Lesegelaber

[ Lesegelaber ] QualiFiction – Innovation oder Ende der Originalität?

QualiFiction

Vielleicht habt ihr schon davon gehört:

Auf den kleinsten Nenner gebracht handelt es sich bei LiSA (Literatur-Screening & Analytik) von QualiFiction um eine Software, die Buchmanuskripte analysiert und vor allem auf ihre Bestsellertauglichkeit überprüft.

Die Software begutachtet das Genre, die Themen, den Spannungsverlauf, die Stimmung, die Komplexität des Schreibstils – und eben die Tauglichkeit als Bestseller oder Nischenliteratur. Verlage könnten so die Masse an jährlich eingesandten Manuskripten ‘aussieben’, und das mit minimalem Zeitaufwand. Autoren hingegen hätten die Möglichkeit, sich eine genauere Analyse zu holen, was dem Erfolg des eigenen Buches noch im Wege steht.

Die Software hat angeblich eine ‘Trefferquote’ von 80 Prozent, die Analyse dauert gerade mal 30 Sekunden. Als Grundlage wurden Tausende von Bestsellern und Nichtbeststellern eingelesen und ausgewertet.

Auf der Leipziger Buchmesse wird das Konzept dieses Jahr zum zweiten Mal mit einem eigenen Stand vorgestellt – dort haben Autor/innen zum Beispiel die Möglichkeit, eine Beta-Version am eigenen Manuskript auszuprobieren – , nachdem es letztes Jahr in Leipzig bereits den Neuland 2.0-Businesspreises 2018 gewann. Auch sonst erfuhr das Projekt Anerkennung und Förderung, wie zum Beispiel das EXIST-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums.

Der wirtschaftliche Nutzen für Verlage liegt auf der Hand.

Aber entspricht dieser wirtschaftliche Nutzen auch einem Gewinn für die Literatur?

Die Entwickler, Gesa Schöning und Ralf Winkler, betonen in Interviews, die Kreativität solle damit keineswegs abgeschafft werden und werde es auch nicht – im Gegenteil, es könne Werken, die sonst ungelesen durchs Raster der Verlage rutschen würden, eine Chance geben, entdeckt zu werden.

Das Team hinter der Software stellt sich auf der Webseite so vor:

“Was uns vereint, ist die Leidenschaft für Literatur, der Wunsch nach guten Büchern und die Vision, Qualität mit Wirtschaftlichkeit für die Buchbranche zu vereinen. Wir haben verstanden, dass die Auswahl von Literatur neue Wege gehen muss, um gekauft, gelesen und geliebt zu werden.”

¹ https://www.qualifiction.info/kontakt/ueber-uns/

Mein Bauchgefühl sagt: das ist eine Katastrophe.

Kann eine Software wirklich mehr dienen als der Wirtschaftlichkeit – kann sie Werke erkennen, die abseits dieses Kriteriums literarisch wertvoll sind? Ich frage mich unbehaglich, was zum Beispiel aus Autoren wird, die sich durch sprachliche Innovation den üblichen Kriterien entziehen, die die Grenzen austesten und vielleicht sogar bewusst überschreiten.

Vielleicht ist die Angst unbegründet, aber ich befürchte, dass die Nutzung dieser Software zu einer zunehmenden Monotonisierung der Literatur führen könnte. Zu einer katastrophalen Beschränkung auf das ‘Rezept’, das sich am besten verkauft, so dass irgendwann in jedem Genre nur noch zig Variationen des selben Bestsellers erscheinen.

Manchmal habe ich ja jetzt schon den Eindruck, dass jeder Bestseller eine Vielzahl von Büchern hervorruft, die dem gleichen Schema folgen. (Man denke zum Beispiel an die Flut von dominanten attraktiven Millionären nach “Fifty Shades of Grey”.)

Oder kann QualiFiction dem sogar entgegenwirken, indem es Bücher hervorhebt, die abseits der gerade angesagten Schemata Potential haben?

Der größte Vorteil ist aber zweifelsohne der eben schon genannte: Etwa drei Millionen Manuskripte gehen laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels jährlich bei den Verlagen ein. Viele bleiben da zwangsläufig ungelesen – und hier könnte eine Vorauswahl durch LiSA wirklich dazu führen, dass Büchern, die in der Masse ertrinken, eine Chance gegeben wird.

