Das Köfferchen

[ Das Köfferchen ] Besuchte Buchblogs #12 2020

Das Köfferchen

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Ein merkwürdiger Sommer – für mich kein Lesesommer.

Ich weiß immer noch nicht, ob es daran liegt, wie unwirklich sich diese Zeit, in der wir leben, für mich anfühlt. Aber Fakt ist, dass ich schon seit vielen Jahren nicht mehr so wenig gelesen habe, wie ich im Moment lese…

Auch durch die Blogs wandere ich seltener, aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich das alles irgendwann wieder einrenkt. Daher kommen jetzt erstmal wieder die Blogs, die ich seit dem letzten Köfferchen besucht habe:

SL Leselust

Ann Patchett: Das Holländerhaus

little words

Das Holländerhaus von Ann Patchett

Das Buch begegnet mir im Moment häufig, wenn ich im Internet durch die Blogs stöbere.

Renate findet die Geschichte wunderbar und fesselnd erzählt. Sie sagt, ihre Rezension könne dem Roman nicht gerecht werden, denn “sie vermittelt nicht, wie wunderbar er geschrieben ist, wie unglaublich nah die Autorin an ihre Figuren heranzoomt und mit welch großem Weitwinkel sie gleichzeitig auf sie schaut. Wieviel Empathie und Verständnis für die Natur der Menschen sie hat.”

Auch Karin erwähnt in ihrer Rezension die “Feinheiten zwischenmenschlicher Beziehungen”, die im Buch beschrieben werden. Sie sagt: “Für mich war der Roman daher eine Hommage an die Familie und gleichzeitig eine Kritik daran, was passiert, wenn man die eigenen Wünsche und Vorstellungen einfach auch für andere Personen als angemessen und erstrebenswert ansieht.”

Crow and Kraken

[Rezension] Jasmin Schreiber – Marianengraben

“Einen Roman über Trauer zu schreiben, und nicht nur über irgendeine Trauer sondern über die über den Verlust des liebsten Menschen, ist eine Herausforderung. Schrecklich peinliche Klischees geben sich die Klinke in die Hand mit abgedroschenen Sprachbildern. Und dann kommt Marianengraben und wirft all diese Bedenken mit einer Wucht über Bord und zieht einen in die Geschichte, dass man nur noch gespannt weiterlesen kann.”

Ich habe gerade erst ein Buch gelesen, das mich emotional durch die Mangel drehte, weil es unglaublich berührend über Trauer spricht (“Kostbare Tage” von Kent Haruf). Ich glaube, ich brauche erstmal eine Pause, bevor ich mich wieder mitten in dieses literarische Minenfeld stürze, aber “Marianengraben” kommt derweil auf die Merkliste.

@digitur

Fundstück: Elke Erb gewinnt den Georg Büchner Preis 2020

Irgendwie ziehen Preise und Auszeichnungen, nicht nur literarische, im Moment an mir vorbei. Mir kommt es so vor, als würde erstmal alles stillstehen, bis die Corona-Krise vorbei ist, aber natürlich dreht sich die Welt weiter.

Es ist ja gut, dass Autoren und Verlage weitermachen!

BücherKaffee

Hubert Achleitner | flüchtig

Nach dreißig Ehejahren hat sich die Ehe von Herwig und Maria an der Routine zerrieben, und Maria kündigt ihren Job und begibt sich mit Herwigs Volvo auf die Flucht. Rein von der Handlung her klingt “flüchtig” nicht nach einem Buch, das mir normalerweise spontan in den Warenkorb hüpfen würde. Aber Wolfgang Brandners Rezension lässt mit Sätzen wie diesem aufhorchen:

“Die Sprache ist bildhaft, die Metaphern unaufdringlich. Subtil fügen sie sich in den Text und malen mit leichten Pinselstrichen facettenreiche Gefühle im Kopf der Leser.”

Ich habe mir das eBook direkt mal in der Onleihe vormerken lassen. “Voraussichtlich verfügbar ab: 19.12.2020″ – aber meist geht es doch schneller.

Feiner reiner Buchstoff

Keine Angst vor Fehlern

Das klingt nach einem wirklich wunderbaren Buch! Obwohl ich ja gestehen muss: ich bin selber eine Frau, die ihre Routinen, ihre Pläne und ihre Gleichförmigkeit wie der Protagonist Micah sehr schätzt, nur dass der sich im Verlaufe des Romans sicher daraus befreien wird.

Gerade deswegen sollte ich “Der Sinne des Ganzen” wohl mal lesen.

Koreander

42 Grad

Ich schreibe auf meinem Blog nur selten wirkliche Verrisse, aber hier juckt es mich schon beim Lesen der Rezension in den Fingern.

Ich vermute, dass ich dabei gerade hundertmal mehr Spaß hatte, als ich ihn beim Lesen des Buches gehabt hätte. Mindestens. Klingt so, als hätte der Autor alles abgehakt, was mir übelst gegen den Strich geht!

“[M]it Logik stehen alle Figuren im Roman auf Kriegsfuß. Und dabei meine ich auch nicht nur die stereotypen und klischeeverzerrten genretypischen Fehlhandlungen, damit spannende Momente erzeugt werden können – die gibt es auch zuhauf (jemand der Angst im Dunkeln hat, vergisst seine Taschenlampe und lässt das Handy mit dem Licht fallen, wobei der Akku eh nur zwei Prozent hat. Uff.) – ich meine vor allem den umfassenden Plot. Was hat sich der Autor dabei nur gedacht?”

