Die literarische Flimmerkiste

[ Die literarische Flimmerkiste ] Das Literarische Quartett

Die literarische Flimmerkiste

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© der für das Beitragsbild verwendeten Grundbilder: Pixabay

Heute sendet das Quartett von der Buchmesse.

Dieses Mal debattieren Volker Weidermann, Christine Westermann, Thea Dorn und als Gast Sibylle Berg.

Im ZDF läuft die Sendung um 23 Uhr, [ Link: ] in der Mediathek ist sie jetzt schon verfügbar. Natürlich geht es heute erstmal kurz um Peter Handke und die Frage: war der Nobelpreis gerechtfertigt, muss man Literatur und Politik von einander trennen?

Danach geht es um diese vier Bücher:

Norbert Scheuer Winterbienen Nick Drnaso Sabrina Nora Bossong Schutzzone Eugen Ruge Metropol

Norbert Scheuer: Winterbienen

Januar 1944: Während über der Eifel britische und amerikanische Bomber kreisen, gerät der wegen seiner Epilepsie nicht wehrtaugliche Egidius Arimond in höchste Gefahr. Er bringt nicht nur als Fluchthelfer jüdische Flüchtlinge in präparierten Bienenstöcken über die Grenze, er verstrickt sich auch in Frauengeschichten.

Mit großer Intensität erzählt Norbert Scheuer in „Winterbienen“ einfühlsam, präzise und spannend von einer Welt, die geprägt ist von Zerstörung und dem Wunsch nach einer friedlichen Zukunft.

(Klappentext)

Vorgestellt wird das Buch von Christine Westermann, die begeistert hat, wie der Autor „leise vom lauten Krieg erzählen kann“. Volker Weidermann sagt, man merkt es dem Buch im positiven Sinne an, dass der Autor viel Zeit in der Kneipe verbracht hat und nennt die Charaktere großartig. Thea Dorn findet Bienen toll, versteht aber nicht, wieso ihr die Bienen in diesem Buch als völkisches Ideal verkauft werden – gerade im Kontext der völkischen Ideale der Nazizeit. Sie zitiert einen Satz, der mir beim Lesen des Buches auch unangenehm aufgestoßen ist: der Erzähler berichtet, er habe die Bienenkönigin töten müssen, denn es schade dem Guten, der die Schlechten schont. Heikel, heikel.

Sibylle Berg hört lange still zu und gibt dann zu, sie habe sich beim Lesen gedacht:

„WTF, sowas kommt auf die Buchpreisliste?!“

Sie hätte, als sie die Zusage gegeben habe, nicht bedacht, dass sie es eigentlich sch… finde, wenn Autoren über andere Autoren reden – aber nun sitze sie nun mal hier. Okaaaaaay. (Thea Dorn kriegt diesen „ich wetze innerlich die Messer“-Blick.) Frau Berg findet sehr deutliche Worte für ihre Verzweiflung beim Lesen, sie habe sich unsäglich gelangweilt. Sie fragt sich, warum wir über Drama in der Vergangenheit schreiben, wenn wir doch in einer sehr stürmischen Gegenwart leben. Volker Weidermann räumt ein, man könne dem Buch einen gewissen Eskapismus vorwerfen, aber das komme ja gerade durch die Überforderung, die unsere Zeit hervorruft. Christine Westermann setzt an, der Autor adele die Fantasie des Lesers, und Thea runzelt expressiv die Stirn. Kurze Debatte über die Beschreibung der Hauptfigur und inwieweit sie nötig war.

Auf zum nächsten. Jetzt sind wir beim Buch, dass Sibylle Berg mitgebracht hat: ein preisgekröntes Graphic Novel.

Nick Drnaso: Sabrina

Sabrina verschwindet. Und dieses Ereignis zieht ein Netz aus Verschwörungstheorien und politischer Stimmungsmache nach sich, in dem sich auch Calvin Wrobel verheddert. Er hat sich entschlossen, Sabrinas Lebensgefährten – und seinen Freund aus Schultagen – bei sich aufzunehmen, um ihm beizustehen, wohl ahnend, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen wird. Als ein grausames Video im Internet auftaucht, wissen wir, dass er furchtbar richtig lag.

»Sabrina« ist ein Weckruf: in dieser vom kalten Licht eines Computerbildschirms erleuchteten Welt, in der Empathie und Menschlichkeit nicht mehr selbstverständlich sind, wollen wir nicht eines Tages aufwachen. Aber so vertraut uns die hier geschilderte Realität schon erscheinen mag, so lange wir uns von Kunstwerken wie diesem großen Buch noch berühren lassen, müssen wir die Hoffnung nicht aufgeben.