Aber welche Bücher werden da gerettet? Nur die, die den größten Gewinn versprechen – oder tue ich der Software damit Unrecht?

Ich bin mehr als skeptisch, aber gespannt auf zukünftige Rückmeldungen.

Wie seht ihr das?

Artikel und Berichte über QualiFiction:

Leipziger Buchmesse:
Die Bestseller-DNA

Gründerszene:
Dieses Startup will mit Algorithmen den nächsten Harry Potter finden

Börsenblatt:
“Wie entschlüsseln Sie die Bestseller-DNA, Frau Schöning?”

Osnabrücker Zeitung:
Software als Lektor: Spürt sie bald neue Bestseller für Verlage auf?

netzpolitik.org:
Bestseller-Algorithmus: Ist das Kunst oder kann das weg?

NDR.de:
“Bestseller-DNA”? Software untersucht Bücher

Bisherige Beiträge in der Rubrik ‘Lesegelaber’:

Über den Hype
Über das Belesensein
Über das Abbrechen
Über die Schande
Über die Trennung
Über das Verfallsdatum
Über das Lesezeichen
Über das soziale Lesen
Über den Leistungsdruck
Über die Leserille
Über die Diversität
QualiFiction – Innovation oder Ende der Originalität?

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Liebe Grüße,
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4 thoughts on “[ Lesegelaber ] QualiFiction – Innovation oder Ende der Originalität?

  1. Guten Morgen Mikka,

    also ich hab noch nicht davon gehört – glaub ich – und ich kann mich ehrlich gesagt auch nicht wirklich damit anfreunden.
    Natürlich ist es schade um die vielen Manuskripte, die ungelesen unter den Tisch fallen, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ein “Programm” einen menschlichen Leseeindruck nachvollziehen kann.

    Spannungsbögen … das alleine, manche Bücher fesseln durch ihre Schreibweise oder einem durchgehend spannenden Stil, oder brauchen für ihre Geschichte gar keinen speziellen Spannungsbogen – oder wie du schon sagst, grade außergewöhnliche Geschichten könnten dadurch durchfallen.

    Ob dadurch “mehr” Manuskripte gesehen werden ist da für mich fraglich, die Leute in den Verlagen können ja trotzdem nur ihre gewisse Anzahl lesen und prüfen, nur werden sie jetzt durch dieses Programm vorsortiert. Und die aussortierten sieht ja auch wieder keiner …

    Da bin ich genauso skeptisch wie du und weiß nicht, ob ich mich damit anfreunden könnte.

    Liebste Grüße, Aleshanee

    1. Huhu Aleshanee,

      ich habe den Verdacht, die wenigsten Vielleser sind begeistert von dieser Idee… Mein Mann meinte vorgestern, er würde sich nicht wundern, wenn sowas klammheimlich bei einigen Verlagen schon läuft!

      LG,
      Mikka

  2. Hallo zusammen,
    also, die Software fungiert letztlich wie ein Schwangerschaftstest. Sie zeigt bestimmte Parameter an, die im Text bereits vorhanden sind. Ob man sich über die dann freut oder nicht, liegt im Auge des Betrachters. Dabei “belohnt” die Software durchaus thematische Innovativität – bevorzugt wird hier eine Mischung aus bekannten, etablierten Erzählmotiven und neuen Impulsen. Genau das wird von den Lesern bevorzugt, das lässt sich anhand von Verkaufszahlen schon ganz gut feststellen. Letztlich zeigt die Software in einer Reihe von Grafiken nur, wie der untersuchte Text sich zur Masse der Vergleichstexte verhält – komplexer oder weniger komplex, dynamischer oder weniger dynamisch, stilistisch anspruchsvoller oder schlichter als die Vergleichsgruppe. Was man draus macht, ist Sache des Betrachters. Und keine Sorge, kein Verlag wird die Programmplanung einer Software überlassen 🙂 Sie ist einfach ein Tool, das man zur Beurteilung oder zur Verbesserung von Texten einsetzen kann.
    Schöne Grüße!

    1. Hallo,

      ah, das ist ja interessant! Woher weißt du das alles, hast du dir das auf der Buchmesse Leipzig angeschaut oder hattest du damit selber schon zu tun / bist du da irgendwie dran beteiligt? 🙂

      LG,
      Mikka

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