Frieda Frei

Verena Güntner – Power

Zeichen & Zeiten

Verena Güntner – „Power“

“Wenn man mich vor einer Woche gefragt hätte, wie ein Buch wäre, in dem man Juli Zehs „Unterleuten“ und William Goldings „Herr der Fliegen“ miteinander kreuzen würde, hätte ich wohl nur laut gelacht. Dann las ich „Power“ von Verena Güntner.”

So fängt die Rezension von Frieda (alias Selina) an – und die ist zwar recht kurz, macht aber dennoch Lust auf das Buch, das schrullig und außergewöhnlich klingt.

“Die archaische Kinderwelt, in der das Rudel um Kerze der Zivilisation mit ihren Regeln und Verhaltensweisen den Rücken kehrt und allmählich verwildert, steht der bedrohlichen und hierarchischen Welt der Erwachsenen gegenüber, die das Verhalten der Kinder nicht hinterfragen, sondern sie vielmehr mit vereinten Kräften wieder in die Gesellschaft einfügen wollen, um einen Zustand der Normalität herbeizuführen.”

Constanze vom Blog “Zeichen & Zeiten” äußert sich ausführlicher, und auch in ihrer Rezension drängt sich der Vergleich mit “Herr der Fliegen” geradezu auf! Interessant, ich glaube, das Buch muss ich auch noch lesen.

Feiner reiner Buchstoff

Wag the dog – Das Original

Ich kenne bisher nur den Film – mir war gar nicht klar, dass es dazu eine Romanvorlage gibt! Im Film geht es um einen amerikanischen Präsidenten, der mit allen Mitteln einen Krieg mit Albanien vortäuscht (dazu werden zum Beispiel Schlachtszenen und “Augenzeugenberichte” gedreht, die dann in diversen Medien verbreitet werden), um davon abzulenken, dass ihm von einer Minderjährigen sexuelle Belästigung vorgeworfen wird.

Es ist ewig her, dass ich den Film gesehen habe, aber ich habe im Laufe der Jahre immer mal wieder daran gedacht – weil die Themen immer noch aktuell sind, und weil man nach wie vor den Eindruck hat, dass Populisten Fernsehen und Internet, besonders soziale Medien, als Werkzeuge einsetzen. Donald Trump macht das manchmal so plump, dass man meinen sollte, da fällt niemand drauf rein – und schon sieht man am nächsten Tag Trump-Anhänger in den sozialen Medien, die seinen Schwachsinn nachblöken…

Die Rezension vergleicht Buch und Film, und dabei wird klar, dass es wirklich deutliche Unterschiede gibt… Sehr interessant! Den Film kann ich nur empfehlen, und jetzt will ich auch das Buch lesen.

Bücherwurmloch

Karosh Taha: Im Bauch der Königin

Variante 1: Raffiq und Younes haben sich geprügelt und sind seither Freunde, obwohl über Younes und seine Mutter gelästert wird. Variante 2: Amal hat Younes verprügelt, wird seither als Mädchen schief angesehen, und Raffiq ist nur einer von denen, die Younes schlecht behandeln. Was davon ist wahr? “Im Bauch der Königin” erzählt beide Versionen und beleuchtet dabei eine Vielzahl von Themen von Integration bis Gender-Fragen.

Mareike Fallwickl vermittelt in ihrer Rezension einen guten ersten Eindruck in das, was das Buch lesenswert macht.

54 Books

‘Lolita’ wiedergelesen – Das Empathie-Bootcamp

Ich habe das Buch vor vielen, vielen Jahren gelesen und war schockiert, angeekelt, wütend…Wie Susanne von 54 Books las ich das Buch etwa im Alter von 15 oder 16, weil es ein berühmtes Buch war und ich mich damals auch von der Kinder- und Jugendliteratur distanzieren wollte. Ich war alt genug, um “Lolita” zu lesen und um es zu verstehen. Dachte ich.

Anders als bei Susanne wurde “Lolita” für mich jedoch nicht zu einem Lieblingsbuch, sondern zu einem, das ich nach dem Lesen mit einem Gefühl zwischen Verunsicherung und Erleichterung wieder in der Stadtbücherei abgab. Ein paar Jahre später las ich es zwar noch einmal, dieses Mal im englischen Original, aber auch da schlug ich das Buch mit dem Gefühl zu, es nicht noch einmal öffnen zu wollen.

Susanne beschreibt in ihrem Beitrag, wie sich ihr Blick auf das Buch im Laufe der Jahre verändert hat. Sie geht dabei besonders interessant auf die Sprache des Buches ein – und die Wichtigkeit der kritischen Distanz zum Täternarrativ.

Wie ist eure Leselaune zur Zeit?

Ich freu mich ja schon darauf, dass am 18. August die Longlist des Deutschen Buchpreises bekanntgegeben wird. Dann explodiert wieder die Wunschliste! Aber erstmal hoffe ich darauf, dass sich unser Krimi-Lesekreis am 4. August zum ersten Mal seit Monaten wieder treffen kann. (Mit genug Abstand natürlich, wir sind nicht so viele.)

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