(Klappentext)

„Wenig Text“, wirft Herr Weidermann direkt ein. „Das ist das Gute dran“, kontert Frau Berg.

Warum nicht mal ein Comic, habe sie sich gefragt, obwohl sie selber ungeübt im Comiclesen sei – und ja, warum eigentlich nicht? Sie vergleicht den Comic mit einem Film, nur dass er intelligenter sei und andere Gehirnareale fordere als ein Film. Obwohl ein zentrales Thema des Buches der Verlust eines geliebten Menschen ist, kommt sie zu dem Schluss: „Warum soll ich mir das antun? Nun, weil es gute Laune macht.“ (Das überrascht auch Volker Weidermann.) Sie lobt, wie konsequent die Handlung „durcherzählt wird“, und die kunstvollen Bilder in reduzierten Farben. Sie spricht kurz über den Drogenkonsum und das anscheinend recht schwierige Leben des jungen Künstlers. „Solche Menschen werden dann entweder Serienmörder oder Künstler.“

Herr Weidermann spricht ein Gefühl überwältigender Einsamkeit und Seelenlosigkeit an und geht kurz auf die „private Verschwörungswahrheit“ eines Protagonisten ein. Das habe eine gespenstische Sogkraft. Sibylle Berg findet die Verschwörungstheorien weit weniger interessant als das normale Leben, und Thea Dorn fragt: „Aber war dir das nicht teilweise zu plakativ?“ Ihr war es das – sie fühlt sich von den piktogrammartigen Zeichnungen an die Sicherheitskarten im Flieger erinnert. (Ihr Gesichtsausdruck sagt: das war kein Kompliment.) Frau Berg zuckt zweifelnd die Achseln. Für Frau Dorn ist das meiste zu einfach gestrickt, der Teil mit den Verschwörungstheorien aber wahnsinnig toll.

So richtig begeistert sieht gerade niemand aus.

Aber Frau Berg hat „wahnsinnig glücklich gemacht“, dass hier nichts steril ist und sich das meiste, was die Menschen sich vom Leben erwarten, auch in „Sabrina“ nicht erfüllt. Christine Westermann bringt sich ein und spricht davon, wie ausdruckslos die Gesichter sind und wie gerade das dem Leser ermöglicht, seine eigenen Empfindungen in die Figuren zu projizieren. Sachte, leise, subtil, sie findet das sehr gut gemacht, aber sie wird dennoch keine weiteren Comics lesen.

Irgendwie habe ich mir schon gedacht, dass Thea Dorn das nächste Buch vorgeschlagen hat:

Nora Bossong: Schutzzone

Nach Stationen bei der UN in New York und Burundi arbeitet Mira für das Büro der Vereinten Nationen in Genf. Während sie tagsüber Berichte über Krisenregionen und Friedensmaßnahmen schreibt, eilt sie abends durch die Gänge der Luxushotels, um zwischen verfeindeten Staatsvertretern zu vermitteln. Bei einem Empfang begegnet sie Milan wieder, in dessen Familie sie nach der Trennung ihrer Eltern im Frühjahr 94 einige Monate gelebt hat. Die Erinnerungen an diese Zeit, aber auch Milans unentschiedene Haltung zwischen gesuchter Nähe und schroffer Zurückweisung überrumpeln und faszinieren sie zugleich. Als ihre Rolle bei der Aufarbeitung des Völkermords in Burundi hinterfragt wird, gerät auch Miras Souveränität ins Wanken, ihr Glaube, sie könne von außen eingreifen, ohne selbst schuldig zu werden.

Was bedeuten Vertrauen und Verantwortung? Wie greifen Schutz und Herrschaft ineinander? Wie verhält sich Zeugenschaft zur Wahrheit? Und wer sitzt darüber zu Gericht? Hellsichtig und teilnahmsvoll geht Nora Bossong in ihrem virtuosen Roman diesen Fragen nach – in privaten Beziehungen wie auf der großen politischen Bühne – und setzt den Konflikten der Vergangenheit die Hoffnung auf Versöhnung entgegen.

(Klappentext)

Bei einer kurzen Zusammenfassung der Handlung nennt sie die Liebesgeschichte erschütternd erwachsen und hoffnungslos. Nur fröhliche Bücher heute. Sie lobt, dem Roman gelinge die Gratwanderung zwischen Idealismus und Desillusionierung. Es sei poetisch, positioniere sich aber auch politisch engagiert und sei weder zynisch noch moralisierend. Die Autorin zeige, dass die UNO manchmal einfach nichts kann, denunziere ihre Charaktere aber nicht.

