#Rezension Jenny Erpenbeck: Gehen, Ging, Gegangen

Jenny Erpenbeck Gehen, Ging, Gegangen

© Cover ‘Jenny Erpenbeck Gehen, Ging, Gegangen’: Penguin-Verlag
© Foto: A.M. Gottstein

Handlung

“Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind.”

“Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.”

(Klappentext)

Versuch über das Warten

Meine Meinung

Richard ist Professor, und das macht einen Großteil seiner Selbstwahrnehmung aus. Er ist Professor, aber er wurde gerade in den Ruhestand verabschiedet. Er ist Professor, und ihm geht darüber der Lebenssinn verloren.

Gehen, ging, gegangen.

Weil er selber gerade gehen musste, nimmt er sie erst gar nicht wahr – die Geflüchteten, die protestieren, weil sie schon wieder gehen sollen.

Die keine Heimat finden, nirgendwo, weil sie keiner haben will.

Dass er sich dann doch mit ihnen beschäftigt, ist erst reiner Egoismus. Weil er sich langweilt. Weil er eine Aufgabe braucht. Weil er, der jetzt alle Zeit der Welt hat und sie nicht haben will, mit jemandem über das Wesen der Zeit sprechen möchte.

“Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr hinausgefallen sind.”

Also erstellt er in penibler Vorbereitung einen umfangreichen Fragenkatalog, packt Notizbücher und Stifte ein und zieht los. Nur ein Forschungsprojekt – eine Möglichkeit, sich auch als Rentner noch den eigenen Wert als Wissenschaftler zu beweisen.

Sympathisch ist Richard zunächst nicht. Er ist ein Mensch, der rigide an seinen Vorstellungen festhält und dabei sehr wenig auf die Vorstellungen anderer Menschen eingeht. Nur allzu vage und oberflächlich bemüht sich der Bildungsbürger darum, ein guter Mensch zu sein.

Seine Betroffenheit ist verwaschen und halbherzig, mehr Selbstzweck als echtes Mitleid(en).

Richards Versuch, sich das Schicksal der Geflüchteten aus seiner klassischen Bildung heraus zu erklären, scheitert kläglich. Auch dass er seine eigene Erfahrung als entwurzelter DDR-Bürger mit den Erfahrungen von Menschen vergleicht, die den Krieg in seiner brutalsten Form erlebt haben, hat den schalen Beigeschmack des Egoismus.

Kurz: Richard steht über lange Passagen viel zu sehr im Mittelpunkt. Dabei entfaltet der Roman überall dort eine überaus starke Eindringlichkeit und Wirkung, wo den Geschichten der Geflüchteten Raum gegeben wird.

Dort wirkt er authentisch und unverbrämt, dort regt er zum Nachdenken an und erweckt Emotionen. .

Für mich war die vorherrschende Emotion Zorn.

Nicht nur Zorn auf die Kriegstreiber in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen, , sondern auch Zorn auf die europäische Bürokratie, die sie zu einem menschenverachtenden Spießrutenlauf zwingt, der oft von vorneherein vergeblich ist. Nicht zu vergessen: Zorn auf die Menschen, die alle Flüchtlinge vorverurteilen.

Genau diesen Menschen würde ich das Buch gerne als Pflichtlektüre verordnen.

Richard verkörpert in den ersten Kapiteln viele ihrer Vorurteile und Fehlinterpretationen. (Ja, da ist er manchmal sogar zu offensichtlich ein Stellvertreter für diese Menschen.)

Je mehr er sich jedoch mit den Geflüchteten beschäftigt und sie als Menschen sieht statt als Forschungsobjekte, desto mehr begreift er, wie unzureichend sein Fragekatalog ist, und beginnt, endlich auf einer Augenhöhe mit ihnen zu sprechen. Es entstehen Freundschaften, die Richards rigide Vorstellungen der Welt aufbrechen.

Awa, Raschid, Rufu, Osaboro, Ithemba und viele mehr… Ihre Geschichten sind das Herzblut eines Buches, das nicht perfekt ist, aber durchaus lohnende Lektüre.

Was mir in diesem Buch ein wenig zu kurz kommt ist die Frage, wie Menschen aus einem ganz anderen Kulturkreis damit umgehen, wenn sie sich hier einleben wollen und sollen – was für ein Konfliktpotential darauf entsteht, und wie Integration dennoch möglich ist. .

Fazit

Gern gelesen

Richard, seines Zeichens emeritierter Professor der Altphilologie, wird aufmerksam auf den Protest und Hungerstreik einer Gruppe von Geflüchteten in Berlin. Da ihm mit seiner Berentung der Lebenssinn abhanden gekommen ist, beginnt er im Alleingang ein Forschungsprojekt, bei denen er die jungen Männer zu ihrem Leben und ihrer Flucht befragt.

Die Geschichte ist großartig, wenn tatsächlich die Geschichten der Geflüchteten im Mittelpunkt stehen – und nicht Richard mit seinem Hintergrund als ehemaliger DDR-Bürger / Ehebrecher / Philologe, denn in diesen Passagen verliert das Buch viel an emotionaler Wucht.

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Titel Gehen. Ging. Gegangen
Originaltitel
Autor(in)Jenny Erpenbeck
Übersetzer(in)
Verlag*Penguin
ISBN*9783328101185
Seitenzahl*352
Erschienen am*9. Mai 2017
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
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