wirken so noch gebrauchter. Neue Schätze. Gnihihi.

    Verstehe einer meine Logik *hüst*

    1. Haha, früher hatten wir in unserem Krimilesekreis jemanden, die da auch die Krise gekriegt hat, wenn ein Buch nicht absolut neuwertig war. (Also, ABSOLUT neuwertig, manchmal hat sie auch ein Buch neu bestellt, weil ihr das Buch, das in der Buchhandlung im Regal stand, schon zu durchgeblättert war.)

      Ach, ich glaube, mit Logik hat das eh nix zu tun. 😉

  4. Hallo Mikka,

    ein witziger Beitrag. 😉 Mir sind Leserille herzlich egal. Also, dann bin ich wohl Typ II. Einem Buch darf man ruhig ansehen, dass es gelesen worden ist. Natürlich sollte es nicht an Sachbeschädigung grenzen, aber ein paar Lesespuren schaden nicht.

    Liebe Grüße,
    Nicole

    1. Hallo Nicole,

      ulkigerweise war ich früher echt definitiv Typ 1, vor allem in meinen ersten Bloggerjahren (so etwa 2012 bis 2015 oder so). Aber heute sehe ich das wie du.

      LG,
      Mikka

  5. haha, also Rillen stören mich gar nicht. Ich muss das Buch auch irgendwie halten können und es ist für mich ganz pragmatisch einfach nur ein GebrauchsGegenstand.

    ACHTUNG alle extremen Buchliebhaber bitte jetzt nicht weiterlesen!!…

    Früher als ich jugendlich war habe ich aus jedem TB die Seiten die ich gelesen hatte rausgerissen damit es weniger zum tragen ist. :-O – ookay so krass bin ich heute nicht mehr drauf, aber Knicke Eselsohren und Co stören mich gar nicht mehr, WAS mich stört sind Flecken!

    Liebe Grüße Lari

    1. Huhu Lari,

      ooooh, das ist natürlich wirklich krass! Obwohl, ich glaube, sowas habe ich auch schon mal gemacht vor URZEITEN. Haha, und mir fällt gerade ein, meine Stiefmutter hat im Urlaub mal ein Buch in der Mitte durchgerissen und so in zwei Teile geteilt, weil ihr immer jemand das Buch gemopst hat. So konnte sie die zweite Hälfte weiterlesen, und wir anderen konnten uns um die erste Hälfte streiten…

      LG,
      Mikka

      1. huhu Mikka,

        hahah genial was eine lustige Idee. Nun muss ich breit grinsen – heutzutage würde man die Hände über den Kopf zusammenschlagen – aber damals war das nicht so dramatisch. Ich hab das mitten in der UBahn gemacht und wurde von pikierten Fahrgästen angesprochen, wie ich sowas nur machen könnte – das Buch hätte doch eine Seele … Mörder usw … okay ich gebe zu es war übertrieben aber man hat sich da nicht so Gedanken gemacht. Deine Stiefmutter sicher auch nicht, sie wollte einfach nur in Ruhe lesen lol und hat DIE Lösung gefunden 😀

        Liebe Grüße Lari

  6. Guten morgen,
    also ich finde, Leserillen gehören zu einem Buch. Damit man weiß, daß das Buch gelesen worden ist und vor allem das es gelebt hat!
    Ich bin Typ II. Eindeutig!
    Liebe Grüße
    Anja vom kleinen Bücherzimmer

  7. Huhu Mikka,

    ich bin auch eher Typ II. Zwar lese ich auch vorsichtig, mit dem Gedanken, das Buch bei Nicht-Gefallen weiter verkaufen zu können, aber wenn ein TB Leserillen hat, dann ist das halt so. Das stört mich weder im Regal noch sonst wo. 😀 Mich nervt es viel mehr, wenn Bücher „rundgelesen“ sind, was aber offenbar mit der Bindung zusammen hängt (?). Denn dann lassen sie sich schlecht stapeln und schlechter lesen. XD
    Aber Leserillen gehören zum Lesen irgendwie dazu. Ich mag es, wenn man sieht, dass ein Buch gelesen wurde. 🙂

    LG Alica

  8. Hallo! Rillen?! Wer mir ein derartig geschundenes Buch zurückgibt kommt in meinen virtuellen Kerker.

    Vor zwei Wochen fuhr ich S-Bahn und mir gegenüber nahm eine sympathisch aussehende Dame Platz, holte ihr Buch aus der Tasche, ihre Wasserflasche und ihre Papiertüte mit einem durchsüfften Mayonnaisebrot. Sie schlug das Buch auf bis zu der Seite, wo sie es sich mit einem Eselsohr markiert hatte, strich diese glatt und begann zu lesen. Ich verspürte leichte Atemnot. Dann nahm sie einen Schluck Wasser, kleckerte damit auf die Seite, strich auch diese zum Außenrand. Ich konnte mich schon gar nicht mehr auf mein Buch konzentrieren. Nur deshalb entging mir nicht, wie sie das Brot herausnahm, hineinbiss und – ja, jetzt klingelte ihr Handy. Wohin mit dem Brot? Genau! Das legt man dann aufs aufgeschlagene Buch. Ich kämpfte mit einer Ohnmacht, während sich sichtbar das Fett ins Papier sog.
    Diese nette Dame (sie guckte immer freundlich und wünschte mir sogar einen schönen Tag) steht jetzt dennoch auf der Liste derer, denen ich niemals ein Buch leihen werde. Irgendwann werde ich trotzdem wieder die S1 nehmen und die Strecke Alsterdorf bis Berliner Tor mitfahren.

    1. Hallo Frau Goethe,

      also, Bücher, die ich mir ausleihe, werden natürlich mit Samthandschuhen angefasst! Das versteht sich ja wohl von selbst. 😉

      Das mit dem Mayonnaisebrot ist aber auch noch eine krasse Steigerung, verglichen mit einer Leserille!

      LG,
      Mikka

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