Nach Frau Dorns Ansicht hätte das Buch den Deutschen Buchpreis gewinnen müssen.

Volker Weidermann fragt sich, wann Thea Dorn eigentlich atmet, und hat von der angepriesenen Wucht nichts gespürt, dafür aber vom literarischen Ehrgeiz. (Kurzer Vergleich zu „Die Hauptstadt“ von Menasse, das Herr Weidermann gelungener fand.) Sehr abstrakt sei das alles, zu thesenhaft, ihm fehlen die starken Stimmen. Frau Westermann hingegen fragt sich, wann „anstrengend“ zu einem literarischen Gütesiegel geworden ist. Sie findet den Anfang schon anstrengend, fragt sich, wo die Autorin eigentlich mit ihr hin will, und rollt die Augen über Plattitüden. Bei der Passage, die sie vorliest, muss ich ihr Recht geben, auch wenn das Lächeln von Thea Dorn etwas verkniffen wird.

Frau Westermann reicht das Zepter weiter an Frau Berg.

Der ging es mit dem Buch „schauderhaft“, und ihr Exemplar ist gespickt mit bunten Zettelchen mit „furchtbaren Sätzen“.

(Weidermann: „Mit schönen Sätzen auch?“ Berg: „Nein.“) Die Themen findet sie spannend, sie seien jedoch durch einen persönlichen Filter gelaufen, der nicht besonders originell ist. Sie redet sich in Rage über die „geschwurbelte, effekthascherische Kunstsprache“, Thea Dorn sieht das natürlich anders und findet wichtiger, dass das Buch herausstreicht, wie viel versucht und wie wenig erreicht wird.

Die Gemüter kochen hoch, Volker Weidermann grätscht dazwischen und lenkt die Aufmerksamkeit aufs Thema Liebesgeschichte, aber Berg und Dorn sind gerade so schön beim Diskutieren. Auf einmal steht Frau Dorn alleine da, was die Qualität der Liebesgeschichte angeht: „langweilig“ (Westermann), „kitschig“ (Berg), „zu blumig“ (Weidermann). Schnell weiter zum nächsten Buch, dass natürlich Volker Weidermann ausgesucht hat.

Eugen Ruge: Metropol

Moskau, 1936. Die deutsche Kommunistin Charlotte ist der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerade noch entkommen. Im Spätsommer bricht sie mit ihrem Mann und der jungen Britin Jill auf zu einer mehrwöchigen Reise durch die neue Heimat Sowjetunion. Die Hitze ist überwältigend, Stalins Strände sind schmal und steinig und die Reisenden bald beherrscht von einer Spannung, die beinahe körperlich greifbar wird. Es verbindet sie mehr, als sich auf den ersten Blick erschließt: Sie sind Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der Komintern, wo Kommunisten aller Länder beschäftigt sind. Umso schwerer wiegt, dass unter den „Volksfeinden“, denen gerade in Moskau der Prozess gemacht wird, einer ist, den Lotte besser kennt, als ihr lieb sein kann.

„Metropol“ folgt drei Menschen auf dem schmalen Grat zwischen Überzeugung und Wissen, Loyalität und Gehorsam, Verdächtigung und Verrat. Ungeheuerlich ist der politische Terror der 1930er Jahre, aber mehr noch: was Menschen zu glauben imstande sind.

(Klappentext)

Eugen Ruge, erinnert uns Weidermann, hat 2011 mal den Deutschen Buchpreis erhalten, für „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. „Metropol“ sei quasi dessen Vorgeschichte, in seinen Augen jedoch sogar dramatischer. Weidermann spricht vom Wartesaal des Todes, von einer politischen Familiengeschichte – und verliert prompt den Faden. Ungeheurlich sei das jedenfalls, und unglaublich eindrucksvoll. Das kann Frau Westermann so unterschreiben. „Aus jeder Zeile in diesem Buch kriecht die Angst“, sagt sie. Der Roman beschreibe, was Menschen bereit und imstande sind, zu glauben, und das sei ein tolles Buch.

Ein paar Sekunden Schweigen, dann wird Frau Berg aufgerufen, die sich nicht sicher ist, ob sie das Buch richtig verstanden hat. Stylistisch fand sie es erst sehr konventionell, ein bisschen langweilig und langatmig. Das Buch gewinne jedoch „irre an Fahrt“ und werde lebhaft und humorvoll, sobald die Perspektive auf Frauensicht wechselt. Ihr Fazit: ein intelligentes Buch, sehr interessant, geht über reine Wissensbehauptung hinaus. Sie sieht einen Link zu unserer Gegenwart, in der sich viele Juden wieder fragen müssen, ob es hier noch sicher für sie ist.

Die Realität des Wartens und sich Einredens nennt sie das.

Thea Dorn berichtet: sie war erst skeptisch, als sie hörte, sie solle schon wieder einen Roman über die stalinistischen Schauprozesse lesen, zum dritten Mal in ihrer Zeit beim Literarischen Quartett. Dann las sie das Buch natürlich trotzdem – und kam zu ganz anderen Eindrücken als Frau Berg. Dass man das Buch so unterschiedlich lesen könne, spreche aber wahrscheinlich für dessen Qualität.

Für sie war das stärkste Element des Buches die Art und Weise, wie der Autor mit der Thematik umgeht: „Wo ist der Zweifel das Vernünftige, und wo ist der Zweifel das Irre?“ In unseren heutigen Debatten werde jeder, der einen Zweifel formuliert, schon als Leugner niedergebrüllt – was man zum Beispiel beim Thema Klimawandel sehe, wenn einer nur wage, eine Frage zu stellen.

Volker Weidermann nutzt das und bringt die Diskussion noch mal zurück zu Peter Handke, was Frau Dorn aber ausbremst: „Wir fangen jetzt nicht die Handke-Debatte an.“ Trotzdem schiebt sie noch hinterher, es sei in manchen Punkten völlig irre und geschmacklos von Hanke gewesen, an der historischen Wahrheit zu zweifeln, so wie es auch geschmacklos und irre sei, am Holocaust zu zweifeln – aber er habe wenigstens nie verlangt, man dürfe an seiner Wahrheit nicht mehr zweifeln. Sie habe „Moabit“ gelesen als das „Hohelied auf das Zweifelndürfen“.

Mit diesem Schlusswort endet diese Runde.

Hat einer von euch die Sendung vielleicht live auf der Buchmesse verfolgt?

In dieser Rubrik werde ich in Zukunft regelmäßig auf Literatursendungen im Fernsehen hinweisen.

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Liebe Grüße,
Signatur Mikka

2 thoughts on “[ Die literarische Flimmerkiste ] Das Literarische Quartett

  1. Ich bin eine Frau von 60zig Jahren.
    Die gestrige Sendung war eine Beleidigung für meine Intelligenz.
    Drei Frauen , die sich mehr oder weniger nur behakten, alle drei lediglich ihre politisch korrekte oder unschuldig naive Haltung vor sich trugen. Dazu der in seiner modisch reduzierten Männlichkeit Herr Weidermann , der bei diesen Damenkränzchen von Sendung zu Sendung sprachloser wird. Das Niveau färbt halt ab, aber er ist selbst auch so im Betrieb drin , dass er selbst sich nichts mehr zutraut u diese Art Gespräch, eine Mischung aus, ich fühle u ich habe die richtige politische Einstellung, zuläßt.
    Ein Gespräch über Literatur oder die vorgestellten Bücher war das nicht.
    Außer Hotel Metropol würde ich mir nichts kaufen.
    Die anderen Bücher kamen genauso mangelhaft rüber wie ihre Vorstellerinnen.
    Der Mainstream produziert keine Qualität , nur unseelige Langeweile, gleichgeschaltete Korrektheit, Thema Bienen, Eifel, Judenverfolgung oder Weltrettung a la UNO u Genf oder Zukunftshorror, Entmenschlichung durch digitale Gleichschaltung u von oben dreut eine Gefahr. Scheinbar kann man mit so einem Zeugs den Buchmarkt voll müllen, die Leser vom Eigentlichen abhalten.
    Und im Fernsehen wird man auch noch mit drei nur an sich selbst interessierten Frauen mit dem Quatsch belästigt.

    1. Volker Weidermann ging die letzten Male in der Runde etwas unter, das stimmt. Gestern hatte ich auch den Eindruck, es ging oft nur vordergründig um die Bücher und eigentlich um die Einstellungen und Ansichten der Rezensentinnen.

      Meist finde ich Thea Dorns Beiträge in letzter Zeit am interessantesten, auch wenn ich oft nicht ihrer Meinung bin. Gestern habe ich mich aber zum Beispiel gefragt: warum auf einmal das Thema Klimawandel? Da hatte ich das Gefühl, dass sie einen persönlichen Groll über die Debatte stülpte.

      „Winterbienen“ habe ich gelesen, auf „Schutzzone“ habe ich jetzt keine Lust mehr. „Metropol“ würde mich interessieren, und „Sabrina“ werde ich mal im Hinterkopf behalten, da bin ich mir noch nicht sicher, finde es aber potentiell interessant. Vielleicht. Es könnte auch komplett unsäglich sein.

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